Am Hofe des Dortmunder Balletts

Zum Anlass des bevorstehenden Endes der Spielzeit 2013/14 lud das Dortmunder Theater am letzten Samstag, dem 28. Juni zu seiner 19. Internationalen Ballettgala. Somit trafen sich dort eine beträchtliche Anzahl an berühmten Solistinnen und Solisten, um ihre jeweiligen Balletthäuser im funkelnden Licht zu repräsentieren.

Von SILVANA MAMMONE

Jeden Sommer und Herbst, zum Ende der einen und Beginn einer anderen Spielzeit, öffnet das Dortmunder Ballett seine Tore für die Creme de la Creme des klassischen Tanzes. Opernhäuser aus den verschiedensten Ländern entsenden ihre weiblichen und männlichen Grazien, um Ballett-Traditionen zu pflegen und die Schönheit des klassischen Tanzes immer wieder aufs Neue zu zelebrieren. Die diesjährige Gala war vor allem dem Neoklassizismus gewidmet, der um 1930 von George Balanchine begründet wurde. In dieser Periode, in welcher auch der Modern Dance geboren wurde, suchte man vor allem die Traditionen des romantischen Handlungsballetts wiederzubeleben. Romeo und Julia, Giselle und ein ganz besonderer Schwan wurden aus den Tiefen der Unterwelt gerufen, um dem Ausdruckstanz etwas entgegen setzen zu können.

Die kennt man doch…

Der Schwan war Samstag auch wieder da, extra von der L´Opéra de Paris angereist, mit klackernden und quietschenden Spitzenschuhen, in denen das Watscheln wahrhaft schwierig ist. Des Weiteren waren Solistinnen und Solisten aus Berlin, Stuttgart, Washington und München zu sehen. Xin Peng Wang, Ballettdirektor in Dortmund, zeigte mehrere Ausschnitte aus seiner Choreographie zu Dimitri Schostakowitschs Krieg und Frieden, die einzigen Momente der Gala übrigens, in denen mehr als zwei Tänzer zu sehen waren. Alle zugereisten TänzerInnen präsentierten Soli oder Pas des Deuxs. Insgesamt sechszehn Choreographien, wobei musikalisch eine Vielzahl an bekannten Komponisten von Rachmaninow und Tschaikowski bis Schubert, Haydn und Grieg zu hören waren.

Ballet for Ballet´s Sake

Worum geht es im Ballett eigentlich? Um Musik? Um Perfektion und Schönheit? Um Sagen und Märchen, die nicht vergehen? Wahrscheinlich um alle diese Dinge und mehr. Das Gute und zugleich Schlechte an einer Ballettgala, wie mir am Samstag bewusst wurde, ist, dass sie die einzelnen Facetten des klassischen Tanzes auf subtile Weise zum Vorschein bringt. Denn natürlich geht es um Musik denn ihre Nuancen, Höhen und Tiefen bestimmen jeden einzelnen Schritt der TänzerInnen. Sollte einem die Choreographie nicht gefallen, lauscht man eben der Musik und starrt in den Orchestergraben – auch wenn dies am Samstag leider nicht möglich war, da die Musik vom Band kam.

Haarscharfe Präzision für ToupeträgerInnen

Ebenso ist Perfektion wesentlich für die Faszination an Ballett. Es gilt als hinlänglich bekannt, wie atemberaubend die Körperbeherrschung einer Ballerina oder eines Ballerinos ist. Bei dem amerikanischen Solisten Brooklyn Mack wurde dies besonders deutlich. Als Acteon in Agrippina Vaganovas Stück Diana und Acteon, wurde er bereits auf der ganzen Welt berühmt, wobei man sagen muss, dass er einem vor allem als Hirsch, denn in solch einen verwandelt ihn die Göttin Diana, den Atem raubt. Selten habe ich einen Tänzer so hoch springen sehen. Auch die älteren Damen und Herren waren begeistert und so erschien mir sein Solo eher wie eine akrobatische Zirkuseinlage, bei der tatsächlich nach jedem Sprung geklatscht und gejubelt wurde. Zudem ist eben dieses Pas des Deux exemplarisch für die Rollenverteilung im konservativ-klassischen Ballett. Während sich die durchaus fähige Ballerina auf ihren Spitzenschuhen nicht gerade frei bewegen kann und daher eher grinsend in Pose tritt – Arabesque, dann Passé, Pirouette usw. – springt der Mann fröhlich über die gesamte Bühne. Zur „ausgleichenden Gerechtigkeit“ tut der Mann beim Pas des Deux – überspitzt gesagt – nicht viel mehr als seine Partnerin zu halten und zu heben.

