Ein bisschen Faith, ein bisschen Hope

Paley_Ungeheure_Veraenderungen_in_letzter_Minute  Quelle: Schöffling & Co.Seit Alice Munro 2013 für ihre Short Stories mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet wurde, scheinen Verlage durch das Veröffentlichen von Kurzgeschichtenbänden englischsprachiger Autoren auf dieser Erfolgswelle mitreiten zu wollen. Wie schön, dass dieser Trend den deutschen Lesern die großartige Grace Paley dadurch näher bringt!

von ESRA CANPALAT

Faith am Nachmittag. Zu Besuch im Children of Judea-Altenheim, muss sie vor ihren Eltern und unter den skeptischen Blicken der immer nörgelnden Mrs. Hegel-Shtein, „Vorsitzende des Großmutterwollsocken-Vereins“, ihre gescheiterte Ehe mit Ricardo rekapitulieren. An den U-Bahntreppen verabschiedet sie sich von ihrem Vater, der seine schweißnasse Hand aus ihrer fallen lässt, „bevor sie sich von seinem alten gekränkten Gesicht abwenden“ kann. Später sitzt Faith auf einem Baum. Von oben beobachtet sie ihre Nachbarn und deren Kinder, und wird von ihrem für sein junges Alter schon recht erwachsenen Sohn Richard immer wieder in die Schranken gewiesen: „Gut, wir sind ein Problem für dich, Faith, wir halten dich in Unfreiheit […] Aber es stimmt, du schwärmst für alle anderen Kinder, nur für uns nicht.“ Irgendwann geht ein mit Töpfen und Pfannen klappernder Demonstrationszug durch den Park und der völlig überforderte Officer läuft ihm verzweifelt hinterher. Eine zusammenhängende Geschichte möchte man glauben. Doch es sind mehrere Kurzgeschichten, die Grace Paley ihrem Alter Ego Faith Darwin Asbury gewidmet hat, einer Frau, die sich den politischen und gesellschaftlichen Widrigkeiten der 60er- und 70er-Jahre entgegenstellt. Paley soll einmal gesagt haben, sie schreibe Kurzgeschichten, weil das Leben kurz sei. „Ich hätte schon Interesse daran, einen Roman zu schreiben. Ich bin nicht desinteressiert“, sagt sie in einem Interview mit dem Columbia-Magazin von 1978. Doch ihre fast schon lyrisch anmutenden Geschichten gewinnen gerade durch ihre Kürze an Ausdruckskraft.

„Ich will doch hoffen, dass es politisch ist“

Grace Paley wird 1922 als Tochter russisch-jüdischer Einwanderer in New York geboren. Sie bricht die Highschool ab, besucht aber, nachdem sie aufgrund häufiger Fehlzeiten am Hunter College exmatrikuliert wird, zeitweise Kurse anderer Universitäten. Unter anderem nimmt sie an einem Kurs von W.H. Auden an der New School for Social Research teil, der ihre Gedichte liest und sie dazu bewegt, ihre eigene Stimme in der Alltagssprache, die sie hört und spricht, zu finden. 1959 erscheint nach ersten Veröffentlichungen ihrer Erzählungen im Accent: The Quarterly ihr erster Erzählband The Little Disturbances of Man (Die kleinen Widrigkeiten des Lebens). Paley engagiert sich ab den 1960er Jahren in der Friedens- Frauen- und Bürgerrechtsbewegung. Besonders ihr zweiter Erzählband Enormous Changes at the Last Minute (Ungeheure Veränderungen in letzter Minute), der 1974 veröffentlicht wird, ist von den gegenwärtigen politischen Umständen und Veränderungen geprägt. Von der Presse wird Paleys Prosa nicht besonders viel wahrgenommen. Erst die positive Kritik von Philip Roth im New Yorker trägt zum Erfolg des Bandes bei und beschert Paley sogar eine Dozentur an der Columbia University und dem City College in New York.

Die Erzählungen spielen oftmals in den sozial schlechter gestellten Milieus von New York und haben, neben den immer wiederkehrenden Frauenfiguren Faith und Hope, geschiedene Frauen als Protagonistinnen, die den bonierten Menschen ihrer Umgebung die Stirn bieten. Auf treffende Weise erzählt Paley aus der Sicht der traditionsbewussten und konservativen Zeitgenossen, wie beispielsweise aus der Perspektive von Dolly Raftery, die mit ihren Vorurteilen nur so um sich wirft. Mit ihrem ironischen Ton, ihrer genauen Beobachtungsgabe und dem Einfangen der Alltagssprache ihrer Zeitgenossen und der verschiedenen ethnischen Gruppen gelingt es Paley, realistisch Menschen und deren Lebensumstände zu beleuchten, ohne dabei belehrend den moralischen Zeigefinger zu schwingen: Sie zeigt mehr, als dass sie erklärt. Den Rest überlässt sie dem Leser. Darin liegt auch die Qualität ihrer Short Stories: in dem, was nicht gesagt, aber gedacht werden kann. Eben dadurch erhalten ihre Texte einen lyrischen Charakter, denn Paley legt jeden Satz behutsam und mit Bedacht an: „Wenn man Prosa schreibt, muss man oft eine sehr schmucklose Sprache verwenden, so dass nicht jede Zeile bedeutungsvoll erscheint. Dabei ist natürlich immer jede Zeile bedeutungsvoll.“ Dennoch verlieren die Geschichten trotz ihres Anti-Lehrstück-Charakters niemals ihre politische Pointe. Auf die Frage, ob sie der Ansicht sei, ihr zweiter Erzählband sei kritischer als der erste, antwortet sie selbstbewusst: „Ich will doch hoffen, dass es politisch ist.“ Für ihre Kurzgeschichten und ihr politisches Engagement wird Paley mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, u.a. 1987 mit dem renommierten Senior Fellowship des Literaturprogramms des National Endowment for the Arts.

Die Absichten sind klar, und dennoch…

Die Absichten von Schöffling & Co. und aller anderen Verlage, die nun vermehrt auf englischsprachige Short Story-Autoren setzen sind klar. Wenn dabei aber den deutschen Lesern solch mutige und einfühlsame Literatur, wie sie Grace Paley geschaffen hat, nahe gebracht wird, dann sei’s drum, dass die Wahl getroffen wurde. Umso schöner, dass der Verlag auch weitere Veröffentlichung von Paley in deutscher Sprache in Planung hat. Für die folgenden Sommermonate sind die kurzweiligen und intelligenten Short Stories Paleys genau das Richtige!

Grace Paley: Ungeheure Veränderungen in letzter Minute
A. d. Englischen von Sigrid Ruschmeier
Schöffling & Co., 255 Seiten
Preis: 19,95 Euro
ISBN: 978-3-89561-236-7

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