„Hamlet“ Tag und Nacht

Hamlet„Wir machen jetzt politisches Theater“, skandieren Wum und Wendelin am Ende eines ebenso kurzweiligen wie bedrückenden Theaterabends: Massenüberwachung, Mord, Reality-TV, Krieg gegen den Terror, Selbstoptimierung und Cyborgism. Der Mensch, das überforderte Tier, und die durch die Medienkanäle sausende Datenflut – Fluch und Segen. Regisseur und Intendant des Schauspiels Dortmund Kay Voges mit einer für ihn gewohnt videolastigen Inszenierung des Shakespearestoffs.

von NADINE HEMGESBERG

Das Schauspiel Dortmund gibt Shakespeares Hamlet in einer Inszenierung zwischen Person of Interest und Berlin Tag und Nacht: Die Fragen nach einer Ethik für Daten-Algorithmen und der Zukunft Europas, ja des Menschen werden an diesem Abend in der Ästhetik einer Reality TV Show verhandelt. Und das auf beeindruckende Weise. Dänemark ist hier ein Überwachungsstaat, das Königshaus ein bis in den letzten Winkel mit Kameras ausgespähter Raum und Prinz Hamlet (Eva Verena Müller) sinniert und wütet im Batmankostüm als infantiler Dreikäsehoch – ein Edward Snowden in Kinderschuhen – durch den Palast. Es beginnt jedoch ganz anders. Nicht chronologisch erzählt Voges die Shakespearsche Vorlage: Ophelias Tod macht den Auftakt – einzige Wegweiser sind in Computerspieldesign Akt- oder auch Levelangaben: „Tränen, siebenfach gesalzen“. Auf einem großen Bildschirm verfolgt man die sich drehende, optisch verschwimmende Ballerina Ophelia (Bettina Lieder), darunter die karge Bühne, zwei Eingänge und in roten Lettern Helsingør an der Wand. Das gesamte Tragödienpersonal ist nun zum einzigen Zeitpunkt des Stücks auf der Bühne, für den Zuschauer ohne technische Vermittlung sichtbar – und Hamlet mit dem Schädel in der Hand im sphärischen Zusammenspiel mit Ophelia.

Im Sog der Kamera

HamletDie nun folgende, rasante Zuspitzung der Handlung bleibt dem direkten Blick der Zuschauer größtenteils verborgen. Ein irritierendes Seherlebnis, ist man den SchauspielerInnen doch plötzlich näher, sieht all die Ansätze von Perücken und angeklebte Wimpern, und ist ihnen doch so viel ferner als auf der Bühne. In Echtzeit wird das Geschehen im Palast hinter der Mauer auf die große Leinwand übertragen, nichts bleibt dem Blick verborgen, so die Suggestion. Mal im Vollbild, mal im Splitscreen, mal in dutzendfacher Wiederholung, eingefroren als Standbild, in repetitiven Momenten oder als zirkulierender Sog – eine wahre Bilderflut, bis zum audiovisuellen Overkill. Es ist eine sinnfällige Umsetzung, um den Hamletstoff in solch aktueller Form zu präsentieren: Kay Voges schafft hier in Zusammenarbeit mit dem Videokünstler Daniel Hengst und dem Programmierer und Sounddesigner Lars Ullrich ein überbordendes Technikspektakel, das genau den Nerv, den Sehnerv, der Zuschauer trifft. Wie kann man all diese Datenmengen, die auf einen einströmen, selektieren, filtern, ihre Relevanz erfassen, wer entschleunigt uns von dieser Entwicklung? Voges schafft die perfekte Überforderung, die Bilder werden mehr und mehr auf dem Bildschirm, duplizieren sich ins Unendliche, auf der Bühne steht Laertes (Christoph Jöde) mit der Schreibmaschine in der Hand: Er fragt nach dem Stellenwert der Demokratie, ein elektronischer Bass setzt ein, in immer kürzeren Abständen wird dieser immer lauter, bedrohlicher, man hört Laertes nur noch schreien, jedoch nicht seine Worte. Einige Zuschauer halten sich die Ohren zu, schauen weg. Es wird unerträglich, das soll es sein. Es wird still, erleichtertes Aufatmen. Sein oder nicht sein, Echtheit oder vorgegaukelte Realität? Der Zuschauer wird auf sich selbst zurückgeworfen, selten schafft Theater das.

