Von Visionen und Aversionen

Cover_Michael Schindhelm_Lavapolis Matthes & SeitzWenn die hohen Ambitionen eines Kulturvisionärs an der Mittelmäßigkeit ihrer Umsetzung scheitern, kommt ein Buch dabei heraus, in dem es um den Wert des Dialogs geht und über das niemand reden möchte. Michael Schindhelms Lavapolis bildet den Ausgangspunkt eines großangelegten transmedialen Projektes, das auch in Form einer Homepage und auf der Biennale 2014 einen Diskurs zu brennenden Fragen in Politik und Gesellschaft anregen soll. Angesiedelt im Raum zwischen Realität, Fiktion und Utopie verspricht dieses soziale Experiment „Möglichkeiten“ zu eröffnen, „Alternativen“ zu erproben. Das Buch allein leistet nichts davon.

von ANNA KREWERTH

Der erste Lektüreeindruck von Lavapolis entspricht in etwa demjenigen eines prätentiösen Ergusses prophetischer Schwätzer, die wissen, wie man die Welt, oder doch zumindest sich selbst, vor dem unvermeidlichen Untergang retten kann. Diese versuchen dann, in fanatische Phrasen und Gehirnwäschefloskeln gekleidet, den Leser von einem Lebenskonzept zu überzeugen, das ihn mehr als verstört zurück lässt – man fragt sich: Soll das so?

Frage I: Was ist die Fiktion?

Im Buch kommen verschiedene Figuren zu Wort, die auf der imaginären bzw. imaginierten Insel Lavapolis im Mittelmeer leben. Sie erläutern die in beständigem Wechsel begriffenen Strukturen dieser „vorläufigen Gesellschaft“ sowie ihren eigenen Anteil am Wirken derselben. Hierbei fallen Parolen wie „nichts gehört dem Einzelnen, alles gehört allen“, „Armut macht erfinderisch“ oder „die Natur sei die größte aller Künstlerinnen“. Anspruchsvolle Vorhaben wie die der Aktivistengruppe der „Frugalen Innovation“, die Idee einer „Architektur der organischen Inklusivität“ und die „Politik der universellen Solidarität“, in der die höchste „Bürgerpflicht“ doch immer die „Bescheidenheit“ bleibt, bilden die Basis des idealen Staates, dessen einziges Manko ist, dass nicht jeder darin leben darf: „wer ehrlich ist und eine interessante Qualifikation hat, kriegt seine Chance“ – wie die Skilled Migration in Australien also!
Schindhelm selbst betont im Gespräch mit Arte Future, es handele sich bei den Protagonisten um „Kosmopoliten“ mit unterschiedlichem kulturellen, sozialen und religiösen Hintergrund, dennoch: Die Konformität ihrer Ansichten und der kaum variierende Sprachduktus lassen sie zum immer gleichen platten Figurentypus mutieren und eine Unterscheidung der Charaktere wird zunehmend erschwert. Kritische Stimmen und vom System abweichende Ansichten finden sich nur vereinzelt und wirken „gewollt“.
Der als Autokratie begründete Lebensraum, der sich klar von der immer wieder zitierten „Außenwelt“ abkoppelt, besticht nicht gerade durch bahnbrechende Erkenntnisse oder die Offenlegung von Lösungsansätzen, eher betont er stets die Dynamik aller Prozesse und Optionen.

Frage II: Was ist die Realität?

Dass Schindhelms Werk zu (passiver oder aktiver) „Beteiligung“ aufruft, wird bereits der Figur Friday in den Mund gelegt, welche mit dem Spin-off-Projekt „Friday in Venice“ von der Fiktion in die Realität überführt wird. In einem Diskussionsforum gibt Friday (verkörpert durch den Schauspieler Gábor Biedermann) Fragen an die Hand und eröffnet einen interaktiven Dialog, dessen Ergebnisse unter anderem auf der Homepage lavapolis.com  veröffentlicht werden. Sowohl im Europaparlament als auch auf der Biennale in Venedig treffen Wissenschaftler, Studenten und Experten unterschiedlicher Disziplinen aufeinander und sprechen über die Zukunft Europas. Das Anliegen des Projektes ist es, verschiedene Perspektiven auf Fragestellungen aufzuzeigen, diese zu diskutieren und zu kritisieren.
Warum auf der Website allerdings auch ein sektenartig anmutendes Video zu finden ist, das aus Buchpassagen montiert Eindrücke der Insel vermitteln soll, weiß wohl dessen Schöpfer, der deutsche Regisseur Robert Schuster, allein. Insgesamt fragt man sich, ob da nicht ein eventuell ursprünglich einigermaßen potenzialbergender Einfall ziemlich in die Hose gegangen ist – wobei der vorangegangene Satz jetzt in etwa so viele Einschränkungen enthält, wie es bedarf, das Konzept der Insel Lavapolis als gelungen zu bezeichnen. Alle Teilstücke des Projektes verhalten sich in ihren Wirkweisen widersprüchlich und könnten gerade dadurch eine zwiespältige Deutung, eine kritische Betrachtung provozieren, würden sie nicht gleichzeitig die Frage der Interpretation so vollständig unbeantwortet lassen. Womit wir bei der letzten Frage wären.

Frage III: Was ist möglich?

Vielleicht handelt es sich bei Schindhelms Werk ja um eine bittere Satire, die all den alternativen Ökomissionaren und den elitären Möchtegernquerdenkern die Untauglichkeit ihrer leichtgemachten Weltverbesserungsvisionen vor Augen führen und offenbaren soll, warum ein autokratisch gebildeter Staat, mit ausgewählter (sprich: selektierter) und auf Regimeloyalität geprüfter Bevölkerung, der sich politisch nach außen stets neutral verhält, doch eher kein Optimum darstellt? – Wenn das seine Absicht ist, macht er sie zu wenig deutlich.
Möglich, dass es dem Autor, ähnlich wie Friedrich von Borries mit RLF (2013), weniger um die Produktion großer, geschweige denn guter, Literatur geht als vielmehr darum, eine weitreichende „Idee“ zu präsentieren. Das Buch wäre ein Stimulus, dem Brecht’schen wir sehn betroffen den Vorhang zu und alle Fragen offen entsprechend, und wer sich berufen fühlte, könnte sich beteiligen. – Nur zu!
Es liegt aber auch im Bereich des Möglichen, dass Schindhelm sich einfach etwas auf die Fahne schreibt und dafür auch noch ziemlich wichtig nimmt, obwohl es inhaltlich bloß halb so innovativ ist wie er glauben mag und sein Konzept trotz Potenzial zu vieles schuldig bleibt. – Das zumindest könnte eine [!] mögliche Antwort darauf sein, warum zu seinem Buch im Feuilleton bislang so hartnäckig geschwiegen wird…

Michael Schindhelm: Lavapolis
Matthes & Seitz, 239 Seiten
Preis: 19,90€
ISBN: 978-3-95757-004-8

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