Sokrates revisited

58605_Hampe(1)In Die Lehren der Philosophie. Eine Kritik präsentiert der Zürcher Philosoph Michael Hampe seine Überlegungen zu den Hoffnungen für eine nicht-doktrinäre Philosophie in unserer Zeit. Sein Plädoyer für einen Pluralismus der Erkenntnisformen ist in der Kombination von pädagogischer Utopie und Kritik am akademischen Establishment überaus lehrreich. Und das ohne zu belehren.

von BERNHARD STRICKER

Ob Philosophie lehr- und lernbar sei und in welcher Weise, war schon im Athen des 5. Jahrhunderts vor Christus eine Streitfrage, wo die Sophisten als Lehrer der aretè, der Tugend, auftraten und sich für ihren Unterricht bezahlen ließen. Wir kennen die Sophisten heute vor allem durch Platon, der keine hohe Meinung von ihnen hatte, und in dessen Dialogen sie als Sokrates’ Kontrahenten erscheinen. Anders als die Sophisten nämlich erteilte dieser seinen Unterricht nicht gegen Bezahlung in den Häusern reicher Aristokratenfamilien, sondern umsonst auf den Straßen der Stadt. Vielfach bedrängte er seine Gesprächspartner sogar mit lästigen Fragen und hatte ihnen am Ende des Gesprächs nicht eine Lehre oder Moral mitgeteilt, sondern bloß die Einsicht in ihre eigene Unwissenheit vermittelt. Dafür wurde er vom athenischen Staat unter dem Vorwand, die Jugend zu verderben, zum Tode verurteilt.

2500 Jahre später kann man beim Lesen von Michael Hampes Die Lehren der Philosophie den Eindruck gewinnen – und zwar zu Recht –, dass der alte Streit zwischen Sokrates und den Sophisten alles andere als überholt sei. Denn in einer Zeit, in welcher Universitäten zusehends zu Wirtschaftskonzernen umstrukturiert werden, in der die Relevanz von Forschung nach ihrem ökonomischen Wert und die Stellung eines Forschers nach Rankings und der Quantität von Zitationen bemessen wird, in der schließlich die große spieltheoretische Erzählung vom Menschen als strategischem Nutzenmaximierer und Konkurrenzwesen eine Art neuen anthropologischen Essentialismus hervorgebracht hat – in einer solchen Zeit plädiert Hampe für eine nicht-doktrinäre Philosophie, die den Philosophen nicht zum „Vertreter eines Überzeugungskartells“ macht, der seine Theorie also nicht im Kampf um das Meinungsmonopol erfolgreich zu vermarkten versucht. Als Leitfigur einer solchen nicht-doktrinären Philosophie wählt Hampe Sokrates.

Behaupten vs. Erzählen

Auf den ersten Blick scheinen Philosophen eine Vorliebe für höchst allgemeine Behauptungen zu haben, wenn sie sich z. B. fragen, was Wissen ausmacht, wie das gute Leben auszusehen hat oder welche Bedeutung das Wort „Sein“ hat. Auch die Figur des Sokrates wird häufig als Sprachrohr einer allgemeinen Theorie, der platonischen Ideenlehre, verstanden. Entgegen diesem Verständnis entwickelt Hampe ein Bild von Sokrates als „Pragmatist“, der keineswegs eine Lehre verkündet und dem es auch nicht um das Vertreten von Thesen geht, sondern um das Gespräch als Anleitung zur bewussten Sprachverwendung und als Erziehung zur semantischen Autonomie. Insofern Sokrates’ Philosophie somit an die Freiheit seiner Gesprächspartner adressiert ist, spielen Behauptungen, mit denen er ihnen allgemeine Vorschriften über das Wahre und Gute vorzusetzen beanspruchen würde, nur mehr eine untergeordnete Rolle. Vielmehr geht es beim Philosophieren darum, bei sich selbst und beim anderen die Fähigkeit zu entwickeln, auf die Welt und die je eigenen Erfahrungen, die man in ihr macht, zu reagieren und diese Erfahrungen begrifflich zu erfassen und zu reflektieren. Weil Menschen sich wesentlich zu der Welt, in der sie leben, verhalten, und zwar mitsamt allen Doktrinen, Systemen und Ideologien, die es darin geben mag, kann keine allgemeine Theorie jemals mit endgültigen Behauptungen darüber aufwarten, was den Menschen und sein Leben ausmacht. Stets gibt es einen Überschuss der individuellen Erfahrung über das allgemein Erklärbare, also auch einen Überschuss dessen, was wir als Einzelne artikulieren wollen, über die sprachlichen und konzeptuellen Mittel, die dafür zu einem gegeben Zeitpunkt bereitstehen. Aus diesen Gründen fügt sich die Sprache, wie Hampe zeigt, auch keinem semantischen Holismus à la Quine oder Brandom, sie ist vielmehr auf die Abweichungen der je einzelnen Sprecher, auf ihre Kreativität der Sprachverwendung angewiesen. Kreativer Sprachgebrauch hat nun aber seinen Ort klassischerweise in der Literatur. Tatsächlich weist Hampe deshalb dem Erzählen eine entscheidende Funktion zu, wenn es darum geht, dem Einmaligen und Singulären individueller Lebenserfahrung Rechnung zu tragen.