Der König ist tot, lang lebe der König

Regisseur Voges rafft den Hamlet auf wenig mehr als 1 ½ Stunden und inszeniert in voyeuristischer und entlarvender Ästhetik einen dramatischen Parforceritt zu philosophischen Fragen der Gegenwart: Was ist der Mensch im Zeitalter der technischen Datenflut, was ist die Zukunft Europas, mit welcher Ethik verhandeln wir die Schnittstelle zwischen Mensch und Maschine, wie schützen wir uns vor unserem eigenen digitalen Fortschritt? Der alte König Hamlet ist tot, der Bruder Claudius nimmt Hamlets Mutter zur Frau, alles bekannt, auf die Kernproblematik um Macht und Identität reduziert. Während das Schauspielhaus Bochum seinen Hamlet unter der Regie von Jan Klata seit der Spielzeit 2012/13 wenn auch mit Popmusik-Zitationen und Farbschlachten fast schon brav und abendfüllend inszeniert (3 ¼ Stunden mit Pause), geht Voges hier andere Wege: Jene entlarvende Ästhetik ist auch eine, die neben der Kostümwahl und der verspielten Kulisse einen ebenso parodistischen wie ernsthaft thematischen Effekt hat. Polonius (Michael Witte) ist hier der verrückte Arzt (eine Mischung aus Dr. Frankenstein und Psychopathenchirurg aus The Human Centipede), der seine Kinder auf die Triggerworte im Überwachungsstaat vorbereitet: Washington, Ferguson, Marathon, Bombe etc. Und die metareflexiven Zwischenspiele von Rosencrantz and Guildenstern bilden Amüsement mal im Ganzkörperschweinelatexkostüm, als weißes Kaninchen, als Ernie und Bert, als Plüschbären. Oder wie in der Mausefalle als Loriots Wum und Wendelin, in der sie nicht etwa den Herrschenden mit ihrem Stück im Stück den Spiegel vorhalten, sondern dem geneigten Publikum.

Das Publikum will unterhalten sein: Weniger Kunst, mehr Inhalt

Kurzer Applaus, auf einem Screen mit Nachtsichtfunktion sieht man nur bewegungslose Körper. Es ist vorbei. Wum und Wendelin skandieren: „Wir machen jetzt politisches Theater“. Auf dem Bildschirm nun das Publikum im Kameragrünstich. Verdutzte Gesichter. Eingeblendet: Eine Telefonnummer, ein Hashtag. Die ersten Nachrichten erscheinen. „Wir machen jetzt politisches Theater“ – Die ersten verlassen den Saal. „Ich geh jetzt ein Bier trinken“ – Gesichter werden ganz nah gefilmt. „Wir machen jetzt politisches Theater“.

Ich schreibe eine SMS: „Angela Merkel gefällt das“. Komme mir witzig vor. Weitergabe von persönlichen Daten: freiwillig. Zeig mir, wer du bist in der Mausefalle. Für den kurzen Aufmerksamkeitspeak – die ZuschauerInnen haben verschmitzt in sich hineingekichert – hat es gereicht. Ich bekomme eine SMS: „Wir danken für Deine Daten! Grüße aus Helsingör.“ Wenig später dann: „Deine Erinnerungen sind gespeichert“ mit einem Youtubelink und einem Videomitschnitt des Abends. Ich bin Kay Voges gerne auf den Leim gegangen, schlimme Erkenntnis, danke dafür! Vielleicht brüllen Wum und Wendelin noch immer in den Zuschauerraum, vielleicht hören sie nur auf, wenn die Menschen auch aufhören zu schreiben.

Nächste Vorstellungen:
Sonntag, 21. September
Mittwoch, 01. Oktober 2014
Freitag, 14. November 2014

http://www.theaterdo.de/detail/event/hamlet/

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2 Gedanken zu „„Hamlet“ Tag und Nacht

  1. Pingback: Was ist faul im Staate? | literaturundfeuilleton

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