Bochumer Zweierlei

Cover_Lesbuch Carl Arnold Kortum_Verlag_aisthesisZwei Anthologien stellen das literarische Schaffen von Carl Arnold Kortum und Heinrich Kämpchen vor. Der Dichterarzt und der Arbeiterdichter verbrachten große Teile ihres Lebens in Bochum. Über zwei wichtige Beiträge zur regionalen Literaturgeschichte.

Von PHILIPP KAMPSCHROER

Es ist ein löblicher Aufwand, den sich die Kölner Nyland-Stiftung in Zusammenarbeit mit der Literaturkomission Westfalen macht, um oft vergessene hiesige Autoren der Öffentlichkeit vorzustellen. Die Bände 40 und 41 der Kleinen Westfälischen Bibliothek sind zwei Bochumer Literaten gewidmet. Während der erste, Carl Arnold Kortum, zumindest als Namensgeber von Schulen und Straßen im Ruhrgbiet ein Begriff ist, dürfte der Name Heinrich Kämpchen nur wenigen Menschen bekannt sein. Daran haben die Feierlichkeiten zum 100. Todestag des Lindener Arbeiterdichters im Jahr 2012 wenig geändert, die letzte Ausgabe seiner Gedichte liegt knapp 30 Jahre zurück. Nun aber bringt uns die von Joachim Wittkowski herausgegebene Blütenauslese ein bedeutendes Stück proletarischer Literatur in Erinnerung.

In Kämpchens Dichtungen werden der Alltag der Ruhrbergleute um die Jahrhundertwende beschrieben und beklagt. Nicht selten sind diese politische Aufrufe: „Ihr seid gemahn’t, gewarnet immerfort:// Vereinigt euch, werft alles über Bord// Was euch entzweit und glaubt nicht den Sophisten,// Die euch bethören mit dem Lockruf Christen.“ So appelliert Kämpchen, der über 30 Jahre in Bergwerken in Dahlhausen und Linden arbeitete, an seine Kumpel in Fühlt euch als eine Klasse. Der 1847 in (Essen-)Burgaltendorf geborene Dichter beließ es nicht bei solchen Appellen. Über Jahre vertrat er seinen Berufsstand in Gewerkschaften und Vereinen und nahm als Abgeordneter am Frankfurter SPD-Parteitag 1894 teil. Die meiste Zeit seines Lebens gehörte er der Zeche Hasenwinkel im Bochumer Vorort Linden an.

„Über diese Antwort des Kandidaten Jobses,// Geschah allgemeines Schütteln des Kopfes“

Kaum einhundert Jahre hinter Kämpchen zurück liegt das Werk von Carl Arnold Kortum, der Bochum noch vor der Industrialisierung kennengelernt hatte. 1745 in Mülheim geboren, studierte Kortum in Duisburg und Berlin Medizin und wirkte ab 1770 als fortschrittlicher Arzt, vielseitig gebildeter Wissenschaftler und Schrifteller in Bochum, wo er 1834 verstarb. Sein ironisches Versepos Die Jobsiade darf man wohl gar zum erweiterten Kanon der deutschen Literatur zählen. Es erzählt die klägliche Geschichte des Theologie-Studenten Hieronimus Jobs. Das vielleicht bekannteste Zitat aus der Jobsiade wurde in einer Skulptur auf dem Bochumer Husemannplatz verewigt. Karl Ulrich Nuss‘ Kortum-Brunnen stellt die Examination des Kandidaten dar, bei der die akademische Karriere Jobses endgültig scheitert: „Über diese Antwort des Kanditaten Jobses,// Geschah allgemeines Schütteln des Kopfes,// Der Inspektor sprach zuerst hem! Hem!// Drauf die andern secundum ordinem.“

