Eine schrecklich nette Familie

COVER_Katherine Dunn_Binewskis Verfall einer radioaktiven Familie_Berlin VerlagAls untalentiertestes von fünf Wunderkindern aufzuwachsen ist nicht leicht. Als kleinwüchsige, bucklige Albina das gewöhnlichste von fünf Kindern zu sein, ist wohl mehr als nur „nicht leicht“. Binewskis. Zerfall einer radioaktiven Familie ist nicht nur die Geschichte einer Familie, die sich spektakulär von innen heraus zersetzt, sondern ein Roman, der ganz unauffällig wichtige Fragen an die moderne Gesellschaft stellt.

von ANNA-LENA THIEL
Die Binewskis sind eine Familie aus dem Bilderbuch – einem Bilderbuch, das man in der Adams Family vielleicht den Kindern vorlesen würde. Aloysius „Al“ und Lilian „Crystal Lil“ Binewski lieben das Leben als Schausteller im Circus: Freiheit, Abenteuerlust und Entdeckergeist bringen den geborenen Zirkusmann und die Bostoner Aristokratin zusammen. Doch Al und Crystal Lil sind nicht nur Zirkusdirektor und Geek vom Dienst – mit Geek ist hier ein Schausteller gemeint, der lebendigen Tieren mit den Zähnen den Kopf abreißt, nicht ein liebenswerter Computerfachmann – sondern auch Hobby-Mediziner und williges Versuchsobjekt. Das glückliche Paar hat es sich zur Aufgabe gemacht, mit Hilfe von Drogen, Giften, Medikamenten und radioaktiver Bestrahlung, die gezielt auf Crystal Lils Schwangerschaften einwirken sollen, eine bunte Kinderschar von perfekten Freaks zu schaffen. Geboren werden bald ein Assortiment von vorzeigbaren Schaustellern: Arturo – genannt Aquaboy, weil er statt regulärer Extremitäten Flossen hat; Elektra und Iphigenia – siamesische Zwillinge und begabte Musikerinnen; Olympia – kurz Oly, eine bucklige Albino-Zwergin und Fortunato – scheinbar „normal“ besitzt er doch telekinetische Kräfte. Und dies sind nur die Kinder, die lebendig geboren wurden und überlebten, ihre ebenfalls außergewöhnlichen, toten Geschwister werden in Formaldehyd eingelegt als Kuriositäten präsentiert.

Oly, die Ich-Erzählerin, ist zwar missgestaltet, aber nicht interessant oder talentiert genug, um aufzutreten, also wird sie zur Bediensteten, zu Hand- und Fußersatz ihres ältesten Bruders. Diesem ist es nicht genug, die Hauptattraktion des Familienunternehmens zu sein. Arty will Macht. Der redegewandte Junge baut einen gewaltigen Kult um sich auf: Die höchste Stufe der Erleuchtung gebührt dabei den Mitgliedern, die sich nicht nur all ihr Erspartes, sondern auch ihre Gliedmaßen abnehmen lassen. Mit Arturo verbindet die verhältnismäßig unscheinbare Oly eine tiefe Hassliebe, die zwischen inzestuösem Begehren und Abscheu oszilliert.

Miranda ist Olys und Arturos Tochter. Ihr wird das Buch, das als Tatsachenbericht und Aufzeichnung ihrer Mutter daher kommt, gewidmet. Da Olympia sie aus Angst vor einem Übergriff Arturos als Kleinkind in ein Kinderheim gebracht hatte, weiß die junge Frau nichts über die bewegte Geschichte ihrer Familie. Als Erzählerfigur gewinnt Oly nun endlich Kontrolle über ihr eigenes Leben. Nachdem sie den Circus hinter sich gelassen hat und nicht länger zwischen den Wünschen der Eltern und ihrer Geschwister hin und her gerissen ist, führt sie ein zurückgezogenes, aber weitgehend „normales“ Leben. Dabei kommt ihr als Wandlerin zwischen den Welten eine Kommentatorfunktion zu, denn sie ist letztlich eine Außenseiterin sowohl unter den „erfolgreichen“ Freaks als auch den „Normalen“, wie sie sie abschätzig nennt. Doch auch nach dem Circus ist Olympia Binewski kein ruhiger Lebensabend vergönnt, muss sie doch in einem letzten Abenteuer ihre eigene Tochter vor einer Kuriositäten-Sammlerin schützen, die aus Überzeugung gegen schöne Frauen vorgeht.
Auf zwei Zeitebenen – im Erzählfluss der Vergangenheit und der Gegenwart – umspannt der Roman die Kindheit und Jugend der Binewski-Geschwister bis zur Auflösung des Circus und die wenigen, rund 20 Jahre danach spielenden Monate, in denen Oly ihre nunmehr erwachsene Tochter fast kennenlernen wird.

