Implodierende Texte, explodierende Kritiker

In der Diskussion: Daniela Strigl, Juri Steiner und Arno DusiniZweiter Lesetag beim Bachmann-Preis in Klagenfurt: ein Tag mit deutlich mehr Kunstwillen und Jury-Spektakel. Ein ruhelos-hauptstädtischer Gedankenstrom erzählt mit extra verstiegenen Bildern von Sucht und Ich-Sagen. Zwei Flüchtlinge entwickeln in einem platonischen Dialog auf Facebook schreibend ihre Biografien. Und ein Sehbehinderter aus der Spoken-Word-Szene erzählt ein nationalistisches Drohszenario aus dem dunklen Wald der paranoiden Schweizer Seele.

Von LINA BRÜNIG und FABIAN MAY

Am zweiten Tag des Bewerbs äußert der Jury-Vorsitzende Spinnen in gewohnt Merkel’scher Diplomatie Vorbehalte, homogenisierend von Tendenzen zu sprechen. In vorsätzlicher Missachtung dieser Losung hier die Tendenzen, die wir uns bislang anmaßen, dennoch zu sehen:

Die Allmacht der Familie, vor allem die subtile Gewalt zwischen Müttern und Töchtern, bleibt ungebrochen. An Tag zwei fügt u.a. Romana Ganzoni dem disharmonischen Mutter-Tochter-Reigen ihre Version hinzu: „Und hör jetzt auf mit diesem Geschwätz über de Enkel, den du willst und nicht hast. […] Du verstehst wieder einmal nichts. […] Bruna überlegte, wie sie die Mutter umbringen könnte.“ Leider findet sie in ihrem Auto keine Utensilien, die ihr dabei helfen könnten. Aus diesem Grund und weil sie sich die Mutter eh nur einbildet, verfällt sie schließlich alternativ auf die Idee, sich selbst umzubringen.

Bei der Gelegenheit: Wörtliche Rede ohne Anführungszeichen ist mal wieder en vogue.

Schweizer erklären Schweizer: Juror Steiner hält für den von ihm eingeladenen mündlichen Erzähler Michael Fehr eine flammende Einführungsrede, die auch den Nicht-Schweizern die kulturelle Relevanz des Guggisberglieds als Gründungstext der Schweizer Melancholie verständlich macht. Keller freut sich ihrerseits, wie lebhaft die Spoken-Word-Szene in der Schweiz sei, der Michael Fehr entstammt. Auch bei Romana Ganzoni wollen wir Steiners Verweis auf den sagenhaften Unterton nicht missen, ebenso wie Kellers topografische Interpretation des Passes als Schwelle und ihren Hinweis, Bruna sei ein typischer Name für eine Kuh.

Dusini gegen den Rest der Welt

Am zweiten Tag kristallisiert sich weiter heraus, dass Neu-Juror Arno Dusini mit seinen stoischen literaturwissenschaftlichen Beiträgen bei Jury und Publikum nur mäßig ankommt. Gleich bei der ersten Diskussion unterbricht Dusini Winkels in seiner „Ich weiß was!“-Erläuterung über die Wortherkunft von Ichthys. Angesichts dieser Hoheitsbeleidigung entfährt diesem: „Das geht aber nicht, Herr Dusini, weil ich gerade noch rede. Das können wir so nicht machen, sonst gehe ich.“ Auch Dusinis Belehrung „Ich bitte darum, die Autorin nicht mit der Erzählinstanz zu verwechseln“ kommt nicht gut an. Meike Feßmann fühlt sich provoziert, zu antworten: „Keiner ist hier so blöd!“

