Der Dichter des „So sagt man“

Franz_Kafka_from_National_Library_IsraelVor 90 Jahren erlag Franz Kafka in Kierling bei Wien seiner Tuberkulose. Dem Klischee nach ein passender Abgang für ein Leben zwischen Unangepasstheit und Ängsten. Doch Kafka ist mehr als das Schreckgespenst für Oberstufenschüler. Und vor allem wichtiger. Eine Ehrenrettung.

von FABIAN MAY

Vor 100 Jahren und zwei Tagen verlobte sich Franz Kafka (1883–1924) mit Felice Bauer. Wenige Monate später begann er die Arbeit an seinem Proceß. Er soll heiraten, dieser Dichter, der zum Leben das Schreiben brauchte und zum Schreiben die Abgeschiedenheit des Junggesellen?
Wenn man den biografischen Kafka ansieht, hat man wie bei seinen Texten stets das Gefühl, da ist von Anfang an der Wurm drin. Damit muss man zurechtkommen. Kafka ist was für die Harten, denen es nichts ausmacht, jemandem dabei zuzulesen, wie er sich in sich selbst verheddert, stolpert, vielleicht letzten Endes stirbt. Das ist die Todgebundenheit, der zumindest seine unterlegenen Figuren nicht entkommen können.

Trotz allem lebendig

Doch es gibt auch Leben. Jenes Leben, das die Figuren wieder aufstehen und weitermachen lässt, ungebrochen, bis der Dolch die Augen bricht. Jenes Leben, von dem die Anekdote erzählt, Kafka habe lachen müssen, als er Freunden die Verwandlung vorlas („Als Gregor Samsa eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte, fand er sich in seinem Bett zu einem ungeheuren Ungeziefer verwandelt.“).
So muss man ihn auch lesen. Kafka, immer irgendwie biografisch, war ein gnadenloser Satiriker seiner selbst. Es gibt diesen Brief, in dem er Felice schreibt, „ich kann auch lachen“, und es belegt mit einer Szene aus dem Büro, als er in einer Audienz beim Direktor in absurdes, nicht zu bändigendes Lachen ausbricht. Ein Masochist.
Ja, vielleicht ist es hart, Kafka zu ertragen. Aber nur, weil er für jede Lebensäußerung konsequent durchspielt, dass die Rechnung 1 + 1 = 2 nur dann aufgeht, wenn man nicht genau hinschaut.
Und er schaut genau hin, der Jurist und damit Wortklauber von Beruf war. Im Bericht für eine Akademie, in dem ein Affe von seiner notgedrungenen Menschwerdung erzählt, karikiert er (so sagt man) das Anpassungsverhalten der Prager Juden aus seiner Vatergeneration an ihre christliche Umwelt. Und in der ziemlich expressionistisch anmutenden Beschreibung eines Kampfes verarbeitet er (so sagt man) die homoerotische Neigung zu seinem Schulkameraden Oskar Pollak. Und im Proceß die Suche eines Mannes, der sich angeklagt fühlt, nach einem Gesetz, das sich unablässig entzieht. So sagt man.
Dieses „So sagt man“ ist ein zentrales Moment in vielen Texten Kafkas. Vielleicht ist es der Grund dafür, dass er mit seinem persönlichen Jüdischsein nie ganz warm wurde. Weil das urprüngliche (religiöse) Gesetz, nach dem er suchte, bis zur Unkenntlichkeit mit Deutungen überformt ist. So ist es auch mit Kafka selbst. Man könnte sagen: Er ist das Gesetz. Das sieht man auch daran, dass sein Proceß weiter Stoff im Zentralabitur ist.
Oder daran, dass dieser Proceß seit 2012 gleich an drei großen Ruhrgebietstheatern gespielt wurde. Moritz Peters, Regisseur in Essen, wird zitiert, der Proceß sei immer noch von zwingender Gültigkeit, „weil er zeitlich und politisch so undefinierbar bleibt“. In Bochum hat der tunesische Regisseur Fadhel Jaibi Josef K. dem Waterboarding unterzogen und zeigt im Übrigen die Allgegenwart sozialer Kontrolle und anderer potenziell undemokratischer Praktiken.

Wie Kafka lesen?

Es fällt auf, dass beide Inszenierungen hochpolitisch daherkommen. Was man von Kafka nicht behaupten kann. Kafka interessierte sich zwar für den Zionismus und der Sozialismus sah in ihm den Chronisten einer perfekt entfremdeten bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaft, aber der Sozialismus verschrie ihn auch als defätistischen Individualisten. Unpolitisch war er, so legt es auch sein berühmter Tagebucheintrag nahe: „Deutschland hat Russland den Krieg erklärt. Nachmittags Schwimmstunde.“ Eher unpolitisch titelte denn auch die Westdeutsche Allgemeine über die Dortmunder Proceß-Aufführung: Es dürfe gelacht werden.
Gerade der Proceß kann auf ungezählte Weisen gelesen werden: als Prozess des Lebens selbst; als Gerichtsverfahren, das sich ein zutiefst egoistischer Mensch selbst macht; als Vorwegnahme totalitärer Staatswillkür; als eine Reihe von Abirrungen durch den fatalen Einfluss von Frauen; oder als parodistische Verarbeitung von Kafkas Erlebnissen als Sachverständiger für Betriebsunfälle bei einer Versicherungsanstalt.
Aber was hat man davon, einen so privaten, eigengesetzlichen Dichter zu lesen? Ich sage: zunächst erfährt man viel über die Möglichkeiten und Grenzen der Literatur, d. h. der Darstellbarkeit von Welt durch Worte. Zweitens (sobald man über die naiv-fatalistische Lesart hinweg ist) einiges zum Lachen. Und drittens: Man bekommt Einblick in eine beunruhigende, unauslotbare Welt unsichtbarer Kräfte hinter den Dingen.
Der Dichter des „Un-“ erzählt uns wahre Geschichten von der Unabschließbarkeit alles Geschriebenen und aller Deutung. Seine Texte führen das vor. Sie werden nie ausgeforscht sein. Sagt man.

Wer sehen will, was der Autor außer dem Stereotyp des zu früh gestorbenen Elends noch ist, dem sei Reiner Stachs launiges Buch Ist das Kafka? 99 Fundstücke (S. Fischer, 2012) empfohlen. Oder die vom Fischer-Verlag betriebene und von Stach betreute Webseite. Einen zeitgemäßen Forschungsstand zu Komplexen wie „Kafka und die Frauen“, „Kafka und Recht“, „Kafka und Judentum“ oder zu Kafkas Schuldgefühlen für den Tod seiner Brüder bietet z. B. das Kafka-Handbuch von Bettina von Jagow und Oliver Jahraus (Vandenhoeck&Ruprecht, 2008).

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