Demütigung und Selbstaufgabe sind Menschenrechte – ein kurioses Plädoyer

Das Bekenntnis eines Masochisten am Theater Dortmund   Foto: Edi SzekelyMasochismus. In Das Bekenntnis eines Masochisten ist es nicht bloß eine sexuelle Vorliebe, sondern das Lebenskonzept von Herrn M. Auf seiner Suche nach ekstatischen Grenzerfahrungen treibt es ihn in immer tiefere Abgründe, bis er am Ende doch an der Spitze landet. Eine Tragödie des 21. Jahrhunderts. Man gratuliere dem Theater Dortmund für die Auswahl dieses brillanten Stückes von Roman Sikora, das großartig von Carlos Manuel inszeniert wurde und am letzten Samstag Premiere hatte.

von SILVANA MAMMONE

Herr M. protestiert. Nicht für höhere Löhne, bessere Arbeitsbedingungen; auch nicht gegen Kinderarbeit oder die zunehmende Verletzung der Menschenrechte innerhalb der heutigen Marktwirtschaft. Nein, Herr M. besteht auf seinem Recht zu leiden und sich demütigen zu lassen. Und um dies zu erreichen, wird er zunehmend kreativer in seinen Ideen, aggressiver in der Vertretung und Realisierung seiner Überzeugung. Leider bemerkt er zusehends, dass es in der westlichen Hemisphäre gar nicht so einfach ist, sich willentlich quälen zu lassen. Der Weg führt eben immer nach oben, wenn man nur produktiv ist?!

Sexspiele nach vertraglicher Vereinbarung

Ganz im Geiste demokratischer Werte durchbrechen die drei Darsteller des Herrn M. (Björn Gabriel, Sebastian Graf, Marlena Keil) zu Beginn des Stücks erst einmal die vierte Wand, lassen noch ein paar Nachzügler in den Theatersaal und geben genervte Anweisungen an die Technik. Der Zuschauerraum ist für die ersten Minuten beleuchtet. Dann erscheint der protestierende Engel auf dem übergroßen, erhöhten Sofa, seine Flügel ein gekonnter Trick der Lichttechnik. Es folgt ein Plädoyer für die Demut, die „Schönheit des Leidens“, wie es später heißt. Warum er sich nach Schmerz verzehrt, bleibt zu beantworten. Vorerst muss Herr M. feststellen, dass die naheliegenden Strategien, sich quälen zu lassen, kläglich scheitern. Seine masochistischen Vorlieben im Puff werden abgelehnt, denn rechtlich gesehen darf man ihn nicht als „Scheiße“ titulieren und ihn ebenso wenig mit derselben beschmieren. Diese Sauerei später wegzumachen, kann man der Putzfrau jawohl nicht zumuten. Eben ein zeitgemäßes Unternehmen namens „Vulgaris: Sicher, Vernünftig, Freiwillig UND Sauber“. Dann setzt er sich halt mit Hundescheiße (man bemerke: Das Motiv zieht sich durch) beschmiert in die U-Bahn –  irgendjemand wird wohl handgreiflich werden. Jedoch wird er daraufhin lediglich verstoßen, bis schließlich die Männer und Frauen in Grün kommen. Immerhin verdrehen sie ihm schmerzhaft den Arm. Auf die Polizei ist eben Verlass.

Unbequem soll es sein

Zu Anfang mag Herr M.s Verlangen rein individuell scheinen, doch eigentlich ist er auf einer Mission, die Welt durch sein Handeln zu verändern, und reiht sich ein in die Gesellschaft. Er leidet als Gewerkschaftler, Politiker und natürlich immer noch als Arbeiter. Die Welt ist zu seicht, zu dröge, ertrinken werden wir alle im bürokratischen, pseudo-humanistischen Mansch. „Leiden ist wichtig!“ Das bequeme Sofa, Symbol des modernen freudianischen Seelenstriptease, ebenso wie des herkömmlichen Hartz IVlers, ist längst kein Sofa mehr. Die kleine Bühne (Bühne und Kostüme: Vinzenz Gertler) ist nun ein chaotischer Haufen an kleinen Gerüsten, an denen sich Herr M. reiben und aufhängen kann. Singend, brüllend und teils überzogen erotisch erzählen die drei Herr M.s ihren Leidensweg und inszenieren ihn dabei gleichzeitig. Das Stück folgt einer konstanten Steigerung, wobei die Darsteller durch ein Konglomerat aus Monologen, Dialogen, Liedern und grotesken Traumsequenzen die Dynamik konstant aufrechterhalten. Subtil kitzelt das Stück so auch den Zuschauer, der zunehmend angestrengt ist von dem Lärm und endlos sprudelndem Text.