Die Lesungen: Albtraumlogik, Trauerarbeit und Diskussionen über Performance

Gleich der erste Text spaltet die Jury: Anne-Kathrin Heiers Ichthys ist sicherlich der bis dato am schwierigsten zugängliche Text. Die Autorin lässt ein offenbar drogensüchtiges, aber ansonsten normalbürgerliches Ich über ihr Dasein reflektieren und einen Mann entführen, von dem offen bleibt, ob es sich um ihren eigenen Freund handelt. Dusini lobt die „Albtraumlogik“, der der Text folge, auch Winkels zeigt Sympathie für den avantgardistischen Ansatz, in dem „Instanzen der Normierung“ nicht greifen. Hildegard Keller fehlen schlicht die Anknüpfungspunkte und die Komplizenschaft mit dem Leser, sie wird von Spinnen belehrt, dass für ihn die wesentliche Funktion von Kunst sei, Menschen zu erschrecken. Er habe den Text gerade ausgewählt, weil er ihn ratlos zurückgelassen habe. Ob dieser Effekt am Ende für eine Prämierung reicht, ist allerdings fraglich.

„Trauerarbeit in globalisierter Welt“

Auch Birgit Pölzl bekommt für ihren Text Maia ein wenig schmeichelhaftes Label: Feßmann nennt ihn „Esoterik-Kitsch“, auch Winkels langweilt sich, wenngleich er „Tote anwesend sein zu lassen“ als eine Funktion von Literatur anerkennt. Darum geht es nämlich in Pölzls Trauergesang: Der Vater überfährt sein eigenes Kind und der Text folgt der Mutter auf eine Reise nach Tibet, in der die tote Tochter als geisterhaftes Wesen immer wieder anwesend ist. Tatsächlich hat Maia starke Momente, muss sich aber – ähnlich wie Olga Flors Unter Platanen – den Vorwurf des allzu banalen Settings gefallen lassen.

Facebook und Platon

Mit Senthuran Varatharajah geht ein Autor an den Start, der nie literarisch veröffentlicht hat. Eigentlich ist er Philosoph. Dass er (gebürtig aus Sri Lanka), wie seine Figur „Deutsch bei Hegel gelernt hat“ (Feßmann), merkt man dem hohen philosophischen Ton des Textes Von der Zunahme der Zeichen (Auszug) an. Zwei junge Flüchtlinge tauschen über Facebook biografische Episoden aus. Beide haben mit den Strukturen ihrer Herkunft zu kämpfen und finden identitäres Asyl beim jeweils anderen. Es entwickelt sich in mehrerlei Hinsicht eine platonische Liebesgeschichte. Spinnen findet es „absolut richtig, aktuelle Kommunikationsformen auf ihr ästhetisches Potenzial zu befragen.“ Ein echter Dialog aber sei es nicht, die Figuren sprächen „wie in der griechischen Tragödie schräg aneinander vorbei, irgendwohin.“ Dusini findet es (gewohnt kryptisch) sehr vielversprechend, „dass Spannungsfeld fremd/eigen an einer biographischen Psychoanalyse der Wörter festzumachen“. Keller erinnert an den von Maja Haderlap in der Eröffnungsrede aufgemachten Diskurs über „Eingesprachte“. Feßmann schließt gegen Abwiegelungsversuche Spinnens an, man müsse die „Zeichentheorie des Asyls“, die hier entworfen werde, einmal akzeptieren, „ohne sie mit diesen ständigen Identifizierungen [mit schon Bekanntem] von vorneherein stillzustellen.“

