Ungebetene Gäste

Cover_Hila Blum_Der Besuch   Berlin VerlagDer Besuch von Hila Blum zeigt ein Familienportrait in Fragmenten. Eine Patchworkfamilie übt sich vor dem Hintergrund der geteilten Stadt Jerusalem im Zusammenhalt – doch wie lässt sich verhindern, dass die Vergangenheit verschwindet, wenn schon die Gegenwart als ein unzusammenhängendes Konstrukt erscheint? Ein ebenso fabelhaftes wie ungewöhnliches Debüt aus Israel.

Von KARIN BÜRGENER

Selbst für Jerusalem ist es ein ungewöhnlich heißer Sommer. Nili und ihr Mann Nataniel, genannt Nati, sollten die wolkenlose Woche eigentlich genießen, schließlich wurde sowohl die gemeinsame Tochter Asia als auch Dida, Natis Tochter aus erster Ehe, samt überfülltem „Emigrantenkoffer“ in die Ferien geschickt. Doch gleich zwei Ereignisse überschatten die freien Tage. Zum einen kennen die Nachrichten in dieser Woche nur ein Thema: das plötzliche Verschwinden des kleinen Jungen Denis Bukinow. Zum anderen hat sich dem Paar ein ominöser Gast angekündigt: ein fast vergessener, flüchtiger Bekannter aus Frankreich.

Anachronie der Erinnerung

Diese beiden Begebenheiten dienen in bester Proust-Manier als Aufhänger für zahlreiche Exkurse in die Vergangenheit. Während die eigentliche Handlung nur wenig Raum beansprucht, sind die Rückblenden umso umfangreicher. Repetitiv und anachronisch entfächern sich langsam verschiedenste Erinnerungen Nilis, die nicht nur skeptische Blicke auf ihre Kindheit, sondern auch auf die eigene Eignung als Mutter werfen, nicht nur die Treue oder Untreue des Ehemannes berühren, sondern auch ihr Verhältnis zu ihrem Exfreund Alfa. Die verschiedenen Zeitebenen wechseln einander ständig ab und werden um weitere ergänzt, was die Orientierung für den Leser ein wenig erschwert, gleichzeitig jedoch die Aufmerksamkeit weckt. Namen und Orte schwirren durch den Textkörper, deren Bedeutung für die Erzählung sich erst im weiteren Verlauf aus dem Kontext erklären. Die Erzählinstanz blickt zurück, nach vorn und riskiert viele flüchtige Seitenblicke, die geheimnisvolle Andeutungen enthalten und sich erst bei der nächsten Rückblende enthüllen – dieser Spannungsaufbau trotz eigentlicher Handlungsarmut ist charakteristisch für den Roman und tatsächlich bemerkenswert. Nahezu allein mit ihren Gedanken, leisten Nili ihre mehr oder weniger willkommenen Erinnerungen Gesellschaft. Diese lassen sich als Heimsuchung verstehen, als seltsame Besucher aus der Vergangenheit.

Dahinter verbirgt sich jedoch nicht Der Besuch, den der Titel verspricht. Dieser lässt einige hundert Seiten auf sich warten: Der französische Millionär Duclos kündigt gleich zu Beginn der Erzählung seine Ankunft in Israel an und besteht auf ein Treffen mit Nili und Nati. Einst rettete er die beiden – damals noch frisch Verliebten – in einem Pariser Luxusrestaurant aus einer heiklen Situation. Seitdem sind etliche Jahre vergangen und Nili zerbricht sich gemeinsam mit dem Leser den Kopf darüber, was Duclos im Schilde führen könnte. Der Tag seiner Ankunft fällt ausgerechnet auf den Unglückstag Freitag, für den noch dazu ein Sturm vorhergesagt ist – schlechte Vorzeichen begleiten diesen mysteriösen Gast zu Genüge, zudem ist Nili eine unverschämte Bemerkung Duclos besonders in Erinnerung geblieben. Zu allem Überfluss sieht sie auch noch dessen (toter) Exfrau zum Verwechseln ähnlich.

Für Sterbende und Verliebte

Der Roman liefert eine Menge an Details, ohne sich in langen Erklärungen zu vertiefen. Die Lektüre wird an keiner Stelle beschwerlich, was auch an der seltenen Kunst der Autorin liegt, Gefühle darzustellen, ohne ins Klischeehafte oder Kitschige abzudriften. Stattdessen versteht sie es ungewöhnliche Metaphern zu verwenden, etwa wenn die Reise nach Paris beschrieben wird: „Sie verstanden in jenen Tagen das Leben als ein Flackern – etwas, was nur Sterbenden oder Verliebten zusteht.“ Selbst Aussagen wie „Sie wird den Blick nicht in eine andere Richtung wenden, selbst wenn dort eine Rakete einschlägt“ verlieren vor der aktuellen politischen Lage in Israel und insbesondere Jerusalem ihre Floskelhaftigkeit, die man bei einem Roman aus einem anderen Kontext hinter einem solchen Satz erkennen könnte.

Der in Israel bereits hochgelobte Debütroman der Journalistin und Lektorin Hila Blum lässt eigentlich nur einen Wunsch übrig: dass ihm bald noch etliche folgen mögen.

Hila Blum: Der Besuch
Aus dem Hebräischen von Mirjam Pressler
Berlin Verlag, 416 Seiten
Preis: 22,99 €
ISBN: 978-3-8270-1194-7

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