Nerz-KZ und Schreibabyambulanz

Bachmannpreis mit postapokalyptischer StudiodekorationIn Klagenfurt haben die 38. Tage der deutschsprachigen Literatur begonnen. Nachdem der Ingeborg-Bachmann-Preis im vergangenen Jahr durch den Hauptveranstalter ORF in seiner Existenz infrage gestellt wurde, ist die Finanzierung nun durch das Land Kärnten gesichert. Die am heutigen Donnerstag gelesenen Texte boten einen eher düsteren Einstieg in den sommerlichen Betriebsausflug der österreichisch-deutsch-schweizer Literaturszene.

von LINA BRÜNIG und FABIAN MAY

In seinem kurzen Grußwort bezeichnete der scharfzüngige Juryvorsitzende Burkhard Spinnen das Erzählen von Geschichten und darüber Diskutieren als „anthropologische Grundkonstante“ und stellte den Bachmannpreis in die Tradition von romantischen Salons, Literatenzirkeln der Weimarer Republik und der Gruppe 47. Dies ist einerseits richtig, andererseits sind die TDDL mehr und weniger als die genannten Beispiele: Hier wird nicht etwa ergebnisoffen und konstruktiv mit den Autoren diskutiert, sondern über ihre Texte geurteilt. Michael Köhlmeiers Stimme wurde im vergangenen Jahr noch nach fast 30 Jahren brüchig, als er darüber sprach, wie der „Klagenfurter Literaturgerichtshof“ seinem Freund Jörg Fauser den Glauben an seine schriftstellerischen Fähigkeiten geraubt hatte. Auch die Zitatzusammenstellung von 45 Bachmannteilnehmern auf ZEITonline zeugt davon, dass die TDDL für viele Autoren das Potenzial zum Trauma haben.

Es besteht eine merkwürdige Disharmonie zwischen der bildhübschen, blitzsauberen, aber ziemlich prosaischen Stadt Klagenfurt und der ein Mal im Jahr anreisenden Autoren-, Verleger und Journalistenblase. So kann es vorkommen, dass man sich auf offener Straße über die verkniffenen Mienen einiger Mitzuhörer mokiert und sich eine einheimische Passantin prompt umdreht und „Amen!“ ruft. Das ORF-Landesstudio vermag als Herzstück des Bewerbs nicht, die Klagenfurter in größerer Anzahl anzulocken.

So ist und bleibt der Bachmannpreis wie es die ORF-Landesdirektorin lobend hervorhob vor allem „eine Insel“.

Und eine Bühne – für die, die von außen kommen und sie zu nutzen wissen. So wie die Preisträgerin aus dem Jahr 2011, Maja Haderlap. In ihrer Klagenfurter Rede zur Literatur rückte sie ein eher abseitiges Thema in den Fokus: Die identitäre Dimension des Sprachwechsels, wie sie ihn selbst vom Slowenischen ins Deutsche durchlief. Sie betonte, dass es in ihrer Heimat Kärnten noch immer nicht möglich sei, Slowenisch zu sprechen und zu schreiben, ohne dass es mit sozialen Zuschreibungen einhergehe: „Ganz Europa ist durchzogen von sichtbaren und unsichtbaren Sprachgrenzen.“

Erster Lesetag: Nerz-KZ, Männersterblichkeit und Schreibabyambulanz

Den Beginn macht Roman Marchel mit dem intensiven Text Die fröhlichen Pferde von Chauvet, der aus der Perspektive von einer Mutter und ihrer Tochter erzählt. Das langsame Sterben des Vaters prägt beider Alltag. Marchel verschachtelt kunstvoll Bewusstsein und Erinnerung der beiden Frauen und brennt dabei „kleine rhetorische Feuerwerke ab“, wie Spinnen bemerkt. Hubert Winkels kritisiert indes die Aufdringlichkeit mancher sprachlichen Mittel und sieht eine zu starke inhaltliche Nähe zu Michael Hanekes Amour. Daniela Strigl erwidert, dass Haneke das Motiv nicht erfunden habe. Jury-Neuling Arno Dusini, als Literaturwissenschaftler zuständig für intertextuelle Verweise, verweist auf eine Poe-Anspielung und lobt die vielen Dopplungen und Ambivalenzen, die der Text biete.

In Kerstin Preiwuß namenlosem Text steht die Erforschung von weitergebenen Traumata der Kriegsgeneration an ihre Kinder im Zentrum: Der NS-belastete Vater arbeitet in einer Nerzfarm der DDR und quält die Nachkommen mit schwarzer Pädagogik. Meike Feßmann lobt den kühl-naturwissenschaftlichen Stil, mit dem die Vorgänge bei der Nerzzucht detailliert beschrieben werden und so Interpretationsmöglichkeiten eröffnen, während Spinnen bei dem Text „zu viel in die Funktionale gerutscht“ sieht. So bleibt der Eindruck einer Erzählung, die einen kalt lässt, obwohl sie motivisch und sprachlich fein gearbeitet ist.

