6 Uhr 41 ab Troyes

Jean Philippe BLondel - 6 Uhr 41Was macht man, wenn man nach fast 30 Jahren die Gelegenheit bekommt, eine alte Rechnung zu begleichen. Die Möglichkeit, sich endlich Luft zu machen; eine alte Schmach abschließend zur Sprache zu bringen, die Chance, sich einen Stachel aus dem Fleisch zu ziehen, der längst eingewachsen und Teil von einem geworden ist? Im Geiste hat man die Situation schon tausendmal erlebt, die Worte sorgfältig gewählt, ist geistreich, schlagfertig und – vor allem – siegreich aus der Situation hervorgegangen. Doch im wirklichen Leben? Jean-Philippe Blondel erkundet in 6 Uhr 41 eine solche Begegnung.

von ANNA-LENA THIEL

Als Philippe Leduc sich neben Cécile Duffaut in einen engen Zugsitz quetscht, ahnt er noch nicht, dass diese Fahrt sein Leben verändern könnte. Cécile und Philippe waren vor gut drei Jahrzehnten für wenige Monate ein Paar. Auch wenn seit ihrer letzten Begegnung eine kleine Unendlichkeit vergangen ist, erkennen sie sich sofort wieder. Doch keiner lässt sich anmerken, dass er ganz genau weiß, wer der andere ist, und so schweigen sie sich an. Und schweigen und schweigen. Beide hängen ihren Gedanken nach, durchleben die Vergangenheit noch einmal und bedenken sie neu aus der Perspektive ihrer Gegenwart. Dabei wird schnell klar, dass, so kurz ihre Affäre auch gewesen sein mag, beide daraus verändert hervorgegangen sind. Zwei Leben, die, ausgehend von einer gemeinsamen Reise, radikal auseinander strebten, werden hier unverhofft wieder zusammengeführt.

Die Protagonisten belauern sich angespannt. Keiner will der erste sein, der sich zu erkennen gibt; keiner will der erste sein, der das hartnäckige Schweigeduell aufgibt; keiner will zuerst etwas sagen, nur um dann vom anderen abgewiesen zu werden. Von den Seelenkämpfen ahnt keiner der Mitreisenden, denn die äußere Handlung ist auf die Zugreise und das Nebeneinander-Sitzen beschränkt.

Die entscheidende Frage, die sich die Charaktere stellen, ist die, ob sie den sicheren Status quo erhalten wollen oder riskieren, wieder aneinander zu geraten – zu was auch immer dies führen könnte. Manchmal sind solche Wiederfindensgeschichten so geschrieben, dass man mit den Figuren fiebert: Werden sie oder werden sie nicht? Doch das Fiebern wird hier zunächst in den Hintergrund verbannt, denn diese zwei passen so gar nicht zusammen und man muss erst einmal herausfinden, warum sie überhaupt jemals mehr als ein Dutzend Worte miteinander gewechselt haben. Ist dies geschehen, sind die gelenkten Sympathien schnell verteilt und als Leser hat man das Vergnügen, nun doch ein bisschen zu bangen.

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„Alles kann, nichts muss.

Soll ich es wagen?

Klar doch!

Jetzt gleich?

Na gut, in zwei oder drei Minuten.“

Philippe ist sich sicher, dass er Cécile ansprechen will, doch er ist mit dem Alter zögerlich geworden, unsicher und selbstkritisch. Der desillusionierte Verkäufer von Elektroartikeln ist nicht mehr der schwungvolle Anglistik-Student von einst.

