Entschlossen maritim: Mathias Jeschkes melancholisch-ironische Gedichte

Mathias Jeschke: Der Fisch ist mein Messer Quelle: edition AZURDer Fisch ist mein Messer heißt rätselhafterweise dieser Band, und der Titel ist Programm, nicht nur, weil er es schafft, gleichzeitig auf den biblischen Hebräerbrief (4,12) und Hans Benders berühmt gewordene Poetik-Anthologie Mein Gedicht ist mein Messer von 1961 anzuspielen, sondern auch, weil diese Gedichte das mehrmalige Um-die-Ecke-Denken bei Leser und Leserin unbedingt einfordern.

von STEPHANIE HEIMGARTNER

Um die leidigen Fakten gleich aus dem Wege zu bringen: Der Autor, Mathias Jeschke, geboren 1963, arbeitet außer als Dichter auch noch als Lektor. Er schreibt schon lange, außer Lyrik auch Kinderbücher, und gibt bei Horlemann in Berlin die Reihe LYRIKPAPIRI heraus. In letzter Zeit waren seine Gedichte in den Akzenten und der Neuen Rundschau zu lesen, er ist also durch die Kanonisierungsorgane der deutschen Literaturlandschaft erfolgreich hindurchgegangen.

Ein Geheimnis, das keins ist, um das aber der Band kreist: Die Gedichte sprechen zum weit überwiegenden Teil vom Meer – aber der Autor lebt in Stuttgart. Das fühlt sich dann so an:

Das Küstenherz lässt sich ungern

inlands verbringen! Bei langer

 

Abwesenheit fällst du tags

in einen Schlaf […]

„Von hier aus hinaus“

Also muss man reisen – nach Cornwall, nach Lissabon, nach Calvi auf Korsika oder nach Schleimünde in Schleswig-Holstein. Fast egal, Hauptsache: „hier nimmt alles festen Boden//unter den Füßen haben ein Ende.“ Und wenn man das sichere Land zugunsten der sandigen, schlammigen oder brüchigen Küste aufgegeben hat, dann eröffnet sich der freie Raum: „Dein Blick springt über/die Klinge, den Horizont//in den klaffenden Himmel hinein.“ Oder: „Von hier aus hinaus,/hinaus: Das unerklärliche Meer, der Himmel und unsre Versonnenheit.“

Es sind aber nicht die großen Weltentwürfe, die sich beim Anblick der ozeanischen Weite eröffnen. Vielmehr speisen sich diese Gedichte aus der Umkehr zu den kleinen Dingen im Angesicht der größten. Dass der Ellenbogen der Nachbarin aussieht wie die Haut einer gerupften Pute und die Badezimmer des Hauses, dem eine Wand fehlt, wie die herausgestülpten Verdauungsorgane bestimmter Korallen, versetzt einen in eine Welt voller kurioser Geschöpfe und Erscheinungen, die sich gelegentlich als äußerst komisch entpuppt. Etwa in dem Gedicht Normalverteilung, in dem die lieben Mitmenschen stets im Wege stehen, ob in der Ausstellung, im Supermarkt oder an der Haltestelle, bis man sich entnervt fragt: „Bist du denn der einzige, dessen Vorstellung/von der Verteilung der Körper im Raum dem eine Grenze setzt/[…]?“ Die Erkenntnis, dass man selbst auch ganz schön im Weg sein kann, dämmert dem Sprecher erst, als ihm selbst ein großer Käfer „mit Getöse ins Gesicht“ fliegt. Der Unbill des Alltags hilft nur ab, dass man gelegentlich die Rolle des „inneren Tankwarts“ einnehmen kann: Der „[w]irft die Füße auf den Tisch,/lässt alle Neune gerade sein.“ Oder sich eine Scheibe von denen abschneidet, die besser dafür ausgerüstet zu sein scheinen, dieses Leben auszuhalten. In dem Gedicht Lebenshilfe heißt es von ihnen: „Sie fahren in ihrem Shuttle durch die/sogenannte mündige Gesellschaft./Subversive Einsatzkräfte auf dem Weg,/den lähmenden Lebensernst auszuhebeln.“

In der Regel aber sind diese Gedichte melancholisch. Sie trauern mit viel Bescheidenheit und Selbstironie um die Möglichkeit, sich über irgendetwas wirklich im Klaren zu sein. Gewissheit reicht allenfalls so weit wie der Lichtstrahl des Leuchtturms:

„[…]

Schaust nach oben, ein kreiselndes

Dach aus Licht über dir.

Ein Zirkuszelt, leuchtend.

 

Die Enden festgemacht in den

suchenden Blicken der Seeleute

draußen. Ein All im All,

 

erfüllt vom Begriff Orientierung.

Du bleibst und schaust, bis du weißt,

wo hinaus das noch führt.“

Doch Gewissheit kann vielleicht gar nicht das Ziel sein. Schon Ingeborg Bachmann wusste, dass im Gedicht auch Böhmen am Meer liegen kann. Von Mathias Jeschke erfahren wir, dass das auch für Stuttgart gilt.

Mathias Jeschke: Der Fisch ist mein Messer. Gedichte.
edition AZUR, 96 Seiten
ISBN: 978-3-942375-08-5
Preis: 16,90 EUR
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