Wider die Buchstäblichkeit

U1_978-3-498-05315-4.inddThomas Pynchon siedelt seinen neuen Roman Bleeding Edge im New York City des Jahres 2001 an. Im Gewand einer verwirrenden Detektivgeschichte offenbart sich bald ein detailliertes Porträt des Zeitgeists um die Jahrtausendwende – und ein Blick auf 9/11, dem keine Absurdität entgeht.

von ANTONIA STICHNOTH

Anfang 2001 in New York: Maxine Tarnow, alleinerziehende Mutter und Privatdetektivin ohne Lizenz, bringt ihre Söhne zur Schule, trifft ihren Exmann öfter als nötig, erzählt ihrer besten Freundin beim Kaffee aber nicht davon. Im Büro beschäftigen sie die üblichen krummen Geschäfte und Betrügereien, auf die sie sich spezialisiert hat – bis ein alter Bekannter sie bittet, mal einen Blick in die Finanzen eines großen Internetunternehmens zu werfen, da komme ihm was komisch vor. Kaum zugesagt, muss Maxine sich von ihrem Alltag verabschieden, denn Thomas Pynchon verwickelt die Heldin seines neuen Romans Bleeding Edge umgehend in ein Gewirr undurchsichtiger Geschichten aus der New Yorker „Silicon Alley“. Zu ihnen treten bald ein mysteriöser Todesfall und ein Video, in dem vermummte Personen auf einem Hochhausdach auf vorbei fliegende Flugzeuge zielen.

Von Alltag bis Zeitgeist

Wie schon in seinem frühen Roman The Crying of Lot 49, dessen Protagonistin von der Tupperparty weg in die Untiefen amerikanischer Geschichte gezogen wird, nutzt Pynchon auch die Handlung um Maxine Tarnow, um ein Bild von Zeit und Zeitgeist zu zeichnen – Hätte der als prototypischer Vertreter der Postmoderne gehandelte Autor dies nicht schon immer getan, könnte man sein Sammeln von Gegenständen und Gedanken der amerikanischen Kultur um 2000 fast für einen Auswuchs von Retromanie halten. Akribisch wie spielerisch inventarisiert Pynchon das plötzliche Auftreten silberner Alutretroller, Baseballspielergebnisse und die Gefühlslage des modernen Menschen beim Ikeabesuch, stets unter der Prämisse, das Beschriebene dürfte der Mehrzahl der Lesenden aus eigener Erfahrung und Erinnerung ein Begriff sein. So kann diese Sammlung mehr oder weniger unnützer Details leicht den Eindruck erwecken, es ginge in Bleeding Edge hauptsächlich darum, auf einer Art Mottoparty den Beginn des Jahrtausends zu zelebrieren – so, wie die im Jahr 2001 verorteten Protagonisten bei einer exzesshaften Party das Jahr 1999 aufleben lassen. Als Leser ist man jedoch immer noch so nah dran am Jahr 2001, dass allein das Datum auf der diskettenförmigen Einladungskarte – Samstag, der 8. September 2001 – ausreicht, um ein unbehagliches Gefühl von Spannung zu erzeugen.

Sammeln, zerlegen, analysieren

So viel sei verraten: Auch in Pynchons New York zerstören drei Tage später zwei Flugzeuge das World Trade Center, entsteht dadurch ein Schaden, der weit über einen Trümmerhaufen am bald so getauften Ground Zero hinausgeht. Wenn sich Pynchon aber daran macht, diesen zu untersuchen, zu sortieren und zu durchforsten, stehen – anders als in anderen Romanen – nicht im Wesentlichen persönliche Verluste im Vordergrund. Vielmehr weist Pynchon mit Vergnügen auf den Ursprung der Bezeichnung „Ground Zero“ im kalten Krieg hin, scheint ausgehend von dieser und anderer Anekdoten zu fragen, was ein Ereignis wie 9/11 mit einer Kultur wie der amerikanischen macht. Oder genauer: was zu dem Zeitpunkt auf dem Spiel stand, den Maxine lakonisch mit „and then they blew it to pixels“ beschreibt, wenn sie feststellt, das WTC sei niemals „the Beloved American Landmark, but … pure geometry“ gewesen. Das Zeitbild, das in den ersten zwei Dritteln des Buchs aufgespannt wird, verwandelt sich in diesem Moment retrospektiv weniger zur Kulisse für ein traumatisches Geschehen, als zum Grabungsfeld einer Erforschung naher Vergangenheit. Diese scheint so weit entfernt von der Gegenwart, dass zu ihrer Erklärung jeder noch so kleine zeittypische Fund, jedes Plüschtier in Lady Di-Optik, relevant sein könnte. Auch das Panoptikum an Charakteren, das Pynchon um seine Protagonistin versammelt, bekommt im Rückblick eine Funktion: Ob Bloggerin, Hacker, Börsenexperte, Geheimdienstmitarbeiter oder Professorin für Pop Culture: Zu 9/11 haben sie alle etwas zu sagen.

