Der Autor in der Krise: Zynische Lektüre über den Buchmarkt

Im Zoo von Howard Jacobson Quelle: DVA„Kochkunst und Mode haben die Literatur weit hinter sich gelassen“: In Zeiten von iPads, Bloggern und Zombieromanen ist es hart für einen Autor zu bestehen, der keine Amazon-Sterne, sondern ein seriöses Publikum gewinnen möchte. Der renommierte Londoner Booker-Preisträger Howard Jacobson karikiert in seinem Roman Im Zoo den sich verändernden britischen Literaturbetrieb des 21. Jahrhunderts mithilfe des exzentrischen Schriftstellers Guy Ableman, der all seine Leser mit Vergnügen verachtet – und der ohne schlechtes Gewissen seine Schwiegermutter liebt.

von ANNA-LENA BÖTTCHER

„Am besten Afghanistan im 19. Jahrhundert. Historisch zieht immer. Aber im Präsens.“ Solcherlei Ratschläge muss sich Guy Ableman, Schriftsteller mit jüdischen Wurzeln und bis zum Hals in einer Schaffens- und Midlifecrisis steckend, von seinem neuen Agenten Francis geben lassen. Dabei sei es laut Guy, der sich selbst als den letzten einzig wahren Intellektuellen betrachtet, ohnehin zu spät für seinen Berufsstand: Der Literaturbetrieb geht den Bach hinunter, wird regiert von geschmacklosen Komödianten und Fantasyschreiberlingen. Und welche Themen interessiert sie überhaupt, diese neue Bloggeneration, die „weiß, was sie sagen will, bevor sie es sagt“? Seit sein Verleger am Hindukusch spurlos verschwand, ein anderer sich die Kugel gab, muss zwischen Amazonfrust, Primark, Skandinavien-Krimi und Graphic Novel endlich ein Thema her, das zieht. Und welcher Stoff biete sich da besser an als die ohnehin schon so vertrackte Dreieckskonstellation zwischen Guy, seiner hinreißenden Frau Vanessa und deren Mutter Poppy?

Ménage à trois

Jacobson lässt seinen Roman in einem kleinen Oxfam-Buchladen im südenglischen Kaff Chipping Norton beginnen, aus dem Guy Ableman sein Erstlingswerk Wer schert sich einen feuchten Affen? stiehlt: Er erträgt den Gedanken nicht, dass seine Bücher nun second hand an die – zu allem Überfluss einen unerträglichen Dialekt sprechenden – Dörfler verkauft werden könnten, die ihm auf seiner Lesung zuvor noch völlig unqualifizierte Fragen zu seinem Werk stellten und ihn als „misogyn und pädophob“ kritisierten („Was spricht gegen Er Schrägstrich Sie?“). Abgesehen von der ganz grundsätzlichen Abneigung gegen den Leser „von heute“, die Guy sein Umfeld deutlich spüren lässt, geht es in Jacobsons Im Zoo um zwei Dinge, die der Antiheld plant anzugehen: einen neuen Roman – und eine Affäre mit seiner charismatischen Schwiegermutter Poppy Eisenhower. Ideal, wenn das eine das andere beflügeln, die Besessenheit von der eigenen Schwiegermutter auch Inspiration für ein fiktives Meisterwerk liefern könnte. Und praktisch, dass Gattin Vanessa die Romane ihres Mannes ohnehin nicht liest. Eine Australien-Reise mit ihr und Poppy soll Klarheit in jeder Hinsicht schaffen und für einen neuen Kreativitätsschub sorgen. Unglücklich nur, dass ausgerechnet Vanessa, die seit Jahren schriftstellerische Ambitionen hegt, plötzlich einen echten „Flow“ hat und die Ehe in eine ernste Krise zu schlittern droht. Denn: Kann es in einer Partnerschaft wirklich zwei produktive Autoren geben?

 Anekdoten über den Literaturbetrieb

Während des Lesens fragt man sich oftmals: Was genau geschieht in Jacobsons 450-Seiten-Roman überhaupt? Gibt es eine echte Handlung? Die Kapitel ließen sich auch kontextlos als anekdotische Kolumnen über den Berufsstand des Schriftstellers im Allgemeinen abdrucken und machen Im Zoo zu einer zornigen (und oftmals zotigen) Auseinandersetzung mit der postmodernen Literaturlandschaft. Wunderbar etwa die kuriosen Episoden über das Phänomen „Print on Demand“ („Lieferbar ist von gestern!“), die amerikanische „Fakten-Checkerin“ oder den Verleger Sandy Ferber, dessen Story-App-Idee Guy beinahe in die nächste Depression stürzt. Nach den ersten 200 Seiten wünscht man sich trotzdem, die eigentliche Geschichte würde an Fahrt aufnehmen, die Charaktere um den schwarzseherischen Guy („Du lebst in einer Welt, die über Schocks hinaus ist.“) endlich an Kontur gewinnen. So schrill das rothaarige Mutter-Tochter-Gespann „V&P“ anmutet, so oberflächlich bleiben die beiden Frauengestalten im Grunde, auch wenn der scharfe Schlagabtausch, den sich Vanessa und Guy regelmäßig über ihre jeweiligen Schreibprozesse liefern, zum Schreien komisch ist.

 Übersetzungsprobleme

Ein Pluspunkt: Laufend werden neue wunderbar skurrile Figuren in die Handlung eingeführt, wie zum Beispiel der „Urban-Fantasy“-Autor Garth Rhodes-Rind oder die feministische Taschenbuchverlegerin Flora McBeth, die niemals Werke männlicher Autoren vermarktet, die in der ersten Person schreiben. Durch die sehr ausdauernde und somit irgendwann nervige Nostalgie, die die Ich-fixierte Schriftstellerfigur an den Tag legt (Ist wirklich das Internet Schuld? Woran eigentlich nochmal?), wird es dem Rezipienten allerdings erschwert, mit Guy zu sympathisieren, lamentiert dieser doch übermäßig viel über gerade ihn, den unkultivierten Leser von heute – wenn es ihn überhaupt noch gibt: Wer etwas auf sich hält, schreibt schließlich selbst. Und an einigen Stellen stellt sich die Frage, ob Übersetzer Friedhelm Rathjen – auch wenn dieser schon u.a. James Joyce ins Deutsche übertrug – überfordert war, mindestens damit, dem Witz des Slangs der südenglischen Grafschaften gerecht zu werden, den Jacobson mit Vergnügen einfließen und seine Figur Guy Ableman verspotten lässt (Sind es „Böcher“, „Büche“ oder „Buicher“?).

„Und das ist der Punkt, an dem man weiß, dass man als Schriftsteller tief in der Scheiße steckt“, lässt Jacobson seine Figur Guy an einer Stelle sinnieren. „Wenn die Helden der eigenen Romane Romanschriftsteller sind.“ Jacobson beweist mit Im Zoo trotz kleiner Schwächen das Gegenteil und scheint auch in Großbritannien an Beliebtheit nicht zu verlieren: Für seinen neuen, noch nicht ins Deutsche übersetzte Roman J stand er dieses Jahr erneut auf der Longlist des Bookerpreises.

 

Howard Jacobson: Im Zoo
Aus dem Englischen von Friedhelm Rathjen
Deutsche Verlags-Anstalt DVA, 448 Seiten
Preis: 24,99 Euro
ISBN: 978-3-421-04564-5

 

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