Am Ende darf gelacht werden

Foto: Johannes PuchLesetag drei beim Bachmann-Preis in Klagenfurt. Nach dem Schweizer Block am Freitag beschert uns das Los nun zwei heitere Texte von Katharina Gericke und Tex Rubinowitz. Am Ende des Bewerbs steht ein fast einhelliger Verriss von Georg Petz’ überladenem Metaphernmix Millefleurs. Ein klarer Favorit zeichnet sich noch nicht ab.

von LINA BRÜNIG und FABIAN MAY

Es beginnt mit einem Stück Großstadtprosa, das nur scheinbar naiv ist. Eine Welle der Überheblichkeit erfasst das Pressecafé, als Katharina Gerickes Vorstellungsvideo auf dem Bildschirm erscheint, in dem sie ihren Wohnort Berlin-Moabit als „glamourfreie Zone“ bezeichnet. Als ihre Lesung beginnt, steht die Kollegin vom Hörfunk nach einer halben Seite theatralisch auf, nicht ohne zu bekunden, dass ihr ihre Zeit für einen solch „grausigen“ Text zu schade sei. Auch später: höhnisches bis mitleidiges Gelächter. Und dann: die Jury-Diskussion. Hier hat niemand ein böses Wort für Gerickes spielerisch-rhythmischen Text übrig, der mit „romantischer Ironie“ über die „Unaussprechlichkeit und Unsagbarkeit der Liebe“ (Spinnen) spricht. Strigl findet ihn „bezaubernd und bezwingend“, Feßmann ist „berührt“, Keller hat sich gar „verzaubern lassen.“ Auch Dauer-Meckerer Dusini findet DOWN DOWN DOWN. To the Queen of China Town immerhin „gut gebaut.“ Seine Ermahnung vom Vortag, man solle die Autorin nicht mit der Erzählinstanz verwechseln, war vielleicht doch angebracht, wie manche Reaktion auf Gericke zeigt.

„Ein Lakoniker mit Sex-Appeal“

„Bitte an diesem Text nichts mehr ändern, der ist gut, wie er ist“, urteilt Strigl über den Beitrag von Tex Rubinowitz. Sie hat ihn auch nominiert. Doch die Jurykollegen teilen ihr Urteil. In Wir waren niemals hier erzählt ein Künstler-Ich von der amour fou zu Irma. Irma lebt wie er recht ziellos, sie lernt ohne Not Koreanisch, raucht viel und leckt zwischendurch an Batterien. Ihre Beziehung besteht vor allem darin, dass sie „ihre eigene Lethargie so selbstverständlich bewohnt“ (Feßmann) und sich ihm stets auf geistreiche Weise entzieht. Dusini sieht in dem witzigen Text ein „souveränes Stück Understatement“ über das Dasein und Nichtdasein in einer Beziehung, zumal (wer hätte das von Dusini erwartet) mit erfrischend wenig literarischer Bedeutungsschwere. „Ein Lakoniker mit Sex-Appeal“, stimmt Keller ein, „eine kleine poetologische Studie zur Negation“. Denn nach zwei Dritteln steigt der Text aus seinem eigenen Rahmen, die Figuren beginnen, sich selbst ironisch zu kommentieren. Die Ironie kommt an, da nicht ohne tiefere Gedanken. Steiner hilft übrigens, den Text durch seine Schlussnote als reflexiv zu verstehen. Der letzte Satz übers Verschwinden sei nämlich eine Variation von Marcel Duchamps Grabinschrift: „Es sind immer die anderen, die sterben.“

