Prosanova autopoietisch

Prosanova Bücher-Origami   Foto: Sylvia KokotEine große Narration bzw. ein großer Plot rankt sich um das diesjährige Prosanova-Festival und stellt damit scheinbar auch die zentrale Frage oder Anklage, je nach dem, von welcher Seite aus man es betrachtet: Die „Blasen“-Debatte, auch „Frühjahrsschreibschuldebatte“ oder auch Literatur-„Planeten“-Debatte.

von SYLVIA KOKOT

Das diesjährige Prosanova-Festival liegt nun schon eine Woche zurück. Langsam sollte wieder Alltag eingekehrt sein – bei den Organisatoren, Autoren und Besuchern. Kater ausgeschlafen, Sonnenbrand gekühlt und abgeheilt. Zeit für einen kleinen Rückblick, wie denn das „Festival für junge Literatur“ in den Feuilletons, also aus dieser schizophrenen halb drinnen-halb draußen Perspektive wahrgenommen wurde. Denn ist der dort präsente und präsentierte Literaturbetrieb auf diesem so alternativ anmutenden Festival nicht doch alles eine Mischpoke? Bei der jeder jeden kennt oder schon mal dabei gewesen ist, lesend, schreibend, schreibschülernd, what ever?

Fabian Schwitter z.B. merkt bei NZZ an, dass zwar über Lebensentwürfe der Schreibenden und Schreiben-Wollenden gesprochen wurde, dass die „Welt“ an sich aber ausgespart blieb. „Es bestätigten sich die im Vorfeld von verschiedenen Seiten geäusserten Vermutungen: Die junge Literatur feierte in Hildesheim vor allem sich selbst.“ Prosanova ist nicht nur in seinen Augen ein Insider-Festival, in dem der Literaturbetrieb gekonnt um sich selbst zu kreisen weiß. Fraglich ist, ob dieses „Über den Tellerrand-Blicken“ wirklich eine Zielsetzung von Prosanova sein sollte und ob es nicht als eine gewisse „Ehrlichkeit“ verstanden werden kann, wenn man dort, in der eigenen lauwarmen Suppenschüssel schwimmend, lediglich zwischendurch mal ein bisschen mit dem Löffel in die Bouillon platscht und ein paar Flecken auf dem weißen Leinentischtuch der „gehobenen Literatur“ provoziert.

Auch bei Hannah Lühmann in ihrem Zeit-Artikel „Wo sind hier die Germanistikhäschen?“ klingt die teilversteckte Kritik der Anführungszeichen an, wenn bereits im Intro von der „sogenannte[n] junge[n] deutsche[n] Literatur“ geschrieben wird: „Sogenannt“, ein Wort wie ein Fehdehandschuh, das „eigentlich nicht“ gleich mit sich tragend. Und so führt sie dann auch aus: „Wobei man sich fragen kann, was genau damit gemeint ist, wo dieses ‚jung‘ anfängt, wo es aufhört und ob das nicht eigentlich etwas ganz Schreckliches ist, junge deutschsprachige Literatur, etwas, das sich vom Mastfutter der Subventionen nährt anstatt vom Feueratem der Welt. Manchmal fallen dann Wörter: Streichelzoo. Elfenbeinturm. Blase.“ Bei der Formulierung ihrer Eindrücke ringt sie jedoch vermehrt um Worte, die ihr entweder nicht einfallen wollen oder die ihr zu einfach, zu platt oder zu sehr nach „Germanistikhäschen“ klingen. So sind die ehemaligen Schulflurwände bei ihr mit „origamiartigen Figuren aus bedrucktem Papier beklebt“. Klingt komisch, kann man sich wenig drunter vorstellen, aber es sind schlichtweg Bücher, die durch „origamihafte[]“ Faltkunst zu wändezierenden Objekten umfunktioniert wurden. Und auch bei der Beschreibung des Tischtennisspiels wollte ihr das Wort „Rundlauf“ wohl nicht in den Sinn kommen, sie umschreibt lieber: „wer den Ball nicht kriegte, schied aus und sah freundlich von der Bank aus zu“.

Aber ja, es war eben nicht nur Literatur, sondern auch Festival und Spaß und Kuscheln und jung sein und leben und Laune und Bier und Sonne, was nicht nur der Location einer ehemaligen Hauptschule geschuldet war. Neben dem vielfach erwähnten Tischtennisplatten wurde auch das Scrabbel-Feld regelmäßig beackert und hätte gut zum Sinnbild für dieses „Festival für junge Literatur“ avancieren können, aber vielleicht ist das auch zu schwach und zu platt und wieder eher so ein Ding, an dem „Germanistikhäschen“ Freude hätten.

Auch, wenn einige Gespräche, wie Ekkehard Knörer es so schön wiedergibt, beinahe autopoietisch um sich selbst kreisen, „[w]enn Literaten mit Literaten über Literatur sprechen, ist das oft schrecklich ermüdend: Es gibt da eine Überidentifikation mit dem Job. Schreibleidpalaver. Scheindistanzierte Betriebsironieironie. Entschieden versichert der eine der andern, es gehe im gemeinsamen Leben auch um anderes als das Schreiben. Der Eindruck vermittelt sich dem Außenstehenden nicht.“ Und auch wenn es an der Schreibschule in Hildesheim eher das Versprechen zu geben scheint, später nicht vom Schreiben leben zu können …So schließe ich mich Knörers Fazit an: „Die Stimmung war gut.“

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