„Heute würde niemand mehr auf die Idee kommen, mich mit einer Ameise zu vergleichen. Ich würde meinen Kopf verwetten, dass kein Mensch, der mich heute kennt, überhaupt auf diese Idee käme.
Die Einzige, die manchmal noch die kleinen Beine krabbeln spürt, die Ameisensäure, den Panzer, bin ich und ich allein – und das verdanke ich dir, Philippe Leduc.
Das sollte ich dir sagen.“

Cécile hingegen ist zur erfolgreichen Geschäftsführerin ihres eigenen Unternehmens aufgestiegen. Die graue Maus von damals ist kaum wiederzuerkennen. Sie hat sich auch äußerlich gewandelt und tritt nun nicht mehr in lumpigen Sweatshirts sondern schicken Hosenanzügen auf.

Doch auch Gemeinsamkeiten der beiden Protagonisten werden herausgearbeitet: Entfremdung von den Eltern und Unsicherheit den eigenen Kindern gegenüber; instabile Familienverhältnisse und Sorgen um die Zukunft. Am Ende muss sich jedoch jeder allein durch das Chaos, das ihr Leben ist, kämpfen. Und jeder muss allein entscheiden, welche Prioritäten er setzen will.

Obwohl das Buch ansonsten erfrischend frei von Allgemeinplätzen bleibt, wird in einer Nebenhandlung um einen gemeinsamen Bekannten bzw. Freund en passant und mit reichlich Stereotypen noch schnell deutlich gemacht, dass Erfolg und Geld allein nicht glücklich machen und das Schicksal mit allen macht, was es will.

Mut zur Ehrlichkeit

6 Uhr 41 hat keine Kapitel, nur lose gereihte Absätze und Abschnitte. Die ganze Erzählung ist als Gedankenstrom verfasst – abwechselnd aus der Sicht von Cécile und Philippe geschrieben. Sprachbedingt ist im Deutschen nicht immer sofort klar, wessen Gedanken man gerade liest, vor der gelungenen Übersetzung muss man aber trotzdem seinen Hut ziehen.
Nach einem gemächlichen Start nimmt das Buch langsam Fahrt auf, um dann unhaltbar auf sein Ende zuzusteuern. Eine Störung im Betriebsablauf bringt den Zug und damit auch leider die Geschichte plötzlich zum Stehen: Auf den letzten zehn Seiten wird plötzlich in eine relativ neutrale Erzählerperspektive gewechselt. Man kann nur vermuten, dass dies das Tempo steigern sollte, da nun nicht mehr die Gedanken beider Seiten geschildert werden. Leider irritiert es nur und es hat auch wenig Sinn, den Reiz, den die Innenschau der Charaktere bot, so kurz vor dem Ende der Geschichte einfach zu kappen. So bleiben die Motivationen der letzten Entscheidungen und damit letztlich auch das ganze Ende der Erzählung leider im Dunkeln.

Klappentext und Verlagsankündigung klingen fast schon ein wenig banal, versprechen sie doch nur ein unverhofftes Wiedersehen nach vielen Jahren und die Chance auf eine mögliche Fortführung der Bekanntschaft. Was Blondel dem Leser bietet, ist jedoch viel mehr und weitaus interessanter. Ein intimer Seelenstriptease, der auch beim Leser Fragen über das eigene Leben aufwirft. So schafft der Roman es, uns auf relativ kurzer Distanz tief in seinen Bann zu ziehen. Die Situation, eine zweite Chance für ein Gespräch, einen Abschluss für eine alte Sache herbeizusehnen, kennt schließlich jeder. Aber wer bekommt diese Möglichkeit schon? In der eigenen Fantasie widmen wir ihr kaum diese Art von ehrlicher Aufmerksamkeit. Der Wille, auch die unbequemen Wahrheiten über das eigene Verhalten ans Licht zu holen und zu sezieren, ist gering. Doch gerade darin liegt die Schönheit dieser Geschichte: Sie lässt nicht zu, dass wir uns dem Beispiel Céciles und Philippes verweigern.

Jean-Philippe Blondel: 6 Uhr 41
Aus dem Französischen von Anne Braun
Deuticke im Paul Zsolnay Verlag, 189 Seiten
Preis: 16,90 Euro
ISBN: 978-3-552-06255-9
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