„Historie als Abgrund für literarische Ambitionen“

Wenige gute Haare ließ die Jury an Georg Petz’ Millefleurs. Ein junger Deutscher, verlobt mit einer Französin, muss sich auf einer gemeinsamen Reise durch die Normandie mit deren Jugendfreund auseinandersetzen, der ihn mit der dort spürbaren Kollektivschuld der Deutschen und gleichzeitig mit archaischen Männlichkeitsritualen konfrontiert. Es ist eine Konkurrenzgeschichte, die vom Weltkrieg bis zur Erdgeschichte alle Fässer aufmacht. Feßmann zollt der Größe der erzählerischen Aufgabe ihre Achtung, sagt aber, die Aufgabe sei nicht bewältigt, da durch das überpräsente „Leitmotiv der Millefleurs der Text zerstört“ werde. Fünf der sieben Juroren empfinden so, auch Spinnen meint, in dem eigentlich interessanten Plot „stehen sich die Metaphern gegenseitig doch arg auf den Füßen“. Fürsprache für den Text halten allein die Schweizer. Steiner versucht, Titel und Bilderreichtum kunsthistorisch als spätgotische Teppichkunst wegzuordnen. Keller (die Petz vorgeschlagen hat) macht geltend, im Setting Normandie komme der Text um die historische Aufladung nicht herum. Es überwiegt in der Jury aber die Watsche, auf den Punkt gebracht von Strigl: Die Geschichte könne sich eben als Abgrund für literarische Ambitionen erweisen.

Wird man wohl noch sagen dürfen I:

„Eine Miesmuschel wird man ja wohl in ihrer Unschuld belassen dürfen!“ (Strigl zu Keller über Georg Petz’ „Miesmuscheln in Sturmbannführerschwarz“)

Wird man wohl noch sagen dürfen II:

„Dieser Preis heißt Bachmann-Preis. Wir können doch nicht das Gedächtnis der Literatur wegschneiden!“ (Dusini)

Klagenfurter Zoo 2014:

Pferde, Stiere, Tiger, Katze Edgar, Wal, Hunde, Grille, Libelle, Skorpion, Nerze, Reh, Papagei, Spatzen, Fische u.v.m.

Aha-Moment des Tages:

„Das ist doch die größte Bedrohung der Menschheit: Männer fassen sich an.“ (Spinnen)

Watsche des Tages:

„Dort, wo es nicht zusammengeht, springt eine Poetisierung ein.“ (Dusini)

Zusammenfassung des Tages:

„Er trifft auf eine Frau, die auf den Apparat seiner Wünsche und Vorstellungen nicht antwortet, und wenn, dann auf Koreanisch.“ (Spinnen)

Euphemismus des Tages:

„Wenn man nur dann glücklich ist, wenn man miteinander schläft, aber wirklich schläft, dann ist das ein komplexes Verhältnis.“ (Strigl)

Dusini-Anranzer des Tages:

„Also, jetzt erinnern Sie sich aber selber an das, was Sie zitiert haben, oder?“ (zu Keller)

Trauma des Tages

„Das hier ist weder Oper noch Operette. Eine Operette lässt das Publikum heil zurück. Und dieser Text hat mich nicht heil zurückgelassen.“ (Spinnen)

Überblick: Schwächer als 2013

Vergangenes Jahr war schon an Tag zwei deutlich zu spüren, dass Katja Petrowskaja das Rennen machen würde. So starke Aha-Momente verzeichnen wir für dieses Jahr nicht. Bis auf die Ausnahmen, die jetzt folgen.

Ausblick: Gewinnen soll …

Roman Marchel, weil es ihm gelingt, ein so unattraktives Thema wie die Tötung eines Todkranken mit so vielen Erinnerungen und Existenzen anzufüllen, und weil bei ihm das Schwere leicht wird.

Katharina Gericke, weil ihr scheinbar naiver, in Wahrheit aber genau konstruierter Text ein verzaubertes, menschenfreundliches Berlin zeigt, in dem Schwächen in Stärken umgedeutet werden und am Ende trotzdem nicht alles gut ist.

Michael Fehr, weil er das Erzählen zu seinem mündlichen Ursprung zurückführt und weil das bei ihm ohne den slam-typischen Verzicht auf Literarizität funktionert.

Gertraud Klemm, weil ihr pointenreicher, bitterböser Wutanfall sich nicht davor scheut, gesellschaftlich relevant zu sein.

Tex Rubinowitz, weil er auf den ersten Blick „Haha!“ und auf den zweiten Blick „Oho!“ ist: Er ist zwar witzig, aber gekonnt verschachtelt und selbstreflexiv… und weil der Unernst des Lebenskünstlers noch immer die beste Lebensbewältigung ist.

Sonntag ab elf werden die Preise verliehen, 3sat überträgt wie immer live.

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Ein Gedanke zu „Am Ende darf gelacht werden

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