Paula schreibt: Interpretationshilfe zum modernen Mann

Paula Lambert - Keine Angst, der will nur spielen   Cover PiperEin pinkfarbener Einband, auf dem Cover der Scherenschnitt einer „starken“ Frau im kurzen Kleid, die selbstsicher die Hände in die Hüften stemmt und ein Titel, der alles und nichts bedeuten kann: die Covergestaltung von Paula Lamberts Buch Keine Angst, der will nur spielen. Der Männer Report erfüllt äußerlich und auch inhaltlich die allgemeinen Erwartungen an Bücher, die im Buchhandel die Abteilung „Freche Bücher für freche Frauen“ füllen. Glücklicherweise bleibt es aber nicht nur dabei.

von PIA ALEITHE

Was man an Autorin Paula Lambert schätzt, die sich als ‚Sexpertin‘, GQ-Kolumnistin und Moderatorin ihrer TV-Sendung Paula kommt in allen Formaten herumtreibt, ist die moderne, aufgeklärte und unverblümte Art, mit der sie über Sex spricht. Diese Qualität, die auch in der heutigen Zeit noch Seltenheitswert hat, lockert Lamberts Männerreport auf, der besonders zu Beginn eine Aneinanderreihung stereotyper Behauptungen über das Wesen moderner Männer ist. Die nach verschiedenen Männertypen gegliederten Kapitel (z.B. der ‚Eigentlich-Mann‘, der ‚Personal Trainer‘ oder der ‚Berufspubertierende‘) erhalten durch die Offenheit der Autorin eine Leichtigkeit und einen gewissen Unterhaltungswert, die ihre Allgemeinplätze erträglich machen. Der Vergleich zwischen Sex und Schnee („man weiß nie wie viel Zentimeter man bekommt und wie lange er hält“) amüsiert ebenso wie die saloppen Formulierungen zum Thema Partnerschaft, wie beispielsweise die lebhafte Beschreibung des ernüchternden Erwachens aus einer „Kackbeziehung“.
Unterhaltsamkeit allein macht Lamberts Männerkategorisierung jedoch noch nicht sonderlich lesenswert. Besonderes die Liste der ‚unverrückbaren Tatsachen‘ über den modernen Mann ist oberflächlich betrachtet vielleicht witzig, aber bei genauerem Hinsehen eine Farce. Als Mann könnte man sich doch stark auf seine Vorliebe für Pornos reduziert fühlen und wäre beleidigt von dieser stereotypen Aufzählung von Charakterzügen, die eher zu den ‚Idioten‘ passen, die Lambert in späteren Kapiteln immer wieder beschreibt. Nach 60 Seiten geht es zum Glück mit den Klischees bergab und den Fallbeispielen bergauf. Mit letzteren begibt sich Lambert auf Abwege in die emotionale Sphäre zwischenmenschlicher Beziehungen und verbindet ihr Expertenwissen zu den Themen Sex und Liebe effektiv. Trotzdem bleibt bis zum Ende fraglich, ob die von realen Klienten abgeleiteten Männertypen allgemeine Gültigkeit beanspruchen können.

Männer und Frauen, Menschen und Stereotypen

Es ist ein Paradoxon: So tiefgreifend die einzelnen, realen Paarbeziehungen durchleuchtet und die dahinter liegenden Problematiken nachvollziehbar erklärt werden, so oberflächlich lesen sich jedoch die daraus geschlussfolgerten Männertypen. Das liegt weniger daran, dass es dem Leser nicht möglich wäre, zumindest einige Männer aus dem eigenen Freundeskreis den Kategorien zuzuordnen, sondern daran, dass man den meisten damit – und das liegt wohl in der Natur solch eines Reports – nicht gerecht wird. Grund dafür ist eine Tatsache, die Lambert selbst anspricht und sicherlich nicht unberechtigt als problematisch empfindet: Frauen lassen sich von männlichen Idealbildern blenden. Eine Lösung dieses Problems ist der Männerreport jedoch nicht. Den Idealbildern werden hier Männertypen entgegengestellt, die sich als Nicht-Ideale genauso wenig auf das reale Leben übertragen lassen wie die von Frauen imaginierten Männerbilder, da es sich in beiden Fällen um fiktive Konstruktionen handelt.

Das Fabelhafte an den konstruierten Typen ist, dass man sie aufgrund ihrer vagen und oberflächlichen Art sehr simpel ebenso gut auf Frauen anwenden könnte. Sicherlich ist es jedem Leser möglich, in den ‚Berufspubertierenden‘ oder den‚Macho‘ bis zu einem gewissen Grad auch eine Dame aus dem eigenen Umfeld hineinzulesen. Und sicherlich lassen sich umgekehrt auch Männer von Idealbildern blenden. Diese Erkenntnisse relativieren Lamberts Typisierungen und verweigern dem Buch eine Tiefe, die der beabsichtigten Genderverständigung nützlich gewesen wäre – denn Eins ist klar: ob Mann oder Frau, der Mensch bleibt Mensch und die wahre Intimität zwischen zwei Menschen, die auch Lambert als wichtig anerkennt, erreichen sie nicht, indem sie sich an Stereotypen und einer Liste von ‚unverrückbaren Tatsachen‘ orientieren. Der Versuch, Frauen ein tieferes Verständnis für Männer zu vermitteln, scheitert also daran, dass mit Verallgemeinerungen und humoristisch gut gemeintem Überfeminismus Potenzial verspielt wird, was der Zielgruppe der Pink-Cover-Buch-Käuferinnen zwar tendenziell gefällt, ihnen aber nur einen stark vereinfachten und somit verzerrten Einblick in das Phänomen ‚Mann‘ geben kann.

Keine Angst, sie will nur spielen

Bei diesem Buch bekommt man, was vom Cover zu erwarten ist: eine auf Kurzweil ausgerichtete, ungefähre Orientierung zu den „veränderten Männern“ des 21. Jahrhunderts. Neben vielen einleuchtenden Feststellungen zu den Themen Partnerschaft, Emanzipation und fehlender Emanzipation auf Seiten der Männer ist der aus Sicht einer ‚Sexpertin‘ verfasste Männerreport kein schlechter Einstieg in die Ergründung von Beziehungsmustern, auch wenn dieser eindimensional bleibt. Auch ein späterer Exkurs in die Philosophie, in dem die Autorin über ihre eigenen Erkenntnisse zur Wichtigkeit von Selbstliebe sinniert, ändert wenig daran, dass Frau Lambert bei ihrer überaus wichtigen und schönen Mission, eine natürliche und unbefangene Gesprächskultur für körperliche Bedürfnisse zu etablieren, bleiben sollte. Ihr (und vielleicht jedes?) Buch über Männertypen ist wie ein weibliches Geschlechtsorgan: man weiß nie wie tief es geht und ob es innen genauso pink ist wie außen herum.

Paula Lambert: Keine Angst, der will nur spielen. Der Männer Report
Piper, 240 Seiten
Preis: 8,99 Euro
ISBN: 978-3-492-30020-9

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