Das Ungeziefer in dir: Lebst du noch oder krabbelst du schon?

Die Verwandlung am Theater Oberhausen, Moritz Peschke als Gregor Samsa   Foto: Klaus FröhlichDas Publikum ist dem ukrainischen Regisseur Andriy Zholdak laut eigener Aussage ziemlich egal. Das deutsche Publikum sei ohnehin eines, das ein Stück, das es nicht versteht, gleichermaßen unverständlich wie schlecht findet. Ist das Oberhausener Premierenpublikum von Zholdaks Kafka-Inszenierung der Verwandlung also ein vermeintlich „typisch deutsches“, weil es die Inszenierung weniger mit stehenden Ovationen als mit vereinzelten Buh-Rufen und sichtlicher Irritation und Erregung goutiert: „Unverschämtheit“, „Ich hatte es mir ja schon schlimm vorgestellt, aber das?!“ oder „Ich fand es dermaßen unmöglich.“ Erklärungsversuche.

von KATJA PAPIOREK und NADINE HEMGESBERG

Die Bühne – ein Provisorium, die Glühbirnen hängen an Kabeln herunter, das Dachgebälk aus Holz und Stahlrohr nur angedeutet, in U-Form sind die Zimmer einer Wohnung um einen Tisch mit Mikrofonen und Videokameras angeordnet: Das Dienstmädchen (Nola Friedrich) betritt die Bühne: „Licht bitte“. Es soll hier eine Art Probenatmosphäre evoziert werden, hier ist etwas im Werden, und den Rahmen für das eigentliche Stück bilden – für die Verwandlung (Bühne: Andriy Zholdak, Tita Dimova). Nach und nach versammeln sich die Schauspielerinnen und Schauspieler am großen Tisch; die Kameras werden eingeschaltet; über der Bühne erscheinen auf einer Leinwand, wie in einer Konferenzschaltung vier Konterfeis. Auf einer Wand rechts der Bühne die zu fokussierende „Haupteinstellung“ mit nur einem Gesicht. Bis zuletzt bleibt jedoch unklar, warum Zholdak sich in seiner Inszenierung dieses Mediums bedient, hat es doch nicht viel mehr zu bieten als einen Bespiegelungseffekt ohne inhaltlichen und mit nur geringem dramaturgischen Mehrwert (selbst wenn man das hier angedeutete Live-Hörspiel mit einbezieht – das jedoch in seiner audiovisuellen Verzögerung und Laienhaftigkeit irritiert). In den fünf Videopanels bleibt das Stück auch medial Fragment. Einen narrativen Charakter, gar etwas Neues, wie es in Kay Voges’ Dortmunder Inszenierung von Hamlet der Fall ist (hier konstituiert sich zusammenhängende Handlung so oder so erst im Zusammenspiel der Videoprojektionen) oder dem ebenfalls am Dortmunder Schauspiel inszenierten Live-Film Minority Report oder Mörder der Zukunft von Klaus Gehre (Dogma-Manifest), kann man diesen Versatzstücken nicht zuschreiben. Selbst während man bereits zur Verwandlung probte, sagte Zholdak „Ich starte gerade mit den Proben, wir haben eventuell auch Kamera und Video.“ Man möchte ihm anraten, er hätte es dabei belassen, ohne technischen Chichi.

Groteskes Nasentheater: Von Naso über Gogol zu Kafka

Zuletzt betritt Moritz Peschke (Gregor Samsa) die Bühne, am Tisch Genuschel, der Stau, jaja, Verspätung, drei Proben an einem Tag, und Peschke beginnt zu lesen: „Als Gregor Samsa eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte, fand er sich in seinem Bett zu einem ungeheuren Ungeziefer verwandelt.“ Die anderen Schauspielerinnen und Schauspieler beginnen, sich Bärte, riesige Augenbrauen und überdimensionierte Nasen anzukleben, Brillen werden aufgesetzt, lückenhafte und ekelhafte Gebisse werden eingesetzt (Kostüme: Tita Dimova). Nicht Gregor verwandelt sich, sondern seine gesamte Familie durchläuft eine Metamorphose zu Gestalten des Monströsen, des Abartigen und Grotesken (nachtkritik.de weist auf die ebenfalls konträr umgesetzte Verwandlung in der Inszenierung von Nina Mattenklotz in Zürich hin).

Apropos Metamorphose: Ein Seitenblick auf Ovid scheint hier nicht nur wegen des Verwandlungsmotivs besonders fruchtbar. Handelt es sich beim antiken Schöpfer der Metamorphosen doch um einen Dichter mit dem sprechenden Beinamen Naso. Springt man nun aus der Antike in die erste Hälfte des 19. Jahrhunderts, so wird man beim Motiv der Nase in Kombination mit der Verwandlung im Œuvre Nikolai Gogols fündig: Die Nase (1836). Der Assesor Kowaljow erwacht eines Morgens, seine Nase ist verschwunden, dies will er beim Polizeipräfekten melden, auf dem Weg begegnet ihm jedoch seine Nase – eine Geschichte aus Alltag und Groteske, die unleugbare Parallelen zwischen Gogol und Kafka aufzeigt. Hartmut Binder bekräftigt dies in seiner Monographie zu Kafkas Verwandlung (2004): „Zwar gibt es zwischen den beiden Texten keine Übereinstimmungen im Sujet, wohl aber einen vergleichbaren hintergründigen Humor, einen Epilog, der über den eigentlichen Abschluss der Handlung hinausführt und vor allem eine identische Wirklichkeitsauffassung.“ Gemeinsam ist den beiden Erzählungen Nikolai Gogols und Franz Kafkas also vor allem, dass sie den plötzlichen Verlust der Nase oder die ebenso unvermittelte Verwandlung in einen Käfer, als gegeben und wirklichkeitsinhärent auffassen und nicht als phantastisches Element lesbar machen. Und ebenso wenig der Anverwandlung einer psychopathologischen Dissonanz des Protagonisten zuordnen. Dass sich auch Zholdak mit den „Anklebnasen“ in diese Motivgeschichte einschreibt, erscheint im Verlauf einer Kafka-Exegese als Weiterführung einer Verknüpfung von Nasen- und Verwandlungsmotiv also durchaus plausibel und sinnfällig. Eine wichtige Konnotation der Nase, die hier allerdings ebenso mitzulesen ist, wäre die des physiognomischen Markers und oftmals in antisemitischen Darstellungen für Juden verwendeten „Hakennase“.