My Beloved Monster and Me

Die Fragen was oder wer normal ist, was Normalität wert ist oder auch nicht, und konsequenterweise, ob es eine Hierarchie der scheinbar unvereinbaren Zustände – Norm und Abweichung – gibt, wird in Binewskis hinreichend diskutiert. Das vorläufige Ergebnis ist dabei weniger überraschend als es zunächst scheint: Wenn man ehrlich ist und mal genau hinsieht, gibt es gar keine Normalität. Es gibt nur die Illusion des Vertrauten. Das dies genauso gut ein Bruder sein kann, der in einem Wassertank lebt und eine wahnsinnige Sekte von Amputierten anführt, wie auch ein Aufwachsen unter unauffälligen Bedingungen und ein anschließendes Studium, das ist das eigentlich erschreckende dieser Erzählung. Hoch anrechnen muss man der Autorin, dass sie dabei nie ins „Unrealistische“ abgleitet. Sie hat eine Welt geschaffen, die seltsam, ja verstörend, zum Teil sogar ekelhaft sein mag, aber absurderweise immer glaubwürdig bleibt. Die Erzählkunst der Autorin reicht so weit, dass man das Sägemehl unter den Füßen spüren und den Chlorgeruch des brüderlichen Beckens förmlich riechen kann. Schon nach wenigen Seiten erscheint einem die Welt der Schausteller so vertraut, als sei man ein Teil davon. Binewskis ist ein Roman der einerseits dazu verführt, ihn als Parabel auf das Leben, das Schicksal und die Zwischenmenschlichkeit zu verstehen, andererseits ist es genauso interessant und zum Teil noch fesselnder, ihn als Märchen über die Abgründe der menschlichen Seele zu lesen.

Ein moderner Klassiker?

Geek Love erschien erstmals 1983 in den USA. Dass die deutsche Übersetzung so lange hat auf sich warten lassen, mag zunächst verwundern. Lange galt der Roman als unübersetzbar. Dunns Sprache ist tatsächlich eine rasante Mischung aus Slang, Neologismen und dem Spezialvokabular der fahrenden Schausteller. Auch die kulturelle Übertragung dürfte schwierig gewesen sein, entspricht doch die deutsche Vorstellung vom Circus nicht der hier präsentierten Mischung aus Jahrmarkt, Freak Show und Domtage. Es hat sich jedoch in jeder Hinsicht gelohnt auf diese Übertragung zu warten: Die Übersetzung von Monika Schmalz verleiht Dunns lebendiger Erzählung und kuriosen Charakteren eine klare und fesselnde Stimme.
Entstanden ist der Roman im Umfeld der ersten Gespräche von Genmanipulation, von den Möglichkeiten der Technik und den „Problemen“ der Ethik sowie dem Entstehen von immer mehr, immer einflussreichen Sekten in den USA der 1970er Jahre. Beides sind Themen, die an Relevanz und Brisanz nicht eingebüßt haben. Der abstrakt-philosophischen Ebene auf der über Familie, Normalität und gesellschaftliche Isolation nachgedacht wird, gesellt sich so eine ganz konkrete und greifbare Dimension. Die zum Teil einfache, aber immer treffende Sprache Olys steuert den Leser dabei zielsicher weg von eingefahrenen Ideen hin zu neuen Denkansätzen.
Es ist wirklich leicht sich für diesen Roman zu begeistern. Die Handlung ist so absurd, dass einem eine Zusammenfassung schier fantastisch erscheinen muss, dennoch wirkt jedes gelesene Wort glaubhaft. Der lakonische Tonfall der Ich-Erzählerin zieht den Leser genauso in seinen Bann wie die Haken, die diese Geschichte immer wieder schlägt. Denn, obwohl recht schnell klar wird, dass einem schon zu Beginn der Erzählung mitgeteilt worden ist, wo der wilde Ritt hingehen wird, ist Binewskis niemals vorhersehbar und immer noch so aktuell wie bei Erscheinen der englischen Erstausgabe.

Katherine Dunn: Binewskis. Verfall einer radioaktiven Familie
Aus dem Englischen von Monika Schmalz
Berlin Verlag, 511 Seiten
Preis: 22,99 Euro
ISBN: 978-3-8270-1072-8

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