Biederer Budenzauber

Benjamin Lebert - Mitternachstweg   Cover: Hoffmann und CampeMit dem Versuch einen modernen Schauerroman zu schreiben, hat sich Benjamin Lebert ziemlich verhoben. Mitternachtsweg ist eine handwerklich solide, aber harmlose Spukgeschichte, die dem Genre nichts Neues hinzufügt.

von LINA BRÜNIG

Über die Bürde, zu der sich sein Debütroman für Benjamin Lebert entwickelt hat, ist viel gesagt und geschrieben worden: So vorschnell wie im Bezug auf Crazy Ernest Hemingway als Referenzgröße ausgepackt wurde, so merkbarer wurde das Kritikerlob mit jedem neu erscheinenden Buch verhaltener. Das Prädikat „Ex-Wunderkind“ und das Urteil „Kann nicht an Sensationserfolg anknüpfen“ scheinen Lebert seither zu begleiten, wie ein lästiger Fluch, der sich partout nicht abschütteln lässt.

Neue alte Wege

Auch sein neuer Roman Mitternachtsweg handelt von einem unabwendbaren Fluch – allerdings in weitaus existenziellerem Maß. Auf mehreren Zeitebenen und aus der Sicht unterschiedlicher Figuren wird im Kern die Geschichte einer unglücklichen Liebe und eines tragischen Todesfalls in den 1930er Jahren erzählt. Protagonist des Romans ist aber Johannes Kielland, der im Sommer 2006 in einem Bericht seine Recherchen zu dem Fall darlegt. Der angehende Historiker und Liebhaber skurriler Geschichten hatte im Jahr zuvor die mysteriöse Helma Brandt kennengelernt und eine Nacht mit ihr verbracht. Kurz darauf verschwand sie, und Kielland begann, Nachforschungen über sie anzustellen. Was er dabei herausfindet, verschwimmt zwischen den Grenzen von Diesseits und Jenseits und bringt ihn selbst in höchste Gefahr.

Mehr Lovecraft als Poe

Die Angaben über den Inhalt werden hier absichtlich spärlich gehalten, weil Leberts Buch als einfacher Schauerroman mit Krimi-Elementen durchaus spannend zu lesen ist und einen Sog entwickelt – mit weiteren Hinweisen auf den Plot würde man etwaigen Lesern diese Spannung verderben. Mitternachtsweg hat einen ähnlichen Unterhaltungswert wie die Horrorgeschichten von H.P. Lovecraft, aber leider auch ein ähnliches Problem: Beide Autoren arbeiten sich an unerreichbaren Vorbildern ab. Lovecraft fand nie zu der Meisterschaft eines E.A. Poe während Lebert offenbar eine zeitgenössische Version deutscher Schauerromantik vorschwebt. Wohl nicht zufällig werden Jean Paul und Clemens Brentano zitiert und betont, dass Kielland sich mit den Romantikern auskenne.

„Natürlich, eine alte Handschrift“

Und so ist es keine Überraschung, dass sich in Mitternachtsweg alle Ingredienzien der romantischen Schauergeschichte versammeln: ein hinterlassenes Manuskript, eine geheimnisvolle Fremde, ein altes Haus. Dazu eine schlimme Kindheit, das Spiel mit dem Doppelgängermotiv und ein gruseliges Requisit, in diesem Fall ein schwarzer Handschuh aus undefinierbarem Material. Außerdem spielt ein Großteil der Geschichte auf Sylt, wo sich einerseits aus den dortigen Legenden und Mythen schöpfen lässt, andererseits die traditionell unheimlichen Gezeiten der Nordsee herrschen.

Am eigenen Anspruch gescheitert

Problematisch ist aber, dass Lebert anscheinend mehr möchte, als dem Leser einen Schauer über den Rücken laufen zu lassen. „Wann immer wir von einer großen Liebe erzählen, erzählen wir letztlich eine Spukgeschichte“, heißt es auch auf dem Buchumschlag. Und genau das tut Mitternachtsweg eben nicht. Das zentrale Liebespaar bleibt dem Leser fremd, von ihren Gefühlen zueinander und ihren Motiven erfährt man fast gar nichts. Sie sind ein bloßes plot device. Ähnliches gilt für Johannes Kielland, dessen Sprache Lebert streckenweise geradezu unbeholfen geraten ist. Wohl im Versuch, einen romantischen Duktus nachzubilden, entstehen Sätze, die zwischen hölzern und prätentiös changieren: Da dringt „die Heiligkeit des Morgens in den Raum“ und der Winter „schickte Wolken aus dem Osten heran, und der Wind schüttelte aus ihren Bäuchen Lasten von Schnee über der Stadt aus“ und „Bedrohung war zu spüren.“

Der Autor hat sich für eine der gängigsten Formen der Gespenstergeschichte entschieden: Eine Person, die einen grausamen Tod gestorben ist, kehrt in die Welt der Lebenden zurück, um Rache zu üben. Wenn man mit einem derart auserzählten Stoff hantiert, wäre es gut, wenn man ihm etwas Neues hinzuzufügen hat. Das ist hier leider nicht der Fall.

Die Phantastik kann ein hervorragendes Genre sein, um psychische Zusammenhänge auszuloten, um Unbewusstes und Unterdrücktes zu thematisieren, um sich mit Todesvorstellungen zu beschäftigen, um Ängste beschreibbar zu machen, um sich der Natur des Menschen zu nähern – oder um wie Benjamin Lebert einen einfachen Budenzauber ohne doppelten Boden zu veranstalten.

Benjamin Lebert: Mitternachtsweg
Hoffmann und Campe, 237 Seiten
Preis: 18,00 Euro
ISBN: 978-3-455-40437-1
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3 Gedanken zu „Biederer Budenzauber

  1. Ich finde es gut, dass sich mal wieder jemand an die Phantastik wagt. Leider klingt das ganze sehr nach Schnittmusterbogen. Und warum immer eine Liebesgeschichte einweben? Naja, aber immerhin seit langem mal wieder eine negative Kritik, die dazu führen könnte, dass ich das besprochene Buch lese – um gegenzuchecken.

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