Und dann sind da noch die Geschichten. Es sind alte, mit Prinzen und Prinzessinnen, Nussknackern, Hexen usw. Nicht umsonst boomt der Kartenverkauf an Weihnachten, wenn es mal wieder Zeit wird, in die perfekt glänzende Welt des Balletts zu tauchen. Auch Balenchine dachte sich, dass man die pompösen Bühnenbilder und Kostüme nicht gegen Modern- bzw. Ausdruckstanz eintauschen darf. Wer schaut denn soetwas zum Festtag? Stattdessen choreografierte er eine Huldigung für die amerikanische Flagge in Stars and Stripes. Das passt ja auch wirklich besser und wurde auch am verregneten Sommertag der Ballettgala gezeigt.

Hassliebe

Ganz so subtil, wie ich es in dieser Rezension vorhatte, ist die Kritik am Ballett nicht ausgefallen. Neben verschmitzten Lachern und gelegentlicher Langeweile, gab es durchaus Lichtmomente. Der Abend beinhaltete auch Choreographien, die moderne und freiere Elemente beinhalteten, ohne dass sie die Ebene des Balletts verließen. Marian Walter und Rainer Krenstetter tanzten das Pas des Deux für zwei Männer aus Roland Petits Proust, welches mit Motiven aus Prousts Roman A` la recherche du temps perdu arbeitet. Ebenso überzeugt haben mich Risa Tateishi und Arsen Azatyan in dem Pas des Deux aus Cacti. In diesem bestimmten Moment des Stückes geht es um ein Paar, welches am Ende seiner Beziehung angelangt ist und nun vor der Frage steht, was aus der gemeinsamen Katze werden soll. Im Hintergrund des Duos wird der dazugehörige Dialog eingesprochen, getanzt wird zur Musik von Joseph Haydn. Choreograph war Alexander Ekman. Die Situation ist nicht nur humorvoll, sondern auch spielerisch und intelligent inszeniert. Das Stück nutzt Aspekte des Duos und seiner technischen Entwicklung, um die Paarbeziehung und ihre Reibungspunkte zu reflektieren. So scheint sich der Tanz auf der Bühne zu entwickeln, indem sich das Paar gegenseitig Bewegungen näher bringt und andere abweist. Dass die Annäherungen scheinbar doch erfolglos sind, versinnbildlicht nicht nur die am Ende tot von der Decke fallende Katze.

Was zu erwarten war

Die Dortmunder Ballettgala versorgte das treue und wenig junge Publikum mit der Portion Schönheit, Präzision und natürlich Tradition, welche es sich wünschte. So mag die Königdisziplin des Tanzes, mit seinen monarchischen Strukturen am Ende – so macht es zumindest den Anschein – bloß was für Hofdamen und Ritter sein. Solch eine Ballettgala ist eben ein Entertainmentabend, vielleicht auch lediglich ein Kräftemessen zwischen Tanzhäusern. Mit all seinen Facetten ist es schwierig sich in den Tanz zu vertiefen und zu versuchen ihn zu ergründen. An einem solchen Abend bleibt nichtsdestotrotz die Frage, welche Formen Ballett annehmen kann. Einige waren auf der Gala zu sehen, wobei es eben stets eine Gala blieb, auf welcher der Moderator sich „eine Träne wegdrücken“ musste. Die Hofnärrin musste sich währenddessen ein Lachen verkneifen.

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