Glitzernde Einzelteile, aber kein Ganzes

Joseph Walsers Maschine von Goncalo M Tavares DVA VerlagGedankenreich und handlungsarm: Mit Joseph Walsers Maschine legt der portugiesische Autor-Philosoph Gonçalo Manuel Tavares ein weiteres dieser Bücher vor, die lieber parabelhaft-unlesbar bleiben als eine echte Geschichte zu erzählen. Wobei der oft tiefsinnige Unterbau und viele seiner Formulierungen ziemlich brillant und lesenswert sind.

von FABIAN MAY

Es scheint wieder in Mode zu sein, farblose Figuren belanglose Dinge erleben zu lassen. Und seine Hauptfiguren beim Nachnamen zu nennen. Letzteres hat Haruki Murakami Anfang des Jahres mit Den Pilgerjahren des farblosen Herrn Tazaki vorgemacht. Und Ersteres der Argentinier Guillermo Saccomanno in seinem Angestelltenroman mit dem bezeichnenden Titel Der Angestellte.
Hier haben wir es nun mit Joseph Walser zu tun, einem Arbeiter an einer seltsamen Maschine, in einer Fabrik von nicht näher spezifizierter Bestimmung, in einem Land, in dem die Männer Ortho Dudvik, Blorghst Vrulbn oder Klober Müller heißen, in einer Zeit des Kriegs und der innenpolitischen Paranoia, die sich vage nach 20. Jahrhundert anfühlt.

Ein Mensch ohne Abzugsfinger

Walser lebt so vor sich hin, gelegentlich lässt er eine Tirade seines Vorarbeiters Müller über sich ergehen (der übrigens erklärtermaßen mit Walsers Frau schläft), selbst vor Entscheidungen in einem einfachen Spielsystem wie dem Würfeln schreckt er zurück. Im monologischen Finale des Buchs wird sich bezeichnenderweise herausstellen, dass er in der Tat ein Mensch ohne Abzugsfinger ist.
Die einzigen Momente, in denen er sich zufrieden und effizient fühlt und vielleicht so etwas wie Leidenschaft erkennen lässt, sind, wenn er sich in seinem Hobbyzimmer einschließt und seine Sammlung von Metallteilen (keines davon größer als zehn Zentimeter) sichtet und systematisiert. Die Radkappe einer Krankenhausliege, ein Teil der Mechanik einer Waffe, die Gürtelschnalle eines Getöteten, alles Teile, die aus ihrem ursprünglichen Bedeutungszusammenhang gerissen sind und die in Walsers Sammlung eine zweite Existenz erhalten.
Ebenso steht es um die vielen kurzen Kapitel des 171-seitigen Romans: ein Sammelsurium ohne narrative Klammer. Der Roman beginnt mit der Beschreibung unverrückbarer Gewohnheiten, der Wiederkehr des ewig Gleichen, und außer, dass zwischendurch irgendwie Krieg ist, dass Walser an seiner Maschine einen Finger verliert und dadurch zur Bürokraft absteigt und dass sein Würfelbruder als Attentäter hingerichtet wird, endet der Roman auch damit.

Klassische Erzählung wird enttäuscht

Wenn man in alledem zu viel klassische Narration sucht, droht man sich zu verlieren, wie Walser es einmal tut: „Eines war Walser längst deutlich geworden: Er war kein bedeutender Mensch. […] Er war ein ganz gewöhnlicher Mensch, einer aus dieser unendlichen Spezies, die, mit neuen Ideen und Instrumenten beladen, seit Jahrhunderten die Erde bevölkerte. […] Und wie sehr erschreckte es ihn, an dieses Unendliche zu denken. Fast hätte er pathetisch gemurmelt: Ich will aussteigen. Denn in der Tat erschien es ihm manchmal unmöglich auszusteigen, das Unendliche zu verlassen. Wie kann ich mich dem entziehen?“
Gonçalo M. Tavares (* 1970) ist indes nicht irgendein Unbekannter. Er ist (und damit ist die Stoßrichtung seiner Gedankenprosa gut umrissen) u.a. mit dem 25.000 Euro schweren José-Saramago-Literaturpreis ausgezeichnet worden, seine Bücher werden in 30 Sprachen übersetzt. Vor acht Jahren hat er einen Essay „Über Herrn [Robert] Walser“ veröffentlicht, bei dessen masochistischen Hauptfiguren er sich hier deutlich bedient hat. Und dass Tavares in Lissabon Philosophie an der Uni lehrt, merkt man auch.