Das Stück spitzt sich immer weiter zu und gewinnt an Schnelligkeit, während Herr M. an der Olympiade für den robustesten und leistungsstärksten Mitarbeiter teilnimmt. Wie viele Qualen können er und seine Mitstreiter ertragen? Leben in einer Zelle, kacken verboten. Arbeiten im Bergbau bei vierzig Grad, ja selbst Giftmüll soll entsorgt werden. Doch Herr M. trinkt die giftigen Abfälle voll Wonne und steigert sich immer weiter rein in seinen Siegeshunger. „Aussteigen und kollabieren ist das Problem“, verkündet er lauthals, als die Teilnehmer sterben wie die Fliegen. Er bringt die Marginalen des heutigen Arbeitsmarktes auf den Punkt: sich zu Tode arbeiten oder es gar nicht erst schaffen, in den Markt einzusteigen. Mit dieser Einstellung gewinnt Herr M. sogar gegen den hartnäckigen, und scheinbar unberechenbaren Chinesen. Wie viele weitere Aspekte kommentiert das Stück auf abgrundtief zynische Weise so auch die Arbeitssituation, in welcher sich zahllose asiatische Bürger befinden.

Das Bekenntnis eines Masochisten am Theater Dortmund   Foto: Edi Szekely„So werden Träume leer“

Als dann der Zuschauer kurz davor ist, sich die Ohren zu zuhalten und die Bewegungen auf der Bühne zu einem Farb-, Sound- und Lichtermatsch mutieren, endet das Stück, keine Sekunde zu früh oder zu spät. Herr Ms. Weg ist zu Ende. Voller Ekstase, zum ersten Mal zufrieden mit der Situation, will er sich in seine Zelle verkriechen. Dabei hat er nicht an die Folgen des Triumphs gedacht: Ein „Selfie“ mit Kanzlerin Angela Merkel muss drin sein. Jetzt ist er ein Star, dem unablässig die Hand geschüttelt und auf die Schulter geklopft wird. Er ist unwillentlich Symbol des wirtschaftlichen Aufstiegs geworden, das personifizierte Motto: „Das könnt ihr auch schaffen!“ Yes, we can?! Der Mob protestiert, Herr M. ist deprimiert. Eingesperrt in einer Villa, unablässig umgeben von Securities – seiner Träume von Geißelung und ekstatischem Schmerz beraubt.

Groteske, die überfordert und doch inspiriert

Sikoras Drama hebt sich stark von herkömmlichen Kritiken unserer modernen kapitalistischen Gesellschaft ab. Es geht nicht um den kleinen Mann, ebenso wenig wie um den unglücklichen Reichen, der im Wohlstand erstickt. Das Bekenntnis eines Masochisten ist nicht bloß eine überzogene Darstellung des heutigen Produktivitäts- und Wachstumszwangs, indem es das Leiden bis ins Groteske hinein überzieht. Man fragt nach Herrn M.s Motiven. Warum will er gequält werden? Er arbeitet nicht für Geld, nicht aus Leidenschaft, Verantwortungsgefühl oder Gier. Es scheint, als sei Herr M.s Masochismus eine Art von Kontrolle über sein Leben. Ein Handeln, das nicht die Bequemlichkeit und den Wohlstand zum Ziel hat. Er protestiert, indem er sich gegen alle Werte und Konventionen wendet. Er leidet aus Überzeugung. Der Kapitalismus, das ewige Streben, besser zu sein und mehr zu haben, hat uns das Konzept des zufriedenstellenden Wohlstands bereits madig gemacht, denn der Mensch kann sich der Bürokratie, der Ordnung und dem Wachstumsdruck nicht mehr entziehen. Es sei denn, er steigt aus oder kollabiert. Oder er geht, wie Herr M., in die vollends entgegengesetzte Richtung und sucht den Schmerz, um das System so zu untergraben. Carlos Manuel inszeniert die letztendliche Tragik, dass dies nicht möglich ist. Die Politik, der Wirtschaft ewig hinterher dackelnd, verfolgt das heutige Wachstumsstreben auf paradoxe Weise. Wirtschaftlich gesehen treibt sie es bis zur Grenze des Vertretbaren, wobei humanistische Aspekte und Ziele meist nur heuchlerisch verfolgt werden. Es geht bergauf, wenn wir nur handeln. Wenn uns niemand auf den Arsch haut, tun wir es eben selbst. Doch Herr M.s Geschichte zeigt uns: Das ist weder ein valider Protest, noch ist es Selbstbestimmung. In Das Bekenntnis eines Masochisten ist es vor allem ein starkes Zeichen der Verzweiflung.

Informationen zum Stück
Nächste Vorstellungen:
Freitag, den 06. Februar
Donnerstag, den 12. Februar
Samstag, den 28. Februar
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