Tobias Sommer liest in Steuerstrafakte, wie ein kommerziell mäßig erfolgreicher Schriftsteller mit seiner (im Amtsdeutsch) „verlustbringende[n] Tätigkeit“ konfrontiert wird. „Dein Leben passt nicht zu unseren Akten“ (Spinnen), man habe Fragen. Der Schriftsteller setzt sich, während er wartet in den Stuhl des Finanzbeamten, was dieser kommentarlos hinnimmt. Ob der Text satirisch sein will, kann die Jury nicht feststellen. Vor allem, weil in Klagenfurt ja über die Autoren gesprochen wird. Strigl sagt, man lache nicht über die „Amtsstubenposse“ (Feßmann), weil der Zusammenprall von Kunst und Literatur allzu nahe liege. Winkels dagegen meint, der Text verzichte mit Methode auf Pointen, „um sich sofort wieder unlesbar zu machen.“ Der Stuhltausch erinnere Winkels an das Kapitel „Herrschaft und Knechtschaft“ in Hegels Phänomenologie – Strigl erwidert lakonisch, man könne das auch Rollentausch nennen. Steiner und Winkels attestiern dem Bürokratietext schmeichelnd eine Nähe zu Kafka. Das ist dann doch ein wenig zu viel des Lobes.

Ujjayi von Gertraud Klemm ist ein Bericht von einem Muttertag im „Muttergefängnis“ (Dusini). Klemm setzt in einer aggressiv-rücksichtslosen Sprache um, wie sich eine junge Mutter im „Frustrationslabyrinth“ verirrt und voller Ekel auf ihr Leben blickt. Spinnen zeigt eine deutliche Abwehrhaltung und wundert sich über eine Figur, die „Selbstverständlichkeiten der Reproduktion unerträglich“ findet. Man möchte ihm zurufen, dass eine postnatale Depression nicht nach vernünftigen Gründen fragt. Hildegard Keller nennt den Text „zweifellos kein Erbauungsstück“, findet ihn aber in seiner Radikalität und „Schelmenhaftigkeit“ gelungen.

Olga Flor erzählt unter dem romantischen Titel Unter Platanen (Romanauszug) von der mittelalten Soziologin Sibylle, die auf einer Tagung in Portugal fast wieder dem Franzosen aus ihrer Studienzeit verfällt. Arno Dusini stellt die Literarizität des Textes infrage und betont, dass er die Autorin eigentlich schätze. In dieser „Wohlstandsprosa“ sei sprachlich „alles vorentschieden.“ Strigl erwähnt positiv die „Spannung zwischen kontrollierter Schreibweise und unkontrollierter Handlung“ dieser Geschichte, die (einmal sogar explizit) die „Liebe als Krieg“ inszeniere. Die Sprache ist romanhaft-überspannt. Ist das ein Spiel mit Klischees? Vielleicht hätte der große Jury-Vorsitzende Aufklärung bringen können. Er durfte aber nicht…

Fauxpas des Tages:

Moderator Christian Ankowitsch wollte die recht unangenehme Diskussion über Olga Flors Text offenbar möglichst schnell beenden und überging aus Versehen Burkard Spinnen, dessen Meinung zu Unter Platanen nun sein Geheimnis bleiben muss.

Jury-Spruch des Tages:

„Ich weiß nicht, ob da so ein französisch-österreichischer Arschfick schon Literatur macht.“ (Dusini)

Antrag des Tages:

„Ich meine nach Jahren vorhersagen zu können, was Hubert Winkels missfällt. Das könnte der Beginn einer Ehe sein, wie es sie selten gibt.“ (Burkhard Spinnen)

Rat des Tages:

„Wir tun dem Text nichts Gutes, wenn wir an manchen Stellen sehr genau hinschauen.“ (Daniela Strigl über Preiwuß)

Lieblingssätze:

„Der Himmel hat die Farbe von Dingen, die früher einmal eine Farbe hatten.“ (Roman Marchel)

„Dann sind sie nur noch Pelz, den man vom warmen Körper zieht, bis jeder Nerz wie ein Nacktmull aussieht.“ (Kerstin Preiwuß)

„’Wegbeschreibung? Wer soll auf diesem Geschmiere den richtigen Weg finden, die Striche und Pfeile sehen aus, als führten sie vom Amt weg,’ sagt der Beamte.“

„Noch Nananen, sagt er, obwohl er längst Banane sagen kann, sogar die Kinder sind schon nostalgisch in ihre kleine blöde Vergangenheit verliebt.“ (Gertraud Klemm)

„Der kleine, verstohlene Akt, der dann im Schutz ihrer Regenbekleidung folgte, könne dem Ort nur Gutes tun, hatte er gemeint, und außerdem sei sie ihm das irgendwie schuldig als Deutsche.“ (Olga Flor)

Weiter geht es am Tag zwei …

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