Wesentliche Worte werden gesucht!

RuhrpoetenIch bedaure es zunächst etwas, die sommerliche Wärme dieses Samstagabends nicht mehr auskosten zu können, als ich in die bunkerhaften Räumlichkeiten des Consol Theaters in Gelsenkirchen hinabsteige. Doch das warme gelbe Licht und die südamerikanischen Gitarrenklänge bringen einen Hauch von Sommer in den verdunkelten Raum hinein. Die Ruhrpoeten stellen sich vor.

von Esra Canpalat

Man fühlt sich inmitten der beiden Bühnen pudelwohl. Auf der einen heizen drei Mitglieder der Gruppe Senderos aus Essen dem Publikum mit sommerlicher Musik ein, auf der anderen findet das Hauptprogramm der Ruhrpoeten-Gala mit Lesung, Vereinsvorstellung und Literaturquiz statt. „Wir duzen jetzt alle, wie bei IKEA“, verkündet der sichtlich gut gelaunte Till Beckmann, Ruhrpoet der ersten Stunde. Doch langsam: Wer oder was sind die Ruhrpoeten eigentlich?

Nichts verlieren, viel gewinnen

Die Ruhrpoeten sind ein Verein, der sich als Ziel gesetzt hat, neue Literatur aus dem Ruhrgebiet und über das Ruhrgebiet zu fördern. Der Verein versteht sich somit als eine vernetzende Plattform für literaturbegeisterte Menschen. Angefangen hat alles 2009, als Till Beckmann beschloss, einen Ruhrgebiets-Literaturwettbewerb zu starten, um neue, frische Texte aus dem Ruhrgebiet zutage zu fördern. Zusammen mit Kathrin Butt aus dem Klartextverlag Essen organisierte er den 1. Literaturwettbewerb, bei dem der schönste Text über das Ruhrgebiet gesucht wurde. Dessen Erfolg zog einen zweiten Wettbewerb mit sich: Zum Motto „Leb‘ im Ballungsgebiet, das an Druckstellen wie Fallobst aussieht“ wurden unter 160 Einsendungen die drei besten gekürt. Der nächste Wettbewerb, der voller Spannung am heutigen Abend verkündet wird, wird diesmal vom 2013 gegründeten Verein organisiert. Jasminka Mesic, Vereinsmitglied und Teilnehmerin des 2. Literaturwettbewerbs, ermuntert die Anwesenden zur Teilnahme. „Man kann nichts verlieren, aber viel gewinnen“, sagt sie und stellt auch gleich ein Bildungsprojekt für Jugendliche vor, das sie als Ruhrpoetin gerne planen würde. Auch Literaturveranstaltungen stehen auf dem Plan des Vereins: So möchte der Schauspieler Nils Beckmann wie bei den vorherigen Literaturausschreibungen eine abschließende Lesetour mit einer Lesemannschaft starten.

„Schaumpilztage“

Bevor die Vereinsmitglieder dann aber mit dem Thema des nächsten Wettbewerbs herausrücken, gibt es noch Lesungen von Teilnehmern der letzen Ausschreibungen. Julia Sandforth liest ihren Gewinnertext von 2010 vor, der von der Kioskverkäuferin „Frau Duda“ handelt, deren Herz so groß ist, dass sie die gemischten Tüten extravoll macht. Bei Sandforths einfühlsamen Vortrag und dem anschließenden Verteilen von süßer Schulkreide kamen beim Zuhörer direkt Kindheitserinnerungen von „Schaumpilztagen“ hoch. Zusammen mit Helge Feder liest Nils Beckmann den Text „Student Samson F. in Dortmund-Nord im Monat Juni des vergangenen Jahres“ des im „Druckstellen“-Literaturwettbewerb zweitplatzierten Arthur Krutsch vor. Der damals wegen seines besonders fotografischen Blicks von der Jury gelobte Autor, beschreibt detailliert die inneren und äußeren Eindrücke seines vagabundierenden Protagonisten und entlockt dem Galapublikum den einen oder anderen Lacher. Auch das Literaturquiz mit Fragen rund ums Ruhrgebiet unter der Leitung der Quizzmaster Nils Beckmann und Arnd Hepprich macht dem Publikum sichtlich Spaß. Und dann ist es endlich so weit: Das Thema des Ruhrgebiets-Literaturwettbewerbs wird verkündet: „dicht!?“

(Ver-)Dichten

Georg Kentrup, Mitarbeiter des Consol Theaters und ebenfalls Vereinsmitglied, erklärt, warum gerade dieses Thema im Zusammenhang mit dem Ruhrgebiet relevant ist: „Das Revier will Wandel und Metropole sein. (Ver-)Dichten hat angeblich Konjunktur. Doch Gerüchte entstehen, wir müssten bald wieder zusammenrücken und uns nach außen abschotten.“ Wesentliche Worte werden gesucht, und das bis zum 01. Oktober 2014. In der Jury werden Andreas Rossmann (Frankfurter Allgemeine Zeitung), der Poetry-Slammer Rainer Holl (TU Dortmund), Beate Scherzer von der Buchhandlung Proust und Nils Beckmann sitzen. Ein weit gefasster, freier und spielerischer Umgang mit dem Thema ist erwünscht. Wer also im Sinne Mesic‘ nichts verlieren, aber viel gewinnen möchte, dem sei die Teilnahme wärmstens empfohlen. Und wem die Förderung von guter Literatur am Herzen liegt, der kann Ruhrpoet werden – den Vereinsbeitrag kann man sogar selbst bestimmen.
Draußen ist es mittlerweile dunkel geworden, als ich die warmen Lichter und Klänge des Consol Theaters verlasse. Vom anfänglichen Bedauern ist nichts übrig geblieben: Wohlig warm war’s auch drinnen.

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