Genial: die philosophischen Einzelstücke

Das ist es dann auch, was den Roman rettet. Denn wer mit Tavares der Meinung ist, dass menschliche Einzelschicksale vor allem als Anschauungsmaterial interessant sind und Anlass für existenzphilosophische Reflexionen, der kommt bei diesem Gedankenprosa-Stückwerk voll auf seine Kosten.
Seite 120 und die darauf folgenden Seiten hätte man auch überschreiben können mit „Das Individuelle und das Kollektive“. Hier macht Tavares – sehr auf den Punkt – sinnfällig, dass die Unterschiedlichkeit individueller Erfahrungen immer dazu führen wird, dass der Einzelne insgeheim seinen Standpunkt für den einzig gültigen hält: „Da […] die individuelle Wahrnehmung nichts wissen wollte von einer kollektiven Wissenschaft des Wahrnehmens und Erklärens der Ereignisse, blieb jedes Gedächtnis genau das: individuell, anders, und unterstrich so die Abgrenzung.“
Die Welt sei vielfältig, auch innerhalb eines Raumes, heißt es anderswo, „[e]ine Fläche von ein paar Quadratmetern kann mehrere übereinandergestapelte Leichname verbergen oder aber das Versprechen eines Gartens enthüllen. In einer Stadt existieren Hunderte von Städten“.
Und anlässlich der konspirativen Treffen von Walsers Würfelbruder Fluszt gibt Tavares die knappe und treffende Beschreibung, wie politischer Widerstand sich entwickelt, so wie es von einem ideologisch Außenstehenden beschrieben würde: „Nachts traf er sich mit anderen; sie murmelten Substantive, verringerten die Klangintensität ihrer Sprache und vergrößerten die Nähe zwischen Wörtern und Taten. Wörter allein waren noch keine Taten, doch einige lasteten so schwer auf den Körpern derjenigen, die sie formulierten, dass ein Nichthandeln zur obszönen Feigheit geworden wäre, unerträglich für jeden, der es schaffte, sich selbst mit dem Blick des Außenstehenden zu betrachten.“

„Die Gleichgültigkeit von außen zu betrachten“

Mit dieser Beobachter-Distanz hat die Figur Walser keinerlei Probleme. Was erlaubt, sie intellektuell doch noch zum Helden umzudeuten. Doch wahrscheinlich sollte man Walser nicht mit seinem Erzähler verwechseln. Denn es ist der Erzähler, der so treffend dialektisch feststellt: „Doch niemals hatte er es geschafft, die Gleichgültigkeit von außen zu betrachten.“
Diese genial einfachen, in ihrer Tragweite unerschöpflichen Aussagen schaffen es, die gewohnte Sicherheit des Denkens mit Sprache auszuhebeln. Ist es der Gipfel der Gleichgültigkeit oder entsteht da eine Involviertheit, wenn man es schafft von seinem Zurücktreten zurückzutreten?
Wer Bücher liest, um in der ganzen Hitze des Moments erzählt zu bekommen, wie Menschen sich entwickeln, dem sei von diesem Buch abgeraten. Wer es hingegen liebt, durch die kühlen Gänge und Hallen der philosophischen Abstraktion zu schreiten und sich dabei hier und da konstruktiv zu verlaufen, der greife zu.

Gonçalo M. Tavares: Joseph Walsers Maschine. Roman
Aus dem Portugiesischen von Marianne Gareis
DVA, 171 Seiten
Preis: 19,99 Euro
ISBN: 978-3421046277

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