Ironie nach 9/11

Zu den Theorien und Diagnosen, mit der diese Figuren, wie der Chor einer antiken Tragödie, das Geschehene kommentieren, gehört auch die These, dass nach 9/11 keine Ironie mehr möglich sei: „Everything has to be literal now“. Doch Pynchon, dafür bekannt in seinen Romanen Zeitgeschichte mit immer neuen Verschwörungstheorien zu spicken, lässt Maxines Kinder heimlich Fiction lesen und entwirft genauso abgefahrene Verstrickungen wie sie schon The Crying of Lot 49 geprägt haben – die selbstverständlich nicht aufgelöst werden. „Hey. Who wants to know?“, entgegnet der Klappentext der Originalausgabe auf die zahlreichen Fragen und Zusammenhänge, die nach dem Lesen ungeklärt bleiben dürften. Pynchons treue Leser schätzen seine Bücher vermutlich gerade wegen ihrer „typisch postmodernen“ Menge an unauflösbaren, aber eben dadurch umso deutlicher sprechenden Verstrickungen und Verweisen.

Abgesehen davon tritt das, worum es in Bleeding Edge wirklich zu gehen scheint – das Bild einer Zeit und Stimmung nämlich – doch sehr klar hervor. Der Reigen der verschiedenen Reaktionen und Reflexionen in Bezug auf 9/11 wird so bewusst präsentiert, die Handlung dazu so sehr still gestellt, dass man diesen stärksten und spannendsten Teil des Buches kaum noch als klassische Detektivgeschichte, aber fast schon als essayistisch bezeichnen kann. Durch eine gewisse Gründlichkeit und Seriosität, mit der die Spurensuche im Umfeld des elften Septembers angegangen wird, bleibt der Ton von Bleeding Edge angenehm unsentimental. Bei allem Ernst scheint Pynchon jedoch auch keine Absurdität zu entgehen. So ist seine Perspektive, vor allem aber seine Art, seine skurrilen Funde genussvoll zu präsentieren, durchzogen von bitterem Humor, vielleicht sogar ironisch.

Thomas Pynchon: Bleeding Edge
Rowohlt, 608 Seiten
Preis: 29,95 Euro
ISBN: 978-3498053154

(Antonia Stichnoth las Bleeding Edge im englischen Original)

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Ein Gedanke zu „Wider die Buchstäblichkeit

  1. Hat dies auf faselloch rebloggt und kommentierte:
    Seit langer Zeit fasziniert mich Thomas Pynchon. Nicht nur seiner so überaus charmanten Art und Weise, sich selbst zum Mysterium zu machen oder weil er in der Kurzgeschichtensammlung „Spätzünder“ seinem Frühwerk so geistreich jeden literarischen Anspruch abspricht, daß man ohne es zu merken schon wieder mittendrin ist in einem dieser Pynchonmärchen. Wer ist dieser Autor, der sich – Hurra! – mit keinem anderen vergleichen läßt?
    Thomas Pynchon wurde 1937 in Long Island geboren. Sein einziger öffentlicher Auftritt fand 1953 an der „Oyster Bay High School“ in Long Island statt, das letzte Foto, das ihn (angeblich) zeigt, stammt aus den späten Sechzigern.
    Er studierte Physik und Englisch an der Cornell University, später schrieb er für Boeing technische Handbücher – und dann verschwand er von der Bildfläche. Zumindest soweit es seine Person betrifft. Nur seine Bücher (u.a. „Die Enden der Parabel“; „V“; „Gegen den Tag“) zeugen von seiner Existenz. Pynchon gilt als einer der bedeutendsten englischsprachigen Schriftsteller der Gegenwart; seit „Die Enden der Parabel“ ist er auch einer der meistdiskutierten Autoren der literarischen Moderne. Manchen gilt sein Werk als „schwer zugänglich“, anderen als Offenbarung in einem Buchmarkt, der über all den schnell aufgebauten „Literatursensationen“, raffinierten Marketingstrategien und Modewellen vergessen hat, worum es eigentlich gehen kann: Literatur als Kosmos an Noch-nicht-gedachtem, als Ausblick auf das, was sein könnte (und, in der Spiegelung, also auf das, was ist).
    Darin ist Thomas Pynchon Meister. Unerreichbar und dann auch von vielen unverstehbar. Dabei hat sein Werk, wie auch das jüngste Buch „Bleeding Edge“, so viel an Gedanken- und Bilderreichtum aufzuweisen.
    „literaturundfeuilleton“ hat hierzu einige schöne Gedanken, die ich gerne teilen möchte …

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