Zwischen Wissenschaft und Literatur

„In seinem Herzen ist Hampes Buch ein Versuch über das Verhältnis von Philosophie und Literatur“, schreibt Martin Seel in der Zeit (14.08.2014), und kritisiert es als „phänomenal einseitig“ in seiner vehementen „Kritik der verallgemeinernden Rede“. Zweifellos ist Hampe nicht gerade unbefangen gegenüber denjenigen Philosophen, die bei ihm als Anwärter des Systemdenkens (vielleicht nicht immer ganz zu Recht) figurieren. Doch seine bisweilen polemisierende Darstellung hat für sich, dass sie Kontraste schärft – und dies in einer Weise, die an die Pointiertheit der Texte eines Richard Rorty erinnert. Dass Hampe Philosophie und Literatur einander gleichsetzen würde, lässt sich hingegen nicht behaupten, vielmehr weist er der Philosophie eine Zwischenstellung zwischen wissenschaftlichen und erzählenden Darstellungsformen zu. Dort, wo die Waage bei ihm in Richtung der Literatur ausschlägt, tut sie dies, weil Hampe sich mit vollem Gewicht einer gegenläufigen Tendenz im zeitgenössischen philosophischen Diskurs entgegenstemmt. Wie uns die philosophischen Grabenkämpfe der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts zur Genüge gezeigt haben, ist die Philosophie zwischen den Fronten analytischer und kontinentaler Reduktionismen stets in Gefahr, vereinnahmt und in ihrer Stellung als autonome Disziplin verkannt zu werden. Hampe verfügt zwar über eine breite Kenntnis der Gegenwartsliteratur und zieht gerne Autoren wie Walker Percy, Peter Kurzeck oder J.M. Coetzee heran, aber er bewahrt sich dabei ein nicht-reduktionistisches Verständnis der Philosophie als Experimentieren mit Begriffen, das auf die Steigerung der Reaktionsfähigkeit des Individuums abzielt. Dem Erzählen kommt in diesem Rahmen die Funktion zu, von den begrifflichen Grundentscheidungen zu berichten, die nicht einer rein argumentativen Basis, sondern konkreten lebensweltlichen Erfahrungen und der Geschichte des Individuums entspringen. Die Transzendentalphilosophie in ihrer reinen Form wird beerbt durch eine Vielzahl möglicher Erzählungen von Ursprüngen.

