Ein einziges Leben

Norbert Niemann - Die Einzigen   Quelle: Berlin VerlagWas tun, wenn man mit Anfang dreißig merkt, dass das eigene Leben absolut durchschnittlich ist? Macht man es sich bequem oder wagt etwas? Fügt man sich in sein Schicksal oder sucht eine neue Herausforderung? Vor dieser Entscheidung steht auch die Hauptfigur Harry in Norbert Niemanns Die Einzigen. Eine Suche nach Inhalt.

von LINA NIERMANN

Harry Bieler fehlt etwas. Nach dem Auseinanderbrechen seiner New Wave Band „Die Einzigen“ ist er in das angestaubte Seifenunternehmen der Familie eingestiegen, wo er seit einigen Jahren den Chef mimt, ohne sich jedoch mit seiner neuen Rolle als Firmenoberhaupt identifizieren zu können. Erfüllung sucht der ambitionslose Jungunternehmer stattdessen in spontanen Abenteuern, dem Erwerb teurer Designermöbel und alter Autos. Das ändert sich, als Marlene, seine ehemalige Bandkollegin aus Studienzeiten, wieder auf der Bildfläche erscheint. Als Harry erkennt, mit wie viel Begeisterung und Hingabe sie ihre musikalischen Experimente verfolgt, überredet er sie, nach München zurückzukehren, wird ihr Unterstützer und Liebhaber. Gleichzeitig erwacht sein beruflicher Ehrgeiz. Harry beschließt, das Familiengeschäft unter Einsatz neuester Marketingstrategien radikal umzugestalten – mit zunächst überwältigendem Erfolg.

Unnahbare Künstlerin

Die Romanhandlung erstreckt sich vom Ende der 1980er Jahre bis in die Gegenwart und erzählt die Lebens- und Liebesgeschichte zweier grundverschiedener Menschen, deren Beziehung ein einziges Wechselspiel von Annäherung und Entfremdung ist. Im Bewusstsein der eigenen Mittelmäßigkeit erblickt Harry in Marlene all das, was er gerne wäre, aber nicht sein kann. Als freigeistige Künstlerin lebt sie den genauen Gegenentwurf zu seiner faden Unternehmerexistenz. Dabei bewegt sie sich mit ihren elektronischen Klangexperimenten in so avantgardistischen Höhen, dass es Harry nur selten gelingt, Zugang zu ihrem musikalischen Kosmos und damit auch zu ihr als Person zu finden. Die gewählte Perspektive – erzählt wird ausschließlich aus der Sicht Harrys – macht das Gefühl der Distanz zwischen den Hauptfiguren unmittelbar spürbar, denn ebenso wie Harry bleibt auch dem Leser die Gedankenwelt Marlenes nahezu vollständig verborgen. Die Tatsache, dass die Beweggründe ihres Handelns nicht offengelegt werden können, unterstreicht ihren Status als Künstlerfigur. In anderen Sphären schwebend, immer mit ihrer Musik beschäftigt, ist sie sowohl für Harry als auch für den Leser kaum fassbar.

Elektronische Avantgarde

Der Roman gibt interessante Einblicke in wenig bekannte Musikströmungen ab den 1940er Jahren. Seien es die Serielle Musik eines Luigi Nono oder die Studien von Conlon Nancarrow, einem Musiker, der ausschließlich für selbsttätig spielende Klaviere komponierte. Leider werden viele Künstlernamen, Schulen und elektronische Geräte nur genannt ohne sie näher zu erläutern. Während John Cages 433 Minuten Stille einigen noch ein Begriff sein dürfte, ist es für einen musikwissenschaftlichen Laien mitunter schwierig, die Zusammenhänge zu erfassen. Natürlich ist das zum einen gewollt. Marlenes kunsttheoretische Vorträge sollen verwirren und überfordern selbst den Protagonisten immer wieder. Sie sind damit ein weiterer Ausdruck ihrer absoluten Disparität. Zum anderen entsteht so aber ein nur undeutliches Bild der Avantgardemusik der letzten 70 Jahre, über die man gerne mehr erfahren hätte.

Musik und ihre Wirkung sprachlich zu beschreiben, ist alles andere als einfach. Mit einem Gespür für treffende Vergleiche gelingt es Niemann dennoch, sehr plastisch von den erzeugten Klangwelten zu erzählen, in die sich Harry und mit ihm der Leser begibt: „Sobald die Musik jedes Außengeräusch überdeckte, kippte etwas in seinem Gehör. Sein Gehirn wurde buchstäblich von Klängen durchtränkt. Der Ort, an dem er sich während des Hörens aufhielt, veränderte sich. Nicht dass dieser Ort auf einmal wie ausgetauscht gewesen wäre. Im Prinzip blieb er der gleiche, gewann jedoch eine Dimension hinzu. Bei Steve Reichs Come out wurde der Raum wie in wirbelnde Streifen geschnitten, bei Morton Feldmans Untitled Compositions schien sich der Boden unter seinen Füßen unablässig gleichzeitig zu senken oder zu heben.“

Zeitkritik und Unvergänglichkeit der Kunst

Norbert Niemann verhandelt in seinem neuesten Werk zudem traditionelle Themen des Künstlerromans und bezieht sie auf gegenwärtige Entwicklungen: Wie kann Kunst in Zeiten der absoluten Kommerzialisierung noch ihre herausragende Stellung und Freiheit behalten? Sind Kunst und Erfolg unvereinbare Kategorien, weil der Erfolg die Kunst zur Massenware werden lässt? Bei Marlene führen der Anspruch nach Originalität und die Bewahrung ihrer Individualität zu radikalen Musikkreationen, für die es kein Publikum gibt.

In Die Einzigen versuchen die Figuren der empfundenen Leere ihrer Zeit zu entfliehen und dem eigenen Dasein Bedeutung zu verleihen, was sich jedoch in einer modernen, in stetigem Wandel befindlichen Gesellschaft als nahezu unmöglich erweist. Beim Anblick der Stadt Venedig zieht der Protagonist eine pessimistische Bilanz: „Nicht die Stadt erschien Harry plötzlich das Relikt einer untergegangenen Kultur zu sein, sondern er gehörte einer von vornherein toten Epoche an, die noch nicht einmal genug Gewicht besaß, um untergehen zu können.“ Nur die Kunst scheint einen Ausweg zu bieten. Sie ist es, die der Wirklichkeit eine Form gibt und sie so bedeutsam werden lässt.

Norbert Niemann: Die Einzigen
Berlin Verlag, 301 Seiten
Preis: 19,99 Euro
ISBN: 978-3827012531
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