Anleitung für einen Verriss

Vishniou Brennesselhaus   Quelle: luxbooksSetzt man voraus, dass eine Rezension in erster Linie ein Ausdruck der Marktlogik ist und infolgedessen jeder Leser wie ein Konsument behandelt wird, dem man klar machen muss, inwiefern sich die Investition von Geld (und Zeit) lohnen wird, dann erfüllt der Verriss die Funktion einer Warnung: Wer dieses Buch kauft, könnte sein Geld genauso gut verbrennen! Am Beispiel von Zmicier Vishnious Roman Das Brennesselhaus soll gezeigt werden, warum man die aufgerufenen zweiundzwanzig Euro und achtzig Cent sparen sollte.

 

von KAI FISCHER

Sie könnten Ihren Verriss direkt mit einem Angriff ad hominem beginnen lassen und darauf hinweisen, dass Autorenporträts unnötig wie ein Kropf sind, vor allem dann, wenn dieses, wie im Fall von Vishniou, direkt aus der Schule fortgeschrittener Künstlerposenfotografie eines Daniel Kehlmann zu stammen scheint. Wenn die Verlagsinformationen Sie darüber in Kenntnis setzen, dass der Autor „in vielen Künsten zu Hause“ sei, was heißt, dass er nicht nur Autor, Lyriker und Maler, sondern eben auch Performancekünstler ist, dann könnte Ihnen bereits schwanen, dass der Autor in seinen zahlreichen Kunsthäusern wohl hauptsächlich für Unordnung sorgt. Es besteht allerdings die Gefahr, dass der Leser/die Leserin Sie daraufhin zurechtweist und darum bittet, Sie mögen sich doch um den Inhalt des Textes kümmern und keinen Platz darauf verschwenden, den Autor anzugreifen. Dann könnten Sie mit einer starken Behauptung kontern und schreiben, Das Brennesselhaus sei als Lektüre so erquicklich wie eine Massage mit einem eingeschalteten Dampfbügeleisen. Der Verlag kündigt im Klappentext zwar eine „surreale, hochkomische und überaus unterhaltsame Tour de Force durch die weißrussische Seele“ an, doch fragt man sich durchgängig, wo sich denn die Unterhaltung und die Hochkomik dieses Textes verstecken. (Abgesehen davon, dass die Formulierung „hochkomisch“ unsinnig ist, zumindest solange bis jemand erklärt hat, ob etwas auch tiefkomisch sein kann.) Die Handlung lässt sich in etwa so zusammenfassen: Der Maler und Schriftsteller Safa Burschtyn hält sich für bestimmte Zeit im Berliner Künstlerhaus Tacheles auf und es geschehen viele verschiedene Sachen. That’s about it.

Surrealismus für Dummies

Präsentiert wird diese Nicht-Handlung in einer Sprache, die surrealistisch und wahrscheinlich deswegen „hochkomisch“ sein möchte. Man darf zur Diskussion stellen, ob folgende Stellen „hochkomisch“ sind: „Der Sonnenstrahl erinnerte an ein Krokodil. Ich verspürte große Lust, eine Peitsche zur Hand zu nehmen und mit aller Kraft auf das grüne Ungeheuer einzuschlagen.“ Oder: „Vielleicht schmorte dort ein geräuchertes Genie? Sie schoben ihre feuchten Nasen durch die Türschlösser und schnüffelten … Vielleicht rochen sie ja einen künstlerischen Braten? Wurde gerade ein Nilpferd oder gar ein Salvador Dalí dampfgegart?“ Es ließe sich die grundsätzliche Frage stellen, ob solch surrealistisches Sprachgeschmodder für die Länge eines Romans überhaupt funktioniert. Schließlich ist Bretons Nadja heute in erster Linie als literarhistorisches Dokument wertvoll und nicht als Unterhaltungslektüre. Wenn man derlei auf 250 Seiten ausbreitet, bleibt nicht mehr als ein nerviger Text, der vor allem deswegen prätentiös ist, weil er unbedingt originelle Kunst (mit einem sehr großen K) sein will. Verschlimmert wird dies durch die ständigen selbstreflexiven und metafiktionalen Einschübe, die nirgendwo hinführen. Das achte Kapitel ist allen Ernstes mit „Der Tod des Autors“ überschrieben ….

Zugegeben, weder verfüge ich über eine auch nur ausreichend zu nennende Kenntnis von der weißrussischen Literaturszene noch von der „weißrussischen Seele“, aber wenn dieser Roman aufgrund eines zu unterstellenden Provokationspotenzials auch nur einen weißrussischen Hund hinterm Ofen hervorlockt, dann darf man annehmen, Weißrussland ist in Sachen Literatur ausgesprochen konservativ. Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass Das Brennesselhaus zuallererst eine Polemik gegen die dortigen Verhältnisse sein möchte, was dem Roman auch gelingen mag. Aber (und das ist ein großes ABER), mir muss das nicht gefallen.

Schlampige Verlagsarbeit

Sie können dann Ihren Verriss damit beenden, darauf hinzuweisen, dass der Verlag hinsichtlich des Layouts und des Lektorats, nun ja, nachlässig gearbeitet hat. Nicht nur finden sich zahlreiche fehlende oder doppelte Leerzeichen, sondern zudem vermehrt syntaktische oder orthographische Fehler. Letztere könnte man in der Gesamtanlange des Romans als die einzig gelungenen Scherze betrachten. So ist an einer Stelle vom „Zeigefinder der rechten Hand“ die Rede und an anderer Stelle liest man etwas von einem ganz außergewöhnlichen Gewässer, dem „schlussfolgerteich“.

Wenn Sie gute Arbeit geleistet haben, wird keiner Ihrer Leser zum besprochenen Buch greifen wollen. Sollte dies trotzdem jemand in Erwägung ziehen, schließen Sie mit dem Hinweis, dieser jemand möge zum Arzt gehen und sich auf seine literaturkritische Zurechnungsfähigkeit untersuchen lassen. Und laut Dudenempfehlung sollte es BreNNNesselhaus heißen!

Zmicier Vishniou: Das Brennesselhaus
Luxbooks, 250 Seiten
Preis: 22,80 €
ISBN: 978-3-939557-08-1
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