Er war es nicht!

Noah Hawley - Der Vater des Attentäters Cover Nagel & KimcheWas denkt und tut ein Vater, der schon Monate vorher weiß, wann sein Kind sterben wird? Datum und Uhrzeit des Todes stehen fest, denn Daniel Allen soll den zukünftigen Präsidenten der USA erschossen haben. Noah Hawleys Roman Der Vater des Attentäters erzählt von der Suche nach Antworten und den Zweifeln am eigenen Verstand.

von SIMONE SAUER-KRETSCHMER

Noah Hawley kann Fernsehunterhaltung – doch gelingt ihm auch ein überzeugender Roman? Als Drehbuchautor und Produzent hat er u.a. an den TV-Serien Bones und The Unusuals mitgearbeitet und nun seinen vierten Roman vorgelegt, der von der detektivischen Spurensuche eines Vaters berichtet, dessen Sohn die Welt als rechtmäßig verurteilten Mörder kennt. Dabei hält der Roman sich keinen Moment zu lang an weitschweifenden Vorerzählungen auf, sondern erzeugt durch rasantes Erzählen eine ungeheure Dichte von vermeintlichen Fakten und Vermutungen zum Tathergang.

Schuldfragen

Paul Allens Albtraum beginnt mit dem Einschalten der Fernsehnachrichten: Der demokratische Präsidentschaftskandidat Jay Seagram wurde während einer Wahlkampfveranstaltung in Los Angeles tödlich verletzt. Über die Identität des Attentäters besteht scheinbar kein Zweifel: Ein junger Mann namens Carter Allen Cash soll die Schüsse abgefeuert haben und befindet sich bereits in Gewahrsam, als es an der Haustür der Familie Allen in New York klingelt und Paul Allen vom FBI mitgenommen wird, um über seinen Sohn befragt zu werden. Augenblicklich ist für Paul, den erfolgreichen Rheumatologen, sein ebenso unbeschwertes wie zufriedenes Familien- und Berufsleben vorbei.Es beginnt eine groß angelegte Jagd nach immer neuen Puzzleteilen, um die Geschichte Daniels, übrigens sein Sohn aus erster Ehe, zusammenzusetzen. Dabei steht von Anfang an nicht nur die Frage nach der möglichen Schuld des Kindes im Vordergrund, sondern auch die immer stärker werdenden Zweifel Pauls an der eigenen Vaterrolle und der damit verbundenen Verantwortung, seinenSohn zu kennen. Ihm wird klar, dass er dahingehend auf ganzer Linie versagt hat, als er sich ein neues Leben an der Ostküste aufbaute, in dem für Daniel nur im Rahmen sporadischer Wochenendbesuche Platz war.

Verschwörungstheorien

Doch wie könnte die Scheidung der Eltern als hinreichender Grund genügen, um zu erklären, wie aus einer fixen Idee tatsächlich ein politischer Mord wird? Paul Allen gibt sich damit jedenfalls längst nicht zufrieden und verfolgt verschiedene Verschwörungstheorien, die seinen Sohn zumindest von der alleinigen Schuld an dem Attentat freisprechen würden, wenn es Paul doch nur gelänge, die eigentlichen Hintermänner des Dramas aufzuspüren. Manipulierte Übertragungsbilder, politische Interessen der Waffenlobby und flüchtige Bekanntschaften Daniels werden zum Anlass für weitreichende Spekulationen und Ermittlungen des Vaters, der nicht aufhören kann, an die Unschuld seines Sohnes zu glauben. Denn von Daniel selbst erfährt er kaum etwas: Sein Sohn schweigt beharrlich über die möglichen Motive des Attentats oder seine etwaige Unschuld und wird damit zur idealen Projektionsfläche für waghalsige Theorien darüber, wie es gewesen sein könnte. Doch die alles einbeziehenden Zweifel stellen letztlich auch die nervenzerreißende Ermittlungsarbeit, persönliche Überzeugungen und den Glauben an den eigenen Verstand in Frage, als dieser nur noch ein Ziel zu kennen scheint: Paul Allen muss beweisen, dass die vor Gericht vorgelegten Fakten noch nicht die ganze Wahrheit enthielten. Andernfalls wäre Daniel vielleicht tatsächlich schuldig – und was dann? Weiteren Grund zur Hoffnung weckt die Entdeckung von Daniels Tagebuch, das erklären soll, wie aus dem jungen Mann während einer langen Reise durch die USA ein anderer Mann namens Carter Allen Cash werden konnte. Aber finden sich dort tatsächlich Antworten, die Paul zu finden und zu akzeptieren bereit ist?

Wer von Der Vater des Attentäters einen gesellschaftskritischen Roman über das amerikanische Justizsystem und die Todesstrafe erwartet, wird enttäuscht sein. Wer jedoch ganz im Sinne eines gut gemachten Hollywoodfilms voller Cliffhanger und unerwarteter Wendungen unterhalten werden will – und dabei einen Abriss über die amerikanische Geschichte des politischen Attentats und der Paranoia mitlesen möchte – dem sei Noah Hawleys Buch empfohlen. Die mürrisch dreinblickende Frau mit den Knochen und den tollpatschig verliebten Ermittlerhengst muss man deswegen ja nicht auch gleich mögen.

Noah Hawley: Der Vater des Attentäters.
Aus dem Englischen von Werner Löcher-Lawrence
Nagel &Kimche, 400 Seiten
Preis: 21,90 Euro
ISBN: 978-3-312-00603-8

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