Release the Kraken!

Cover: Jim_Nisbet_Der_Krake_auf_meinem_Kopf_Verlag:_Pulp_MasterEigentlich wollte Curly Watkins doch nur die alten Zeiten aufleben lassen, als noch die Musik in San Francisco den Hauptton angab. Doch stattdessen gerät er in einen Strudel aus Drogen und Kriminalität – und am Ende sogar in die Hände eines Psychopathen. Jim Nisbets Der Krake auf meinem Kopf ist mehr als nur Klolektüre.

von ESRA CANPALAT

Von seiner Karriere als Punkmusiker ist Curly Watkins nicht mehr viel geblieben: nur seine Gitarre, ein Kraken-Tattoo auf seiner Glatze und der Wunsch, der alten Tage wegen wieder eine Band zu gründen. So versucht er seinen Kumpel Ivy Pruitt, einst ein begnadeter Jazzschlagzeuger, zu überreden, sein Leben wieder der Musik zu widmen. Der hat als Berufsjunkie aber ganz andere Ambitionen und dreht mit seiner Ex Lavinia, einer verdrogten Femme fatale, krumme Dinger, um sich noch mehr Drogen zu kaufen. Gerade mal wenige Stunden mit Ivy verbracht, gerät Curly in das Visier der Drogenfahndung – und Ivy in den Knast. Um das Geld für die Kaution aufzutreiben, geht er aus Freundschaft und irgendwie auch aus Langeweile mit Lavinia einen Deal ein: Er soll für den Musikladenbesitzer Sal „The King“ Kramer Geld für eine nichtbezahlte Musikanlage eintreiben und die Belohnung mit Ivy und Lavinia teilen. Natürlich ist es ein Musiker, ein Ex-Thrash-Metaller, der sich bei Sal verschuldet hat. Doch der zunächst einfach klingende Job entpuppt sich als Albtraum: Plötzlich geht es um Mord, vermisste Personen und Snuff-Videos – und für Curly und Lavinia wird es gefährlich.

If you’re going to San Francisco, be sure to have a gun in your hand…

Jim Nibet, der sonst eher für seine Lyrik bekannt ist, hat mit Der Krake auf meinem Kopf nicht nur einen äußerst witzigen, schwarzhumorigen Noir-Krimi geschrieben, sondern auch gesellschaftskritisch ein Soziogramm von San Francisco geliefert, jener Stadt, die einst eine Gegenkultur nach der anderen hervorbrachte, wo anders Denkende, Freaks und politische Aktivisten strandeten und endlich ihr zuhause fanden. „Ende der Neunziger, während der Dotcom-Jahre – die San Francisco gehörig auf den Kopf stellten wie zuvor in den Fünfzigern nur die Beatniks North Beach, wie zuvor in den Sechzigern nur die Hippies Haight Ashbury, wie zuvor in den Siebzigern nur die Schwulenbewegung Castro, Polk Gulch und die Folsom Street oder wie zuvor in den Achtzigern das Kokain fast die gesamte Stadt“ – begann der langsame Verfall dieser einst so wichtigen kalifornischen Stadt. Der Traum von Frisco ist geplatzt. Übrig geblieben sind nur profitorientierte, schmierige Typen wie Sal „The King“ Kramer, drogenkranker Abschaum, Shakespeare lesende, kultivierte Obdachlose und alte Knacker, die verfallende Häuser vermieten. Und dennoch bleibt Curly der Musik treu und versucht mit gelegentlichen Auftritten über die Runden zu kommen. Da scheint es fast ironisch, dass Nisbet seinen Antihelden am Ende vor einer riesigen Amerikaflagge einen Auftritt hinlegen lässt: Der amerikanische Traum lebt trotz allem als Hoffnungsschimmer weiter in den Köpfen der Menschen, auch in den abgefucktesten.

Macht richtig Bock

„Pulpmaster? Lasst den Stoff nicht auf der Toilette liegen! Es könnte dann deutlich länger dauern“, sagt Bela B. von den Ärzten auf der Startseite vom Pulpmaster-Verlag, womit er völlig Recht hat. Das Klo scheint an sich der Ort zu sein, wo solche derben Horrorgeschichten des Öfteren gelesen werden, aber Jim Nisbets Pulp-Krimi macht richtig Bock und verdient mehr, als nur als Klolektüre missbraucht zu werden.
Wer Lust auf einen kurzweiligen, spannenden und komischen Pulp-Krimi hat, der auch ernste, sozialkritische Töne anstimmt, der befreie den Kraken!

Jim Nisbet: Der Krake auf meinem Kopf
Pulpmaster, 320 Seiten
Preis: 14,80 Euro
ISBN: 978-3 927737-48-7

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