Mein Bruder, der Rockstar

Cover_Spiotta_Glorreiche Rage_Berlin Verlag„Stell dir vor, mit allem, was dir vorangegangen ist, anstellen zu können, was immer du willst. […] Stell dir absolute Freiheit vor.“ Was wäre, wenn man seine eigene Vergangenheit noch einmal neu erfinden könnte? Wo hört die ,Realität‘ auf und wo beginnt die Fiktion? Und was ist das überhaupt, Erinnerung? Der Roman Glorreiche Tage der New Yorker Autorin Dana Spiotta stand 2011 bereits auf der Liste des US-amerikanischen National Book Critics Circle Award. Nun ist er auch auf Deutsch erschienen, übersetzt von SPEX-Mitbegründerin Clara Drechsler und ihrem Partner Harald Hellmann.

von ANNA-LENA BÖTTCHER

Los Angeles im Jahr 2004: Der talentierte, aber erfolglose Musiker Nik Worth verschwindet am Morgen nach seiner fünfzigsten Geburtstagsfeier. Zurück bleibt seine Schwester Denise, die in der leeren Wohnung ihres Bruders einen Einblick in Niks ganz persönliche Interpretation seines Lebens erhält. Auf der Suche nach einer Wahrheit blättert sie sich durch akribisch aufgezeichnete Tagebucheinträge der vergangenen Jahre und Jahrzehnte, die er selbst „Chroniken“ nannte und die eine Autobiografie der besonderen Art darstellen: Es sind dreißig Bände über das Leben eines Rockstars ohne Publikum.

Selbstinszenierte Popstarfiktion

Nik Worth, mittelloser Kettenraucher, Drogenkonsument, chronisch pleite und seit jeher leidenschaftlicher Gitarrenvirtuose, schaffte es trotz großer Produktivität in den späten Siebzigern nie, einen Plattenvertrag zu unterzeichnen. Nach Auflösung seiner beiden populären Powerpop-Bands, The Demonics und The Fakes, ging er damals von einem auf den anderen Tag nicht mehr vor die Tür, trat nie wieder live auf. Die Gründe dafür liegen nicht nur für seine Familie im Dunkeln, sondern auch für den Leser, der gemeinsam mit Denise Niks „Chroniken“ liest, in denen er sein Leben immer wieder aufs Neue kreierte. Jedem Tag der vergangenen drei Jahrzehnte stellte er eine elaborierte Alternativversion entgegen und ergänzte seinen Alltag um sämtliche Höhen und Tiefen eines dramatischen Popstarlebens. Seine Platten besprach er selbst, fakte mit Ausdauer und schier unglaublicher Freude an der Selbstinszenierung Starschnitte und Interviews, fälschte Fanbriefe und konstruierte Rezensionen und Zeitungsartikel großer Musikmagazine. Es macht großen Spaß, der selbstironischen Popstarfiktion der Romanfigur zu folgen. Und obwohl fast nichts davon echt ist, lernt Denise in Niks „Chroniken“ nicht nur ihren Bruder als einen sehr humorvollen Beobachter seiner Umwelt kennen, sondern erfährt darin auch viel über sich selbst, die stets besorgte Schwester und Niks treuesten Fan, die ihren eigenen Schuldenberg ignorierte, um dessen Miete zu bezahlen.

Papierene Glorreiche Tage

Geschickt erzählt Spiotta aus mehreren Perspektiven und lässt die Handlung immer wieder zurück in die Vergangenheit switchen, denn während Denise in Niks ausufernden Aufzeichnungen stöbert, kontrastiert sie seine Fantasie mit ihrer Realität, setzt Niks ihre eigene, möglichst faktenbasierte Chronik „ohne nostalgische Abschweifungen“ entgegen. „Ich will die Wahrheit wissen“, sagt sie, „ungetrübt durch die Zeit, Repetition, Wunschvorstellungen, Bedauern“. Doch ist unbeeinflusstes Erinnern überhaupt möglich? Neben der Kontrastierung dieser subjektiven Erinnerungen taucht der Leser nebenbei in die lebendig beschriebene Musikszene des Los Angeles der 1960er und 70er Jahre ein. Von seinem eigenen großen Durchbruch träumte Nik zwar stets nur, ließ die glorreichen Tage einer Popstarkarriere aber wenigstens auf dem Papier real werden.
Dana Spiottas Roman ist jedoch nicht nur eine Geschwister-Geschichte; ebenso portraitiert Spiotta hier die Mutter-Tochter-Beziehungen zwischen Denise und ihrer Mutter sowie Denise und ihrer Tochter Ada. Niks von der großen Öffentlichkeit ungehörte Musik und seine Songtexte berühren drei Generationen und lassen die Familienmitglieder immer wieder miteinander in Kommunikation treten.

Erinnerungstechniken

Glorreiche Tage ist ein melancholischer Roman über die Zeit, die man selbst mithilfe sorgfältig archivierter Erinnerung nicht aufhalten kann, die Vergangenheit, an die man noch denkt – und die, die man eigentlich längst vergessen hat. „Die Erinnerung steckt nicht in Daten. Erinnerung steckt in dem, was dir auffällt, was du fühlst, was sich im Gehirn festsetzt“: Die Hauptfiguren des Romans haben jeweils andere Strategien, mit ihrem vergangenen Leben, ihrer Identität umzugehen. Je mehr Details früherer Zeiten Denises an Demenz erkrankte Mutter vergisst, desto penibler übt sich Denise in unterschiedlichsten Mnemotechniken, während ihr Bruder unbefangen seine eigene Biografie erdichtet. Ada dagegen, arbeitslose Filmemacherin, tippt lieber Berichte über Alltägliches auf ihren Internetblog und entscheidet schließlich, eine Reportage über ihren „extremen Onkel Nik“ zu produzieren, hält sie dessen geheime Fantasieexistenz doch für genial. Es ist dann der Drehbeginn ihrer Dokumentation „Garageland“, der alles durcheinander bringt. Für deren unvermuteten Schluss, der an dieser Stelle nicht verraten werden soll, sorgt Nik schließlich selbst. Denn „es [ist] leicht, Seiten zu füllen, wenn man sich alles ausdenken darf.“

Dana Spiotta: Glorreiche Tage
Berlin Verlag, 251 Seiten
Preis: 19,99 Euro
ISBN: 978-3-8270-1191-6

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