Auf der Suche nach dem verlorenen Sinn

Onkel Wanja am Bochumer Schauspielhaus   Foto: Arno DeclairNun hat also auch im Bochumer Schauspielhaus die Theatersaison wieder begonnen – wie schon im vergangenen Jahr (mit Gorkis Wassa Schelesnowa) startet man die Spielzeit mit einem der großen russischen Dramatiker. Doch dieses Mal geht der Schuss nach hinten los. Regisseur Stephan Kimmig nimmt das Konzept der Langeweile in Tschechows Onkel Wanja leider viel zu wörtlich.

von ANNIKA MEYER

Tschechows Figuren sind auf dem russischen Landgut Serebrjakows in einer untätigen Starre gefangen, seit der emeritierte Kunstprofessor Alexander (Peter Lohmeyer) mit seiner jungen Frau Elena (Therese Dörr) aus Geldmangel auf den Hof seiner verstorbenen ersten Frau zurückgekehrt ist. Sein Schwager Iwan Petrowitsch Wojnizkij (Werner Wölbern), von den meisten nur Wanja genannt, hat seine Arbeit aufgegeben. Der Landarzt und Hobbyförster Astrow (Felix Rech) vernachlässigt Patienten und den Wald, um mit Wanja Wodka zu trinken und für Elena zu schwärmen, und auch Alexanders Tochter Sonja (Minna Wündrich) hängt immer mehr an Astrows Lippen, anstatt sich um das Gut zu kümmern. Als immer klarer wird, dass der Professor keinerlei Bedeutung in der wissenschaftlichen Gesellschaft erlangt hat und sich somit Wanjas und Sonjas jahrelange Aufopferung, den Professor mit Geld und Hilfsarbeit zu unterstützen, als sinnlos offenbaren, eskaliert die Situation.

„Kinder, warum macht keiner was?“

So weit, so gut. Tschechows Drama zeigt die Protagonisten gefangen in sich selbst und gescheitert am fehlenden Lebenssinn. Auch die Schauspieler sind gefangen auf der Bühne – sie verharren im Hintergrund auf Stühlen sitzend, während sie auf ihre Auftritte warten; Kostümwechsel werden ebenfalls vor aller Augen vorgenommen und lassen die Protagonisten allseits präsent wirken. Die Probleme der Figuren sind zwar zeitlos – jeder sucht nach einem Nutzen und langweilt sich ohne eine Lebensaufgabe oder verzweifelt an sich selbst –, doch Regisseur Stephan Kimmig hält sich (zu) genau an Tschechows Szenen aus dem Landleben. Es wird akribisch umgesetzt, was Tschechow seinen Figuren andichtet: Felix Rech als Astrow trägt einen lächerlich langen, schmierigen Schnauzbart und ist bei all seiner neuen Untätigkeit ein sich selbst befummelnder Zappelphilipp, der sich aber zumindest als langsam verrückt werdenden Menschen erkennt. Torsten Flassig als zu gutmütiger ehemaliger Gutsbesitzer Telegin, genannt Waffel, wird tatsächlich mit picklig-pockiger Haut ausgestattet und darf mal blank ziehen, wobei es sich hierbei um eine dieser Nacktszenen handelt, die völlig sinnentleert rein gar nichts transportieren.