Kafka und sein Judentum

Die Verwandlung am Theater Oberhausen, Michael Witte als Vater Samsa   Foto: Klaus FröhlichIn Zholdaks Inszenierung verschwimmen vielerlei Grenzen: Innen- und Außenperspektive (durch die Bühnenkonstruktion und die doppelte Besetzung der Darsteller als Stück- und Metafiguren), die Grenze von Tier und Mensch, des Animalischen und Humanen, des Moralischen und Verwerflichen, der Unschuld und der Schuld. Gregor Samsa bekommt nicht nur einen Doppelgänger angedichtet (Bastian Kabuth), sondern wird in einer Szene, die nur vordergründig scherzhaft zu lesen ist – nimmt Gregor doch ein Handy aus der Tasche und schreibt eine SMS an Felice, dass er verschlafen habe –, auch mit Kafka selbst gleichgesetzt. Kaum anders ist diese Anspielung auf Felice Bauer, Kafkas Verlobte, zu lesen. Auch im Hinblick auf das zuvor eröffnete und deutlich gemachte „Nasentheater“ und der Konnotation der Hakennase, kann man diesen Einfall des realen Franz Kafka in Gestalt von Moritz Peschke, alias Gregor Samsa lesen. In einer Rückblende mit zeremoniellem Geschenkcharakter überreicht Gregors Vater (Michael Witte) ihm eine rote Schachtel mit einer Nase. Widerwillig macht Gregor die Schachtel auf, voller Abscheu und genötigt setzt er sich die Nase dann doch auf. Franz Kafkas Verhältnis zu seinem eigenen Judentum war ein äußerst zwiespältiges, eine Ambivalenz und Ablehnung, die Zholdak hier in Gregor Samsas Umgang mit der Nase spiegelt?

Kurzweilig, von wegen

Als „extrem kurzweilig“ beschreibt Martin Krumbholz Zholdaks Inszenierung der Verwandlung im Gespräch mit WDR3. Dabei kann von Kurzweil nicht die Rede sein. Einzelne Szenen sind ermüdend in die Länge gezogen – die grotesken Spielereien, das Rumgeächze, Gestöhne, Geschmatze und Gezappel der Familienmitglieder, zu Standbildern des Grauens verlangsamt. Das Geräusch eines einfahrenden Zuges kündigt immer noch eine und noch eine weitere Szene an, aber dann, (endlich) ist Gregor tot. Am Ende von Kafkas Verwandlung heißt es: „Stiller werdend und fast unbewusst durch Blicke sich verständigend, dachten sie daran, dass es nun Zeit sein werde, auch einen braven Mann für sie zu suchen.“ Für sie, die Schwester. Dieses Ende hat es nun in Zholdaks Inszenierung wirklich in sich: Die Schauspielerinnen und Schauspieler drehen mit Hilfe der Kameras und mit Miniaturen eines Zuges und einer Schienenlandschaft die romantische Szene“ eines Mannes und einer Frau, die sich begegnen und in den Armen liegen, Schnee fällt auf sie herab – Schnee fällt auf die Bühne. Die Bühne betritt ein SA-Mann (Pascal Nöldner) in schwarzer Montur, mit Ledermantel und mit der Hakenkreuzbinde am einen und der naiv klammernden Schwester Grete (Anja Schweitzer) am anderen Arm und singt Händels Arie Ombra mai fu. Zeitgleich laufen die Lebensdaten von Kafkas Schwestern über die obere Leinwand – alle drei deportiert von den Nationalsozialisten.

Das Publikum ist egal

Nein, Franz Kafkas Werke muss man nicht verstehen, auch dieses Stück muss man nicht verstehen, gelangweilt sollte man deswegen aber auch nicht aus dem Theatersessel gleiten (und das könnte die große Gefahr bei diesem manchmal träge dahintröpfelnden Stück sein bei zeitgleicher anspielungsreicher Überforderung). An das Publikum denkt Andriy Zholdak nicht, und das merkt man auch der Verwandlung an: „Ich denke als Regisseur überhaupt nicht ans Publikum. Wenn ich von jungen Kollegen gefragt werde, dann sage ich, bitte vergesst das Publikum. Es existiert nicht. Mein Publikum bei Proben und Aufführungen sind Fellini, Schopenhauer, Freud oder Tschaikowski. Und vor diesem Publikum mache ich keine Witze.“ Mit einiger Verstörung taumelte man also heraus aus dem Großen Haus des Oberhausener Theaters. Ein schlechtes Stück, das Fragen aufwirft, ist immer noch besser als ein belangloses Stück, geht es einem durch den Kopf. Verstörung haben sie also gemeinsam, Kafkas Vorlage und Zholdaks Inszenierung. Die Verstörung allerdings hat zur ausgiebigen Kafkarecherche geführt, eine Empfehlung für die Inszenierung: Fehlanzeige.

Nächste Vorstellungen:
Mittwoch, 5. November 19:30 Uhr
Freitag, 7. November 19:30 Uhr
Sonntag, 16. November 18:00 Uhr
Informationen zum Stück
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