Eine Welt der Einzeldinge

„Angenommen, die Welt besteht aus Einzelwesen, die manchmal Muster bilden“, heißt es zu Beginn des Buches. Eine solche Metaphysik der Einzeldinge bildet den Hintergrund von Hampes Ausführungen, jedoch ohne den Anspruch, diese im strengen Sinne zu begründen. Vielmehr ist Die Lehren der Philosophie darauf angelegt, das Bild einer Wirklichkeit singulärer Ereignisse in seinem Verlauf allmählich zu plausibilisieren, in dem Bewusstsein, dass es sich dabei um eine begrifflich nur inadäquat zum Ausdruck zu bringende, erst recht nicht eine zu beweisende Auffassung handelt. Nicht ohne Grund weist Hampe immer wieder auf die Bedeutung der Erfahrung von Einzelnem hin. Diese ist nach seinem Verständnis die Grundbedingung menschlichen Glücks, verstanden als die Verwirklichung der eigenen Möglichkeiten in einem Lebensprozess und innerhalb einer Gemeinschaft, auf der Grundlage der Fähigkeit, auf die Welt zu reagieren und das eigene Leben zu gestalten. Weil an der Kultivierung dieser Reaktions- und Gestaltungsfähigkeit kaum etwas größeren Anteil hat als die Erziehung, plädiert Hampe im Anschluss an Dewey für eine Ausbildung, die den Einzelnen nicht zur Ressource für den Wirtschaftsmarkt verdinglicht und mit Kenntnissen und Kompetenzen wettbewerbstauglich zu machen versucht, sondern auch die Fähigkeit zur Selbstverwirklichung trainiert, die wesentlich auf Kooperation mit anderen angewiesen bleibt. Die Philosophie wäre in dieser Perspektive die Fortsetzung dieser Erziehung ins Erwachsenenalter hinein, „an education for grown-ups“, wie Stanley Cavell sie einmal nennt, auf den Hampe sich wiederholt bezieht.

Phänomenologie des Schweigens

Insofern die Grundbausteine von Hampes Metaphysik, die Einzeldinge und Ereignisse individueller Erfahrung, unterhalb der Schwelle sprachlichen Ausdrucksvermögens mittels allgemeiner Begriffe liegen, ist es nur konsequent, dass sein Buch mit einer Reflexion über das Schweigen schließt. Das ekstatische Schweigen des Lord Chandos aus Hofmannsthals Brief spielt hier ebenso eine Rolle wie die sokratische Urteilsenthaltung in einem potentiell unendlichen Gespräch oder die literarische Fiktion als Modus, das Behaupten zu suspendieren. Schweigen ist entsprechend weder resignativ als Unvermögen gedacht noch als praktische Verhaltensanweisung, sondern als utopischer Horizont, von dem aus sich bestehende Lebensformen und Denkweisen kritisieren lassen. Den Untertitel einer Kritik trägt Die Lehren der Philosophie darum auch nicht allein als kantische Reminiszenz, sondern ebenso sehr, weil es gegenüber der zeitgenössischen akademischen Philosophie den nicht unberechtigten Vorwurf erhebt, über dem verzweifelten Versuch einer Konkurrenz mit den empirischen Wissenschaften ihre Relevanz und kritische Funktion zu verlieren. Dagegen nimmt Hampe nicht nur eine programmatische Bestimmung der Aufgabe der Philosophie vor, sondern widmet sich immer wieder auch deren gesellschaftspolitischen Implikationen. Dass es ihm gelingt, seine Gedanken so zugänglich werden zu lassen, dass sie allgemeinverständlich sind, ohne an Komplexität einzubüßen, bezeugt Hampes pädagogische Gabe und macht Die Lehren der Philosophie zu einem Buch für Philosophen und für solche, die es noch werden wollen.

1969 konnte Stanley Cavell noch schreiben: „The figure of Socrates now haunts philosophical practice and conscience more poignantly than ever – the pure figure motivated to philosophy only by the assertions of others, himself making none; the philosopher who did not need to write.“ Dass die Zeitumstände heute das Wiederaufleben einer sokratisch-undoktrinären Weise des Philosophierens alles andere als begünstigen und die Philosophen, welche diese noch kultivieren, wohl im Aussterben begriffen sind, lässt am Ende von Hampes Buch schließlich doch einen etwas resignativen Tonfall aufkommen. Mit seiner eigenen Version der Heimsuchung durch Sokrates aber setzt er schließlich dieser Denkweise nicht nur ein Denkmal, sondern führt sie auch fort. Dass er seine Leser dabei nur so weit belehren kann, dass er an ihre eigene Reaktionsfähigkeit appelliert, ist sicher ganz in seinem Sinne.

 

Michael Hampe: Die Lehren der Philosophie. Eine Kritik
Suhrkamp, 454 Seiten
Preis: 24,95 €
ISBN: 978-3-518-58605-1
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Ein Gedanke zu „Sokrates revisited

  1. Pingback: Die innere Burg: Ein philosophisches Lesejournal.

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