Once upon a time in Mardin…

COVER_The CutIn The Cut schickt der deutsch-türkische Regisseur Fatih Akin seinen Protagonisten ausgerechnet vor dem Hintergrund des türkischen Genozids an den Armeniern auf eine Kontinente umspannende Reise von Jahresdauer. Das Presseecho ist verheerend, Akins Projekt sei ein unpolitisches, kitschiges Märchen und damit gescheitert. Doch was genau ist das in diesem Fall überhaupt, dieses Scheitern?

Von MEIK JANKE

Mardin, 1915. „Wenn jemand einen Kranich sieht, bedeutet das, dass er sich auf eine sehr lange Reise begeben wird“, erklärt Dorfschmied Nazaret Manoogian (Tahar Rahim) seinen Zwillingstöchtern. Noch in derselben Nacht soll er erfahren, wie Recht er damit hat. Während der Wirren des ersten Weltkriegs verschleppen türkische Soldaten ihn und zahlreiche weitere armenische Männer in Zwangsarbeiterlager in die Wüste. „Verschwendet keine Kugeln“, befiehlt der Kommandant seinen Henkern, also durchtrennen Messer die Kehlen der Armenier. Zehn-, vielleicht fünfzehnmal spritzt Blut und befeuchtet trockenen Wüstensand. Nur Nazaret überlebt, da sein persönlicher Henker versucht, sich so etwas wie Menschlichkeit zu bewahren. Er verpasst dem Protagonisten „lediglich“ den titelgebenden Cut, seine Stimmbänder werden durchtrennt. Ein starkes Bild für das, was Opfern von Gewalttaten widerfährt, nämlich Verlust der eigenen Stimme und damit der Mündigkeit.

Armenische Frauen und Kinder werden währenddessen in Hungercamps zusammengetrieben und verenden elendig. Als Nazaret erfährt, dass seine Töchter noch am Leben sind, treibt es ihn an, sie zu finden. Es beginnt eine scheinbar hoffnungslose Odyssee, er trifft dabei hilfsbereite Menschen sowie brutale und rohe Gewalttäter. Es verschlägt ihn letztendlich über Kuba in die USA…

Das Interesse an diesem Film war bereits vor Kinostart aus vielerlei Gründen immens: Im Jahr 2015 jährt sich der Genozid an den Armeniern zum 100. Mal, und erstmals wagt sich ein türkischstämmiger Regisseur an diese Thematik heran. Fatih Akin, bewundert, gefeiert und ausgezeichnet für Filme wie Gegen die Wand und Soul Kitchen, stand das größte Budget seiner Karriere zur Verfügung. Nach Bekanntwerden des Projekts erhielt er zahlreiche Morddrohungen, die es auch durchaus ernstzunehmen galt. Schließlich wurde im Jahre 2007 der armenisch-stämmige Journalist Hrant Dink von einem 16-jährigen türkischen Nationalisten in Istanbul auf offener Straße erschossen, was die Brisanz des Themas zusätzlich verdeutlicht. Akin plante einen Film darüber, welcher jedoch nicht zustande kam, weswegen er sich für diese fiktive Geschichte vor realem Hintergrund entschied.

Ein gescheitertes Projekt?

Und nun, nach der Premiere, das: Buhrufe seitens anwesender Journalisten, internationale wie deutschsprachige Presse kritisieren nahezu einstimmig das Gleiche. Der Film sei märchenhafter Kitsch vom Anfang bis zum Ende. Keinerlei politische Dimension, bloße Schwarz-Weiß-Malerei. In gewisser Weise nachvollziehbar. So wohnt Nazaret mit seiner Frau und seinen bildhübschen Zwillingstöchtern als angesehener Schmied in einem kleinen Dorf. Plötzlich bricht das Böse in Form türkischer Soldaten herein und macht der ganzen idealisierten Idylle ein jähes Ende. Die weitere Reise des Protagonisten ist von unwahrscheinlichen Zufällen geprägt und keiner seiner Weggefährten ist ambivalent. Schon bei jeder ersten Begegnung steht jeweils fest, ob ihm Obdach gewährt und Suppe aufgetischt wird, oder ob er bespuckt und mit Metallspaten verprügelt wird. Nazaret selbst bleibt dabei der, der er schon zu Beginn des Films ist, nämlich ein guter Mensch mit großem Herzen, der sich nur ein Mal vergisst und Gewalt anwendet, obwohl es nicht nötig wäre. Die Folgen dieser Tat bleiben jedoch überschaubar, genau wie die Charakterentwicklung jeglicher Figuren. Befremdlich zudem die epischen Landschaftsaufnahmen in weiten Totalen und der größtenteils instrumental gehaltene Soundtrack von (ex-Einstürzende-Neubauten-Gitarrist) Alexander Hacke, da dadurch dem Film ein klassischer 1960er-Italowestern-Anstrich verpasst wird.

