PROSANOVA, Performance, Social Reading und Sonne

Fabian Hischmann liest mit musikalischer Begleitung   Foto: Nadine HemgesbergDer Samstag in Hildesheim war warm, um nicht zu sagen heiß. Die Sonne schien unbeirrt in den Innenhof auf Autoren und Festivalbesucher, als hätte sie es sich zum Prinzip erklärt, die im Literaturbetrieb herrschende Hemmschwelle und Distanz zwischen Autor- und Leserschaft einfach wegzubrennen.

von SYLVIA KOKOT

So startete dann der Tag für mich, nicht wie eigentlich angedacht, mit dem Breakfastclub in der Cafébar – ich war zu spät dran, der Raum war komplett voll, aufgeheizt und ich hatte ja auch schon ein Frühstück im feinsten Gelsenkirchener Barock Ambiente des „Tessiner-Stübchens“ meines Hotels genossen – sondern mit der Sicherung eines schattigen Plätzchens im Innenhof. Diesen durfte ich dann bald mit Matthias Nawrat teilen, der bei „Auf Inseln“ aus seinem Buch Unternehmer vorlas. Etwa alle 15 Minuten wurde ein Gong geschlagen (Speeddating lässt grüßen) und die Zuhörer konnten sich einer anderen Leseinsel zuwenden. Stefanie de Velasco, mit einem Tuchturban gegen die Sonne geschützt, las aus Tigermilch und Fabian Hischmann mit seiner Posse, die unter einem Pavillon wohl den kühlsten Platz des gesamten Geländes erwischt hatten, boten neben Gelesenem auch Gesang.

Parallel dazu fand das Fußballspiel zwischen Autorennationalmannschaft und Schreibschulkader statt, das Letztere kurz vor Ende 2:1 für sich entscheiden konnten. Dieses wurde vom Litradio sehr engagiert und euphorisch live in Radio und Twitter kommentiert und in die Litradio-Lounge des Festivalgeländes übertragen.

Ungeplant und einigermaßen zufällig geriet ich dann in eine Vorstellung der Jenny. Denken, Behaupten, Großtun, ein Magazin für Angewandte Literatur aus dem Umfeld des Instituts für Sprachkunst Wien. Prosa, Drama und Lyrik finden ihren Platz im Heft und jeweils ihren spezifisch gestalteten Umschlag (das Magazin ist nämlich mit Wechselumschlägen ausgestattet) und auch Texte über Literatur und den Literaturbetrieb, so gibt es etwa Interviews beim Haareschneiden (Assoziationen mit der „Zu Tisch“-Kategorie der Welt werden wach). Vorgetragen wurden Texte aus dem letzten Heft und auch schon Ausblicke auf das neue: Großartige Texte und die Lesung, man erwartet bei studierten „Sprachkünstlern“ ja nichts anderes, eben mehr als das, zum Genießen.

Die szenische Lesung „dosenfleisch“ von cobratheater.cobra und Ferdinand Schmalz in der Turnhalle war dann wiederum etwas gewöhnungsbedürftig. Vielleicht habe ich die wichtigsten ersten fünf Minuten verpasst, jedenfalls erschloss sich mir das Konzept nicht ganz. Eventuell hätte sich Kafka in ähnlicher Form am Begriff des Schadenereignisses abgearbeitet, wie es die vier Akteure hier taten. Eine Schauspielerin verschwindet nach einem Unfall am Berg spurlos, ein Schadenregulierer, sonst nur Begutachter schlimmster Unfallfotos, begibt sich besessen auf ihre Spur, findet sie schließlich in der Nähe eines Rastplatzes, kommt aber nicht an sie heran und wird am Ende schließlich als Opfer der Rastplatzbetreiberin und der Schauspielerin selbst zum Schadenereignis. Das ganze wurde dann nicht nur vorgetragen, der Turnhallenraum wurde dabei mehrfach von den Darstellern durchschritten und durchlaufen. Kafka meets spatial turn.

Der Innenhof bot zum späten Nachmittag wieder vermehrt Schattenplätze. Ich ergatterte einen neben Bühne und Scrabble-Spielfeld und so konnte ich dann – zwischen den gelegten Worten Otter, Yak, Minne, Unschuld, Mär und Huld – auch der Lesung der Bürogemeinschaft Adler&Söhne lauschen, bei der Katharina Adler, Paula Fürstenberg, Benjamin Lauterbach, Thomas Peltzinger und Tilman Rammstedt Auszüge aus aktuellen Projekten zum Besten gaben.

Das Highlight des Abends war für mich dann #brandtlendlereich, Social Reading. Im Vorfeld hatten Jan Brandt, Annika Reich und Jo Lendle eigene aktuelle Arbeiten auf eine Plattform gestellt, die die jeweils anderen kommentierten. Dieses interaktive Lektoratskonzept, Text plus Kommentar, wurde dann von Autor und Kommentatoren vorgetragen und parallel auf eine Leinwand projiziert, so dass auch die Festivalbesucher – hatten sie denn einen guten Platz – nicht nur dem Gelesenen sondern auch dem Geschehen im und am Text folgen konnten. Dabei tat sich Jan Brandt als Performer süffisanter, zynischer und pointierter Kritik hervor, vor allem in seiner Vorwegnahme zukünftiger Feuilletonfloskeln à la: „Die Literaturkritik wird später sagen …“. Ein interessantes Konzept, das gerade durch den Vortrag, also eigentlich durch den Bruch, bzw. die Rückführung ins „Analoge“ seinen besonderen Reiz erhält.

Und heute steht folgendes auf meinem Programm:

12:30 Wie wir leben wollen. Lesung & Gespräch

14:30 Was wir machen. Lecture-Performance

17:45 PROSANOVA-Literaturwettbewerb

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5 Gedanken zu „PROSANOVA, Performance, Social Reading und Sonne

  1. Für mich war Social Reading auch ein wahres Highlight! 🙂 Hast du dir vielleicht merken können, wie dieses Video mit dem Reifen hieß? Ich würde es so gerne noch mal schauen, mir fällt der Titel aber einfach nicht mehr ein ….

  2. Pingback: Die Sonntagsleserin KW #22 – Mai/Juni 2014 | lese-leuchtturm.de

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