Standbild eines Männerlebens

Vaterjahre von Michael Kleeberg Quelle: DVAVaterjahre ist der zweite Teil von Michael Kleebergs geplanter Charly-Renn-Trilogie. Der Verlag verspricht ein Buch über den „Weltalltag unserer Epoche“ und die Geschichte eines modernen „Jedermanns“. Gehalten wird das wohl – vom Psychoduell beim Golf bis zum Liebesleben eines Enddreißigers, vom Nazi-Großonkel bis zur angeheirateten DDR-Verwandtschaft. Aber muss man das lesen? Nur das letzte Kapitel, denn der Rest des Romans wird beherrscht von geschwätzigen, langweiligen Passagen.

von FABIAN MAY

„Der Acker im Herzen eines Mannes ist steiniger.“ Dieses Zitat eines toten Schülers aus dem Film Friedhof der Kuscheltiere bringt Karlmann Renns Männerbild auf den Punkt. Obwohl. Renn ist kein ländlicher Typ. Er ist ein hanseatischer Bürgersohn, Geschäftsführer eines traditionsreichen Gummihandels im Hamburger Kontorhausviertel. Er hat alles, zweite Ehe, Kinder, Vorstadthaus, Hund, Nomos-Glashütte-Uhr, Golf-Handicap 15, und man kann sich fragen: Was gibt es da noch zu erzählen?

512 Seiten, antwortet Michael Kleebergs mit seinem Roman Vaterjahre – die Bestandsaufnahme eines arrivierten Lebens, von Ambitionen und Ängsten und dem Einbruch des Todes am (Achtung, Zaunpfahl) 11. September 2001.

Ein Mann und sein Jahrhundert in sechs Bildern

Den Rahmen bilden 24 Stunden in Charly Renns Leben. Doch das erzählende Ich/Wir (ein verbindliches Exemplar der alten Schule, das den Leser seinen Wissenshorizont erahnen lässt) verlässt immer wieder das erzählerische Hier und Jetzt, um in langen Passagen per mémoire involontaire Charlys ganze Existenz auszubreiten. Und ein Panorama von Deutschland im 20. Jahrhundert.

Das Buch tut dies in sechs Bildern: (1) Charly versucht seiner innig geliebten Tochter zu erklären, warum der krebskranke Hund eingeschläfert werden muss, und wir lernen seine Familiengeschichte kennen. (2) Weil sein bester Studienfreund und Konkurrent ihn schleichend überholt hat, scheißt Charly sich auf der Autobahn ein und muss in Therapie. (3) Charly nutzt ein Zusammentreffen auf einer Beerdigung, um seine überfällige berufliche Weiterentwicklung einzustielen. (4) Charly entflieht der Hausbesetzung durch die angeheiratete Ost-Sippe, die er verachtet wie überhaupt alle Menschen, die nicht seine hanseatische (Lieblingswort) Gediegenheit mittragen. (5) Charly muss mit ansehen, wie sich alle verändern und wie sein Jugendfreund Jobst sich durch eine Lebenskrise vom Circle of Trust disqualifiziert. (6) Charly rettet den Gummihandel, indem er, als die Flugzeuge ins World Trade Center krachen, als erster anordnet: „Verkaufen.“

Konzept brillant, Umsetzung zäh

Das Konzept, einen ganzen Mann und sein Jahrhundert in so wenigen Bildern zu erzählen, ist brillant. Durch seitenlange geschwätzige Einschübe liest es sich leider ziemlich zäh. Etwa, wenn Männer aus den Neunzigern gesellschaftliche Diskussionen führen:

„Sie sehen es also auch so, sagt Kai, dass die quasi formierte und durchlässige Gesellschaft, die wir, sagen wir, Mitte der Siebziger hatten, am Auseinanderbrechen ist.

Nun, ich sehe, dass es seit vielleicht zehn Jahren zentrifugale Tendenzen gibt, ausgehend von den Jahren der Reagan-Administration.

Und dass wir gesellschaftlich eigentlich auf dem Weg zurück ins neunzehnte Jahrhundert sind.

Nein, ich glaube, wir haben es mit einer modernen Entwicklung zu tun. Es ist eine Wirtschafts- und Finanzpolitik des Zeitkaufs, die darin besteht, die sozialpolitischen Ansprüche der Bürger durch Vorgriff auf später zu erwirtschaftende Ressourcen zu befriedigen.“

Langeweile mit Methode

Es gibt viele solcher Stellen, an denen man sich fragen kann: Wie kommt der Proust-Übersetzer und Updike-Fan Kleeberg auf die Idee, gepflegte Langeweile zu schreiben statt sie zu be-schreiben?

Obwohl. Vielleicht stellt man sich die Frage doch nicht. Denn es hat offenbar Methode, dass große Teile des Romans im Protokollieren öder Wortwechsel und Motorradtouren oder im Referieren verwandtschaftlicher Beziehungen erstarren. Der Erzähler wirft die Frage in einem Moment erzählerischer Selbsterkenntnis selbst auf: „Warum hat Homer aufgehört, von seinem Helden zu erzählen, nachdem der sein Haus in Ordnung gebracht hatte?“ Oder, wie es an einer der gelungeneren Stellen über den Lebensausblick von Kleebergs Helden heißt:

„Es wird Charly schmerzlich bewusst in diesem Moment, dass er in einem Alter angekommen ist, in dem das Präsens aufgehört hat, die wichtigste Zeitform zu sein. Das Leben, das noch wenige Jahre zuvor hic et nunc war, ist nun ein zäher Kaugummi, dessen Ende irgendwo und irgendwann in der Vergangenheit festgeklebt ist und dessen anderes Ende deine Kiefer immer noch kauen, mag auch aller Geschmack daraus verschwunden sein[.]“

Da Kleebergs Roman sich ehrlich um eine Lösung für das erzählerische Dilemma zu bemühen scheint, eine geordnete, stillgestellte Existenz zu erzählen, ohne zu langweilen, muss man wohl fair sein und weiterlesen. Spaß macht das aber meistens keinen.

Nur das Schlusskapitel entschädigt. Erst ein Börsenthriller im Kontorhaus am 11. September, während der Gummipreis rapide fällt, dann ehrlich anrührende Sentimentalität anlässlich der Einschläferung des Familienhunds, schließlich das erschöpfte Niedersinken des Helden in Schlaf und süßes Vergessen.

Schlaf: Ein würdiges Ende für einen Roman, der sich vom ersten bis zum vorletzten Kapitel mit sich selbst langweilt. Zugeklappt.

 

Michael Kleeberg: Vaterjahre
DVA, 512 Seiten
Preis: 24,99 Euro
ISBN: 978-3-421-04355-3
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