Ein Schwindel weltgeschichtlichen Ranges

Köhlmeier: Zwei Herren am Strand Quelle: Hanser VerlagDiese Österreicher mal wieder. Michael Köhlmeier erfindet Charlie Chaplin und Winston Churchill neu: als Freundespaar am Rande des seelischen Abgrunds im Roman Zwei Herren am Strand. Auf die Shortlist des Deutschen Buchpreises hat es das Buch jedoch nicht geschafft. Zu Unrecht: Das literarische Vorhaben ist kühn und die Umsetzung liest sich großartig.

von FABIAN MAY

Man sagt, es gibt Geschichten, die kann man sich nicht ausdenken. Diese hier – ein schreibender Clown findet im Nachlass seines Vaters Belege für einen geheimen Beistandspakt zwischen Winston Churchill und Charlie Chaplin – ist ebenso ausgedacht wie grandios.

Beschreibung zweier Kämpfe

Chaplin und Churchill verbindet auf den ersten Blick nicht viel. Hauptsächlich zweierlei: historisch der Kampf gegen das Hitler-Regime mit ihren jeweiligen Mitteln (Der große Diktator/Zweiter Weltkrieg), biografisch der Kampf gegen Depression und Selbstmordgedanken. Zwei Kämpfe, und in beiden erweist sich die ominöse zwischen ihnen diskutierte „Methode des Clowns“ als heilsam.

Gerade weil die Welten dieser Persönlichkeiten so verschieden sind, ist es besonders ergiebig, sie sich zusammen auszumalen. Chaplin, gegen den eine gnadenlose Schmutzkampagne der amerikanischen Presse läuft, hat gerade The Circus abgedreht, im tiefen Zweifel am Film und an sich selbst telegrafiert er: „Charlie braucht Winston.“ Die sofortige Antwort: „Winston kommt.“

Anhand fingierter Interviews und Schriftwechsel erzählt uns Köhlmeiers Clownfigur, wie die beiden Männer einen Pakt schließen, in der Not immer füreinander da zu sein; wie sie den gemeinsamen Feind Hitler bekämpfen, und aus welchen Wortwechseln der Paktanten sich zentrale Szenen in Der große Diktator speisen sollen. Es wird ein Fest, das beim nächsten Ansehen in den Film hineinzudeuten und auszuprobieren.

Prinzip der Verdichtung

Kennengelernt haben die beiden sich laut Buchfiktion in einer Szene, die zu schön und zu sehr auf den Punkt ist, um wahr zu sein: auf einer Einweihungsparty in Hollywood. In der Dunkelheit erkennen sie einander nicht als Personen, aber wohl als Menschen am Rande des seelischen Abgrunds. Weswegen sie spontan entscheiden, die Gastgeberin Gastgeberin sein zu lassen und zu einem gemeinsamen Spaziergang zu verschwinden.

Die Schilderung des Spaziergangs steht exemplarisch für Köhlmeiers großartige Erzählmethode: Pro Kapitel kommen sie nur wenige Schritte und Sätze voran, der Rest ist biografische Rückblende und ‚Recherchehintergrund‘. In einer späteren Begegnung am Strand legt Köhlmeier diese Methode der Verdichtung Chaplin in den Mund, der Churchill beim Malen beobachtet:

„Dieses unglaubliche Bild! Ein alter Mann, älter, als er tatsächlich ist, sehr viel älter, sitzt am Strand, zusammengesunken, hält abwechselnd Hut und Staffelei fest, damit der Sturm sie ihm nicht wegbläst, kämpft gegen den Hund [die Depression] in seiner Kehle und seiner Seele, indem er eine Idylle auf die Leinwand zaubert. Ein Mann ohne Laune, zum Bersten angefüllt mit Nichts, ein Leben als Schadensabwicklung. […] Nicht nur eine Szene, ein ganzer Film könnte es sein! […] Zwei Männer treffen einander am Strand, und alles, was man sieht, ist anders, als es tatsächlich ist.“

Uneinholbar wie die Schildkröte

Der Effekt beim Lesen: Die im Alltagsleben so linear verlaufende Zeit verzweigt sich, der Beziehungsreichtum jedes einzelnen Moments wird fühlbar. Dass uns hier eine alternative Realität erzählt wird, treibt das Spiel mit Möglichkeiten auf die Spitze. Natürlich darf in all dem auch das Paradoxon von Achill und der uneinholbaren Schildkröte nicht fehlen. Und nicht die Verdopplung des Erzählten ganz am Ende des Romans: dass der Clown nämlich diese Geschichte schon mal erzählt hat. Ein Zückerchen für alle poetologisch Interessierten.

Spaßig und erhebend

Ich halte sonst gehörigen Abstand von biografischen Erzählungen. Aber diese hier ist einfach sehr gut. Es macht viel Spaß und fühlt sich zuweilen auch groß und erhebend an, Köhlmeier dabei zuzulesen, wie er diesen Schwindel weltgeschichtlichen Ranges entwickelt.

Manchmal – vor allem in der zweiten Buchhälfte – schlingert die Geschichte ein bisschen. Aber das ist okay. Denn sogar noch in ihrer Tendenz, sich in Nebensträngen zu verlieren, bildet sie eine der vielen möglichen Wirklichkeiten nach.

 

Michael Köhlmeier: Zwei Herren am Strand
Carl Hanser Verlag, 256 Seiten
Preis: 17,90 Euro
ISBN: 978-3-446-24603-4 
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