Text ohne Text

Michael Fehr eröffnet den Schweizer Nachmittag des Bewerbs. Sein Wortbeitrag Simeliberg (Auszüge) sticht vor allem deshalb hervor, weil der Performer ihn nicht vom Blatt abliest, sondern vom Kopfhörer spricht. Fehr kann nur sehr schlecht sehen, und er macht daraus eine starke neue Erzählsituation: Er geht vor dem Publikum auf und ab und umgibt seinen Vortrag aus den Tiefen des Schweizer Waldes mit dem Nimbus des seherischen Marktplatzerzählers. Keller vergleicht die Sprache, in der er von sektiererisch-nationalistischen Umtrieben erzählt, mit „einem ganz langsamen Tier“. Der fesselnd und rhythmisiert vorgetragene Plot steht kaum zur Debatte; die Jury verbeißt sich fast vollends im Spoken-Word-Charakter und stellt dafür sogar ihre gewohnten Mechanismen der Literaturkritik in Frage. Spinnen sagt, „wir umarmen diesen Textkörper, den wir gehört haben“, dabei sei die Frage sonst, „was ist ohne den Autor im Text?“ Steiner, der Fehr eingeladen hat, verteidigt Fehrs Mündlichkeit als technische Voraussetzung für den Sehbehinderten. Wie viel des Gehörten Text ist, wie viel Performance und Biografie, steht weiter ungeklärt im Raum. Es rattert in den Köpfen der Klagenfurter Juroren, wie sie damit umgehen sollen. Moderator Ankowitsch schließt, er sei gespannt, auf welchen Umgang sie sich da einigen werden.

Auto-Aggression

Romana Ganzonis Ignis Cool ist, so Spinnen, schnell zusammengefasst: „Der uncoole Wagen tut es nicht mehr, das ist der Tropfen, der das Fass zum überlaufen bringt, und sie bringt sich um mit dem Benzinkanister, den ihr die imaginäre Mutter reicht.“ Ob sie sich umbringt, wird diskutiert, das Ende bleibt offen. Feßmann lobt den Text, der im Grunde nur erzählt, wie eine frischverlassene Frau in ihrem liegengebliebenen Auto sitzt und wütend ihre Kindheit, ihre Mutter und den seltenen Anblick rennender Kühe rekapituliert: „Der Kleinwagen bebt von der Energie dieser Frau“. Es gehe wieder darum, so Strigl, was Töchter von ihren Müttern erben, und zum zweiten Mal, so Feßmann, gebe der Wunsch einer Mutter endlich Großmutter zu werden Anlass zum Wutausbruch. Inhaltlich wird die Geschichte von der Jury durchaus ernst genommen, für den Vortrag aber wird Ganzoni böse abgewatscht. Spinnen kommentiert etwa, sie habe ihren Text „so kaputtgelesen, wie man es nur machen kann.“ „Wie können Sie ihre eigene Figur so missverstehen?“

Vergiftetes Lob des Tages: „Hubert Winkels ist Gott sei dank immer klüger als der Autor.“ (Strigl)

Satz, den keiner erwartet hat: „Bruna dachte an Hauptkommissar Faber aus Dortmund, den mochte sie.“ (Romana Ganzoni)

Bitte des Tages: „Herr Hegel, sagen Sie das bitte in drei Sätzen, dann habe ich eine Chance, es zu verstehen.“ (Spinnen)

Satz zum Angeben: „Man kann Lautchoreografie sehr kritisch gegen den Gegenstand ausrichten.“ (Dusini)

Konter des Tages: „In Dusini steckt ‚du‘, in Steiner steckt ‚einer‘, in Spinnen steckt ‚innen‘, etwa in dieser Zufälligkeit sehe ich es, in Ichthys ‚ich‘ zu sehen.“ (Keller zu Winkels)

Stand der Kafka-Vergleiche: 2 (Sommer, Heier)

Ausblick auf Tag drei

Zehn Texte sind gehört. Da Karen Köhler krankheitsbedingt ausfällt, stehen am Samstag noch drei Texte aus, die von Katharina Gericke (Berlin), Tex Rubinowitz (Wien) und Georg Petz (Graz). Die größte Variable ist wohl der 1961 in Hannover geborene Rubinowitz: Bekannt ist er vor allem als Cartoonzeichner. Warum Daniela Strigl ihn als Literaten für Klagenfurt empfohlen hat, wird sich zeigen. Er selbst erklärt das im Vorfeld im Text Literarizität qua Verdunkelung in typischer Missachtung der Ursprungsfrage damit, „ein Wasserhahn ist nun mal da, dass man ihn auch dann und wann aufdreht“.

Weiter geht es mit Tag drei …

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