Von Schein und Sein in Shakespeares „Viel Lärm um Nichts“

Viel Lärm um Nichts im Schauspielhaus Bochum   Foto: Arno DeclairDie Arbeiten an Shakespeares Viel Lärm um Nichts standen im Bochumer Schauspielhaus unter keinem guten Stern. So mussten Dramaturg Olaf Kröck und das Ensemble nach einem Streit mit Regisseur Lukas Langhoff das Stück allein fertig inszenieren – mit einem überraschenden Ende.

von VERENA SCHÄTZLER

Bei Shakespeare empfängt Leonato, der Gouverneur von Messina, die siegreichen Feldherren in seinem Privathaus. In Bochum wartet hingegen auf Don Pedro (Raiko Küster), Don John (Roland Riebeling), Claudio (Nicola Mastroberardino) und Benedikt (Daniel Stock) Leonatos (Bernd Rademacher) teure Privatklinik. Aber nicht nur sie lassen sich von Leonato behandeln: Auch seine Tochter Hero (Juliane Fisch) und seine Nichte Beatrice (Xenia Snagowski) finden sich ein. Hero für Schönheitsoperationen, Beatrice aufgrund eines (Schleuder)Traumas.

Schön ist sie ja, die Klinik, wenn nur nicht die Flüchtlinge am Strand die Idylle störten. Die Patienten sollen sich erholen und ihre Verletzungen auskurieren. Auch wenn nicht sofort ersichtlich ist, um welche Art Genesungsanstalt es sich handelt: Lazarett? Klinik für Posttraumatische Belastungsstörungen? Psychiatrie? Oder doch „nur“ ein Privatsanatorium für die ästhetische Chirurgie? Irgendwie ist es doch alles in einem.

Viel Lärm um Nichts im Schauspielhaus Bochum   Foto: Arno DeclairMuch Ado about Noting – Viel Lärm ums Wahrnehmen

Besonders hervorstechend bei Shakespeare ist das Spiel mit dem Sein und dem Schein, worauf schon das Wortspiel im Titel hinweist – nothing und noting („nichts“ und „wahrnehmen, erkennen“). Und auch in der Bochumer Inszenierung zeigen Kröck und das Ensemble, dass Kriegsheimkehrer eben keine unverwundbaren Helden sind, sondern verletzte, vielleicht auch gebrochene Menschen, dass schöne Menschen unter Umständen eben auch Minderwertigkeitskomplexe haben und in so manchem ruppigen, aggressiven Zeitgenossen eine traumatisierte Seele steckt.

Vom süßen Leben, das sie vor ihrem Aufenthalt genossen haben, ist nichts mehr zu sehen. Der schöne Schein kann nicht mehr aufrechterhalten werden, es wird auch gar nicht mehr versucht. So läuft Don Pedro mit heruntergelassen Hosen über die Bühne und ein einfaches Tischtennisspiel wird zu einer schwierigen Aufgabe.

Viel Lärm um die Liebe

Kein einfacher Ort, sich zu verlieben, oder vielleicht doch, da alle Masken, die aus den unterschiedlichsten Gründen aufgesetzt worden waren, fallen, da die Patienten Schwächen zeigen. Claudio verliebt sich auf den ersten Blick in die nicht mehr ganz so schöne, da frisch operierte und somit bandagierte Hero. Das Konzept der ‚Liebe auf den ersten Blick‘ wird hier ad absurdum geführt, da Heros Gesicht den Großteil der Aufführung unter den Bandagen nicht zu sehen ist, was ihr den Spitznamen „Mumie“ einbringt. In was hat sich Claudio verliebt, wenn nicht in ihren äußeren Schein? Ganz aufgelöst wird das nicht.

Auch Benedikt und Beatrice finden erst in der Klinik zueinander, wenn auch mit etwas Hilfe der anderen Patienten. Während Benedikt unter der Tischtennisplatte einen Ball sucht, bekommt er ‚zufällig‘ mit, wie die umstehenden Spieler sich ganz im Vertrauen erzählen, dass Beatrice ja in ihn verliebt sei. Und auch Beatrice wird Zeugin eines ähnlichen Gesprächs zwischen Hero und Ursula. Wehren sich Benedikt und Beatrice zuerst vehement dagegen, sich ihre Gefühle füreinander endlich einzugestehen, freut man sich dann doch, wenn sie sich langsam einander zuwenden.

Das Ende von Schein und Sein

Die langsam aufkeimenden Gefühle werden jedoch jäh zerstört, als Claudio und Hero Opfer einer bösen Intrige werden. Der sich betrogen fühlende Claudio richtet in der Klinik ein Massaker an, bei dem alle sterben. Blutüberströmt stehen sie da. Die Bühne dreht sich und man bekommt einen abschließenden Blick hinter die Kulisse, im wahrsten Sinne des Wortes. Statt der schönen Mittelmeer-Villa zeigt sich dem Zuschauer nur noch ein nacktes Holzgerüst. Darüber hinaus gibt das sich drehende Gerüst den Blick auf ein farbenfrohes Bild frei, das Flüchtlingsboote vor der Küste Messinas zeigt. Der Schein ist aus! Für die verletzten und mit Sicherheit auch traumatisierten Flüchtlinge ist in dieser Privatklinik kein Platz.

Eine gelungene Komödie über den schönen Schein und was wirklich dahinter steckt, die trotz der anklingenden schwierigen Themen wie Krieg, Traumata und posttraumatische Belastungsstörungen erstaunlich leichtfüßig daherkommt. Das schon bei Shakespeare angewandte Wortspiel mit ‚Noting‘ und ‚Nothing‘ wird gekonnt umgesetzt: Viel Lärm ums Wahrnehmen betreiben die Patienten bei dem Versuch Benedikt und Beatrice miteinander zu verkuppeln. Der Zuschauer erhält derweil einen Blick hinter ihre Fassade der Selbstdarstellung. Viel Lärm um Nichts relativiert so manche Probleme der Patienten, so zum Beispiel Heros Wunsch nach Schönheitsoperationen und selbst das ganze Geschehen in der Klinik erweist sich vor dem buchstäblichen Hintergrund der Flüchtlingsproblematik ebenfalls als großes ‚Nichts‘.

Und auch der Versuch, das Geschehen in eine Klinik zu verlegen, erscheint stimmig. Schließlich wird schon bei Shakespeare das Kriegsthema angesprochen, und ist es nicht durchaus wahrscheinlich, dass die Heimkehrer erst einmal ihre Verletzungen kurieren müssen, die sie auch im Original zweifelsohne erlitten haben? Und das, im Gegensatz zu Shakespeares Original, bitterböse Ende hat man in diesem Sanatorium auch nicht wirklich anders erwartet.

Informationen zum Stück
Nächste Vorstellungen:
Mittwoch, den 04. Februar 2015
Mittwoch, den 11. Februar 2015
Sonntag, den 22. Februar 2015

 

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