Hans Hanke, der Herausgeber des Lesebuchs, hat sich nur für eine kleine Auswahl aus der Jobsiade entschieden und gibt auch weniger bekannten Zeugnissen Kortums ihren Raum. Darunter sind mehrere amtliche und wissenschaftliche Schriften sowie  Erinnerungen und Feuilletons, in denen Kortums feiner Humor immer wieder hervorscheint. Hanke gibt im Nachwort einen guten Überblick über Leben und Werk des Schriftstellers und weist auch auf dessen beachtliche Rezeptionsgeschichte hin: Die Jobsiade inspirierte nicht zuletzt Wilhelm Busch zu seinen Bildern zur Jobsiade und wurde mehrfach übersetzt. In Bezug auf Kortums gesellschaftliche Bedeutung sucht Hanke große Vergleiche: „Das 18. Jahrhundert war die ‚Blütezeit der praktischen Ärzte‘, die mit anderen Gelehrten oft zu den maßgeblichen Förderern der Wissenschaft und der Aufklärung wurden. Dass dies nicht nur für die nationale Avantgarde wie Johann Wolfgang von Goethe, sondern auch für die zweite Reihe der regionalen akademischen Eliten gilt, zeigt Carl Arnold Kortum.“

Kämpchen lebte zu einer Zeit, in der sich dichterische Ästheten wie Rainer Maria Rilke oder Stefan George in elitären Zirkeln zusammenfanden. Das bei letzteren beiden nur seelisch gefühlte Symptom der Entfremdung hat Kämpchen, der zum Arbeitsinvaliden wurde, am eigenen Leibe erlebt in einer modernen Arbeitswelt, die die Menschen ausbeutete. Die sozialen Missstände und die heuchlerische Politik der Großindustriellen prangert er in Menschenhandel an: „‚Es fehlt uns an Leuten im Ruhrrevier‘,// So lauten die Zechenbeschwerden –// Und neue Sklaven schleppt man nach hier,// Lohndrücker sollen sie werden.“ Im Lesebuch Heinrich Kämpchen finden sich knapp hundert solcher poetischen Interventionen, die zwar handwerklich einfach daherkommen, aber das seltene Attribut „authentisch“ verdienen.

Einige dieser politischen Stücke hätten jedoch ausgespart werden können zugunsten von Poemen aus dem in der Anthologie nicht berücksichtigtem Gedichtbuch Was die Ruhr mir sang. Denn in dem 1909 erschienenn Band finden sich einige beachtenswerte Landschaftsbetrachtungen des mittleren Ruhrtals während der Industrialisierung, die Herausgeber Wittkowski etwas zu harsch als „recht konventionell angelegt“ und „teils sentimental“ schmälert. Tatsächlich lieferte Kämpchen hier bedeutende Beiträge zu einer literarischen Topographie des Ruhrgebiets.

Als der Arbeiterdichter 1912 starb, sollen 4000 Trauernde zur Beerdigung auf dem Katholischen Friedhof in Linden erschienen sein. Sein Grab ist bis heute erhalten und trägt ein Zitat des Poeten als Inschrift: „Bringt hin zur Gruft, die ihr vorüber geht,// Ein Sohn des Volkes schläft hier, ein Poet.// Für Recht und Freiheit hat sein Herz geglüht –// Er war ein Kämpfer, und sein Schwert das Lied.“ Den Kämpfer wie sein Lied stellt uns Wittkowskis Zusammenstellung angemessen vor. Dass die Kleinstauflagen der Westfälischen Bibliothek kein breiteres Publikum erreichen werden, sollte nich allzu sehr bedauert werden. Sie erfüllen zuvorderst literarhistorische Aufgaben, indem sie uns zwei regionale Autoren in hervorragend lesbaren und wissenschaftlich abgesicherten Ausgaben bekannt machen. Das allein ist aller Ehren wert.

Carl Arnold Kortum Lesebuch.
Zusammengestellt und mit einem Nachwort von Hans H. Hanke
Aisthesis, 174 Seiten
Preis: 8,50 Euro

Heinrich Kämpchen Lesebuch
Zusammengestellt und mit einem Nachwort von Joachim Wittkowski
Aisthesis, 166 Seiten
Preis:
8,50 Euro

 

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