ONKEL WANJA 2_Foto Arno DeclairDie Bühne (Bühnenbild: Oliver Helf), Boden und Wände sind schwarz, lediglich ein offenes Baugerüst aus Metallstangen und hölzernen Dachbalken deutet einen provisorischen Raum an, einen Ort des Verfalls – dieser ist allerdings das einzig Dreidimensionale des ganzen Theaterabends. Peter Lohmeyer stolziert in seinen wenigen Auftritten mal dandyhaft im farbenfrohen Jackett, mit Hut und Sonnenbrille (Kostüme: Camilla Daemen) über die Bühne, nervt seine Frau als hypochondrischer jammernder Alter im lavendelfarbenen Satinschlafanzug und rennt schließlich mit nacktem Oberkörper und erstaunlich fit vor seinem Schwager davon, der mit einer Pistole auf ihn losgeht. Der Wandel: unerklärt und für den Zuschauer nicht verständlich. Trotzdem gibt es für Lohmeyer natürlich Lacher vom Bochumer Publikum. Ebenso Elenas Gemütssprünge: Zu Beginn ganz die Sexbombe in Highheels, der Wanja und Astrow verfallen, später in Pantoffeln schlurfend und leidend ob der Langeweile des Landlebens und den Gebrechen ihres Mannes, sind Elenas Wandlungen und die Versöhnung mit ihrer hässlichen, aber liebenswerten Stieftochter Sonja leider zu plötzlich, zu plump, um wirklich glaubhaft zu sein. Wandlungen gibt es viele, nachvollziehbar wirken sie nicht. Lediglich Anke Zillich als dauer-strickende Kinderfrau Marina verdeutlicht eine angenehme und rührende Konstante im Bühnengeschehen.

Fehlende Höhepunkte

Gestrichen wird wenig, kontextualisiert oder interpretiert wird noch weniger. Über 155 Minuten sitzt man im Zuschauerraum und fragt sich, warum Tschechows Drama ausgerechnet in unserer Zeit wieder aufgeführt werden sollte – eine Antwort erhält man nicht. Astrow bietet zwar in seinem Bemühen, die Natur zu erhalten, einen kleinen Ausblick auf so etwas wie Öko-Kritik oder den nicht allzu bohrenden Finger in die Wunde Klimawandel, doch ansonsten verfolgt man lediglich das Scheitern der Protagonisten, das schon zu Beginn des Abends abzusehen war. Werner Wölbern als Wanja kritisiert das fehlende Wissen des Professors und seinen dementsprechend fehlenden Ruf schon in der ersten Szene, nur um seine Vorwürfe später im gleichen Wortlaut zu wiederholen. Von Spannungssteigerung oder plötzlichen Offenbarungen keine Spur, alle Intentionen und Gefühle der Protagonisten sind bereits in der ersten halben Stunde bekannt oder werden zumindest mehr als offensichtlich angedeutet. Und weil man keinen anderen Strohhalm hat, so freut man sich tatsächlich darauf, dass Minna Wündrich irgendwann wie im Programmheft angekündigt das Akkordeon spielen wird. Doch der eigentliche Höhepunkt – Wanjas Ausbruch und seine Schüsse auf den Professor – kommt ohne Eskalation und Timing. Die Hektik, die sich im letzten Akt ausbreitet – der Professor und seine Frau verlassen das Gut, auch Astrow hat keinen Grund mehr zu bleiben und alle laufen wie aufgescheuchte Gänse über die Bühne – wirkt leider auch nicht spannend, sondern ermüdend. Wir warten auf das Ende, so wie Wanja und Sonja zuletzt geduldig in ihre Alltagsroutinen zurückfallen, unnötig für den Professor arbeiten und auf ihr Lebensende warten. Einzige Zutat Kimmigs scheinen Slapstick-Einlagen zu sein: Die Darsteller rutschen ungelenk in einer Pfütze aus, Henriette Thimig als Wanjas Mutter Maria Wassiljewna malträtiert die ohnehin schon durchgesessene Liege. Tschechows Komik, die er auch seinen tragischen Figuren einflößte, wird hier jedoch nicht übernommen, die komischen Zugaben wirken zusammenhanglos und daher fehl am Platz. Sonja fasst den Theaterabend leider gut zusammen, als sie Astrow zu essen anbietet: „Hier, ist Käse.“ Einen Hoffnungschimmer gibt sie Wanja und dem Publikum aber auch: „Wenn man keine Freude hat, muss man Geduld haben.“ Haben wir. Und sind deswegen gespannt auf die nächsten Inszenierungen und Premieren des Hauses.

Nächste Vorstellungen:
Donnerstag, 02. Oktober 2014
Sonntag, 05. Oktober 2014
Samstag, 25. Oktober 2014
Informationen zum Stück
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