Einem Regiewunder wie Akin ist eine solche Umsetzung offenbar schwer bis gar nicht zu verzeihen. Vor allem, da viel Potential für einen kritischeren Umgang mit der Thematik allein darin zu stecken schien, dass Akin einerseits als Türke einer Nation angehörig ist, die die bloße Erwähnung des Genozids an den Armeniern unter Strafe stellte (Beleidigung des Türkentums), gleichzeitig jedoch in Deutschland aufgewachsen ist, wo die Leugnung des Holocausts strafbar ist. Unter Berücksichtigung dieser Punkte sind The Cut und damit auch Akin durchaus als gescheitert anzusehen.

Kein Disney-Märchen

Aber Moment. Ist dieses Scheitern tatsächlich darin begründet, dass der Film handwerklich miserabel, bloß Stückwerk vor allem Hollywoods ist, vermengte Überbleibsel längst vergessener filmischer Genres wie dem Melodram, dem (Italo-)Western, dem Historienepos, eben Filmtypen aus Hollywoods ausgehender klassischer Phase, und dabei seine bittere und ernste Thematik im unpassenden Märchengewand präsentiert wird? Oder scheitert The Cut doch vielmehr an falschen Erwartungen und Vorstellungen?

Der Genozid an den Armeniern ist in den letzten 99 Jahren in der Türkei dermaßen unzureichend aufgearbeitet worden, dass er nach wie vor geleugnet wird und in der offiziellen Geschichtsschreibung des Landes lediglich als „Umsiedlung“ bezeichnet wird. Wie soll also ein Film, ein fiktives Werk mit einer Laufzeit von weniger als 150 Minuten ebendies leisten können? Reicht es nicht schon, dass durch den Film seine Thematik einer noch breiteren Öffentlichkeit zugänglich gemacht wird?

Heruntergebrochen auf das Wesentliche, was interessieren sollte, nämlich der Film an sich, ist The Cut jedenfalls insgesamt gelungen und in einigen Momenten sogar großartig. Dass er märchenhaft sein will, daraus wird doch gar kein Hehl gemacht, beginnt er doch mit den Worten „Once upon a time…“, was noch einen zusätzlichen Western-Bezug herstellt. Die durch den Kranich bereits früh angedeutete Questthematik bestätigt diesen Eindruck. Und dass Märchen oft brutaler sind als das, was Disney aus ihnen macht, zeigt sich vor allem in der ersten Hälfte des Films. Das Grauen ist allgegenwärtig und brennt sich in manchen Szenen durch seine Deutlichkeit ein. Die vielen durchtrennten Kehlen sowie eine Mutter, die ihren Kindern während ihrer Vergewaltigung zuruft „seht nicht hin“, sind absolut nichts für sensible Gemüter, die Einstellungen in dem Hungercamp bringen manchen Zuschauer sicherlich an seine Grenze. Nazaret trifft auf seine Schwägerin, die so gut wie verdurstet ist und ihn in seinen Armen mit angefressenen Lippen um Erlösung bittet. Zu groß war trotz allem die Angst, durch Selbstmord direkt in die nächste Hölle geschickt zu werden. Und dennoch geht es hier nicht um Rache, sondern um die Ohnmacht derer, die durch massive Gewalt zum Schweigen verdammt sind.

Alles in allem bleibt festzustellen, dass Fatih Akin mit seinem Film entgegen vieler Mutmaßungen bisher keinen großen Skandal ausgelöst hat. Aber daran allein sollte sich The Cut nicht messen lassen müssen, da er genug Stärken aufweist, um nicht in der Versenkung zu verschwinden. Und auch wenn er keinen entsprechenden Diskurswechsel über den Genozid an den Armeniern im Speziellen in der Türkei auslösen wird, ist es dennoch allein schon wichtig genug, dass es ihn überhaupt gibt.

The Cut (D 2014). Regie: Fatih Akin. Darsteller: Tahar Ramin, Simon Abkarian… Laufzeit: 138 Minuten

 

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Ein Gedanke zu „Once upon a time in Mardin…

  1. Der Film ist sehr eigen, anstrengend und irgendwie aus der Reihe. Ich ging sehr berührt und beeindruckt aus dem Kino. Das kann ich sagen.

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