Und alle so: „von küener recken strîten/ muget ír nu wunder hœren sagen“

Heinrich Steinfest - Der Nibelungen Untergang   Cover: ReclamKrimiautor Heinrich Steinfest nimmt sich in Der Nibelungen Untergang Siegfrieds, Hagens und Kriemhilds an und macht dabei dezente Anleihen beim Film. Das ist sehr unterhaltsam, aber auch verwirrend.

von LARS BANHOLD

Das Nibelungenlied, wer kennt dieses vermeintliche deutsche Nationalepos nicht? Wohl die meisten. Zumindest dürfte kaum jemand die fast zweieinhalbtausend Strophen des Originaltextes gelesen haben, was kaum einem wirklich vorzuwerfen ist. Auch kann man verstehen, dass Wagners mäßig schmissiger Opernzyklus über die Mischpoke vom Rhein nur wenige MP3-Player schmückt. Selbst die diversen Verfilmungen, darunter immerhin eine von Fritz Lang (1924) und eine mit Herbert Lom und Terence Hill (1967), hebt man sich für lange Tage auf, an denen man wirklich gar nichts anderes zu tun hat. (Ja, es gibt auch noch einen Film von Uli Edel, aber den können auch Julian Sands und Ralf Möller nicht retten, geschweige denn Benno Führmann und Robert Pattinson.) Hinzu kommen teilweise recht bemerkenswerte Neubearbeitungen des Stoffes von Moritz Rinke, John von Düffel, Katharina Gericke und die 2009 veröffentlichte Version J. R. R. Tolkiens. Doch selbst der gestandene Bildungsbürger, oder jener, der sich dafür hält, kennt die Geschichte oft nur aus Zusammenfassungen oder kultureller Osmose.

Wie ein Deutsch-GK zwischen Lachen und gelegentlicher Fremdscham

Hier springt nun Heinrich Steinfest in die Bresche und erfüllt die Rolle des nicht unsympathischen Deutschlehrers, der die Geschichte mit ironischer Distanz schnell und ökonomisch wiedergibt, weil er weiß, dass es ja doch keiner liest. Auf knapp 100 Seiten fasst Der Nibelungen Untergang schnell die gesamte Handlung von Kriemhilds bösen Träumen bis zu ihrer Rache an Hagen von Tronje (Spoileralarm?) zusammen. Die Schnoddrigkeit und glaubhafte Verwunderung, die der Erzähler ob der himmelschreienden Beklopptheit der Figuren an den Tag legt, machen dabei streckenweise auch großen Spaß. Auch ist es gelegentlich erhellend, wenn er versucht, die auf den ersten Blick unlogischen Handlungen der Akteure zu psychologisieren und sonst irgendwie erklärbar zu machen. Dafür muss man jedoch hinnehmen, dass manche Formulierung in ihrer Nonchalance zwar clever klingt, semantisch aber nicht besonders reichhaltig ist – ähnlich einem Pennäler, der versucht die Eloquenz besagten Lehrers zu kopieren, ohne über dessen sprachliche Sicherheit zu verfügen.

Wirklich störend wird es aber, wenn zwanghaft Vergleiche zur Gegenwart gezogen werden. – Siegfrieds Verschmelzung mit seinem Schwert Balmung als Beziehung moderner Menschen mit ihrem Handy? Die Niederlage der Bayern unter Else und Gelfrat als Negativ der fragwürdigen Stellung des FC Bayern München in der Bundesliga? Siegfried als Tom Cruise? Das geht nicht wirklich auf und ist insgesamt einfach zu viel des Guten. Aber das entspannt sarkastische Zerlegen des Heldentums und der deutschtümelnden Tradition der Geschichte lassen über solche Ausfälle hinwegsehen.

Manch einer mag außerdem einwenden, dass es nicht wahnsinnig brillant sei, moderne Maßstäbe des humoristischen Effekts wegen auf einen Text aus dem 13. Jahrhundert anzulegen. Das stimmt auch. Aber der rheinischen Bande aus Selbstdarstellern und Mördern im 21. Jahrhundert das inzwischen eh fragwürdige Etikett „Helden“ weiter anheften zu wollen, würde auch nicht von überragender Intelligenz zeugen. Tatsächlich könnte Steinfest an mancher Stelle noch etwas tiefer bohren und den ganzen Wahnsinn mitnehmen, der im Text verborgen liegt. So sind die ununterbrochen in alle Richtungen verteilten Geschenke aus Gold nicht nur wahrscheinlich Kriegsbeute, sondern vor allem der Profit eines zynischen Feudalsystems, deren geknechteten Akteure unterhalb der Königswürde bei den Nibelungen zu zehntausenden für den reinen Gore-Effekt geschlachtet werden.

Teure Skizzen oder billiger VHS-Kurs?

Zweischneidig sind die Illustrationen von Robert de Rijn, auf dem Umschlag vollmundig „Storyboard“ genannt. Diese sind zwar schön anzusehen, wollen aber so gar nicht zum ironischen Ton des Textes passen. Vielmehr gehörten sie in eines der besseren Rollenspiel- oder Fantasybücher. Der Begriff Storyboard, der hier absolut nicht zutrifft – denn auch wenn de Rijn den groben Stil imitiert, bleiben es reine Illustrationen ohne erzählerische Relevanz – gibt aber vielleicht einen Hinweis auf die drängendste Frage, die sich am Ende dem Leser stellt: warum? Natürlich, Der Nibelungen Untergang ist unterhaltsam und in den besseren Momenten clever, aber die 116 spärlich bedruckten Seiten bleiben sowohl graphisch als auch erzählerisch eine Skizze; nicht wirklich Zusammenfassung, nicht wirklich Erzählung, nicht wirklich Meditation, keine Analyse, sondern … ja, was eigentlich? Sollte es die Nacherzählung des Deutschlehrers sein, wo und wer sind die Schüler? Wer ist die Zielgruppe? Oder ist es tatsächlich das Proposal für eine Verfilmung? Dann würde der Begriff Storyboard Sinn ergeben. Dann muss sich der Verlag aber die Frage gefallen lassen, wer für einen so skizzenhaften Text 20 Euro bezahlen soll. Schüler und Studenten, die zu faul für das Original sind, denen Wikipedia aber zu langweilig ist?

Der Nibelungen Untergang ist nicht die schlechteste Möglichkeit, sich die Geschichte zu Gemüte zu führen. Trotzdem hinterlässt die Lektüre ein komisches Gefühl des Unfertigen. So als ob …

Heinrich Steinfest: Der Nibelungen Untergang.
Mit einem Storyboard von Robert de Rijn.
Reclam, 120 Seiten
978-3-15-010949-6
19,95 Euro
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