„Ruhm“ oder die Geburtsstunde eines B-Sternchens

Ruhm im Schauspielhaus Bochum   Foto: Diana KüsterRuhm heißt das neue Tanztheaterstück, das Neco Çelik zusammen mit Renegade in Residence auf die Bühne der Kammerspiele des Schauspielhauses Bochum bringt. Tänzerisch will man dem Begriff „Ruhm“ auf die Spur kommen. Nach einem gelungenen Beginn ähnelt das Stück allerdings bald einer langweiligen Version von Deutschland sucht den Superstar und ähnlichen TV-Formaten.

von SUSANNE EHRL

Die Inszenierung beginnt schon mit dem Betreten des Zuschauersaals. Der Vorhang ist gelichtet, sechs der später sieben Tänzer lehnen lässig herausfordernd an einer Stangenkonstruktion (Bühne: Berit Schog). Das Gestell lässt zusammen mit den grauen schuluniformartigen Kostümen (Frederike Marsha Coors) der Tänzer ein Klettergerüst auf einem Schulhof erahnen. Pfiffe und lautes Gelächter komplettieren den Eindruck einer normierten, coolen Mainstreamkultur auf diesem Pausenhof, zu der man entweder dazugehört oder als Außenseiter ausgegrenzt wird.

Nachdem der Raum etabliert ist, tanzt sich eine rot gewandete Wannabe-Diva am Bühnenrand entlang. Sie nutzt die Aufmerksamkeit auf den Grenzraum zwischen der Gang am Klettergerüst einerseits und den Zuschauern andererseits für ihren eigenen Auftritt. Die  Balletteuse ist Grenzgängerin par excellence: Sie – ein Mann in einem äußerst femininen, langen Kleid – überwindet Geschlechtergrenzen, weicht mit ihren ausladenden, raumgreifenden Bewegungen deutlich sowohl von den monotonen Bewegungsmustern der Schuluniformierten als auch der Bewegungsstarre des Publikums in den Theatersesseln ab.

Die Diva will etwas, sie hat ein Ziel und keine Angst, mit ihren Ambitionen ins Rampenlicht zu treten. Sie nimmt sich Raum, sie nimmt sich Zeit. Doch der erhoffte Beifall bleibt zunächst aus. Ihr Auftritt erntet keinen frenetischen Applaus aus dem reserviert abwartend reagierenden Publikum und nur spöttische Pfiffe und hämisches Gelächter von Seiten der Schulhof-Gang. Auf die Zuschauer wirkt die linkische Performance wie der verzweifelte Versuch eines Aufmerksamkeit heischenden Teenagers vom Typ DSDS-Kandidat, der seine Fähigkeiten deutlich überschätzt. Auf Seiten der Schuluniformierten provoziert sie radikale Ablehnung: Bedrängend, wie eine unüberwindbare Wand, tanzt die Gang ihren Hip Hop-Stil der Diva entgegen. Die Rotgewandete wird gescheucht, zeigt aber eine hohe Frustrationsgrenze und unternimmt immer neue Anläufe, doch noch die erhoffte Anerkennung zu erlangen.

Ruhm im Schauspielhaus Bochum   Foto: Diana KüsterSpannende Ausgangsideen

Wie Regisseur Neco Çelik in der Matinee zum Stück, das er selbst eher vorsichtig als „Experiment“ bezeichnet, darlegte, möchte die Inszenierung das Thema „Ruhm“ erkunden. Damit wird ein wichtiges und spannendes Thema, zumal für den Bereich Tanz, aufgegriffen. Denn in dieser Branche gilt es – mehr noch als in vielen anderen –, früh Aufmerksamkeit auf die eigene Leistung zu lenken, um es in der begrenzten Zeit, in der der Körper eine Karriere im Profibereich zulässt, zu Erfolg zu bringen. Ein zweiter Strang von Çeliks Experiment ist die Begegnung klassisch ausgebildeter Tänzer mit jungen Talenten aus der Hip Hop- und Breakdance-Szene in einem gemeinsamen Theaterprojekt.

Während Çeliks Ausgangsfragestellung faszinierend und vielversprechend ist, gerät die Umsetzung eher langatmig: Zwar gelingt es dem Ensemble, zunächst eine großartige Spannung aufzubauen. Durch den Auftritt einer nur mäßig talentierten Gernegroß-Ballerina, deren Ambitionen bei Weitem ihr Können übersteigen, entzieht sich die Inszenierung dann jedoch selbst die Grundlage, auf der eine ernstzunehmende Exploration von „Ruhm“ erst möglich wäre. Mit ihrem begrenzten Talent und ihrer Arroganz stellen sowohl die Diva als auch die Schulhofbande die Sympathiefähigkeit der Zuschauerschaft auf eine harte Probe. Es bietet sich keine echte Identifikationsmöglichkeit. Der Funke springt nicht über, da keine der Figuren auf der Bühne durch tänzerische Fähigkeiten zu überzeugen oder gar zu berühren vermag. Schlimmer noch, sie unternehmen nicht mal den Versuch, durch Leistung auf sich aufmerksam zu machen.

Vermutlich möchte das Stück mit diesem Ansatz Gesellschaftskritik üben: Wir schenken oft nicht den großen Talenten unsere Aufmerksamkeit, sondern denen, die am spektakulärsten auf sich aufmerksam machen. Ruhm ist damit häufig eher ein Produkt geschickten Marketings denn Resultat echter, hart erarbeiteter Könnerschaft.

Für die Inszenierung ergibt sich durch diesen Ansatz das Problem, dass es als Zuschauer schwerfällt, einer der Figuren überhaupt Erfolg zu wünschen. Letzteres wäre aber wohl die Voraussetzung, um wenigstens für die Dauer des Stücks mitfiebern zu können, ob sich der erhoffte Ruhm einstellt. Dies ist besonders traurig, da der Regisseur für Ruhm gleich sieben z. T. bereits mehrfach ausgezeichnete (Jung)tänzer (Alexis Fernandez Ferrera, Bahar Goekten, Janis Heldmann, Peter Sowinski, Kalliopi Tarasidou, Szu-Wei Wu, Christian Zacharas) auf der Bühne versammelt, denen man sehr gerne eine erfüllte Karriere wünschen möchte.

Viel Neben-, wenig Miteinander

Die Dichotomie zwischen klassischem Tanz und Streetstyle, die in den Biografien der Ensemblemitglieder eingeschrieben ist und durch die Kostüme fast überdeutlich gezeichnet wird, kommt im Stück tänzerisch kaum fruchtbar zum Tragen. Zu sehen ist ein permanentes Neben- und Gegeneinander, wenig Miteinander. Die Tänzer illustrieren mit ihren Bewegungen die Geschichte, die der Regisseur erzählen möchte. Von dem angestrebten Experimentcharakter ist über weite Strecken nichts zu spüren. Vielmehr scheint eine Art Geschichtskorsett den Tänzern die Luft zum Atmen zu nehmen: Immer gleiche, sich wiederholende Bewegungsmuster zu den elektronischen Beats der polnischen Künstlerin Anna Suda mögen zwar ein probates Mittel sein, einen starren Kulturbetrieb darzustellen, der mit zahlreichen Hürden und Gatekeepern aufwartet. Den Tänzern aber gibt es kaum eine Chance, mit ihren jeweiligen Stärken zu punkten. Alle bleiben weit hinter ihren tänzerischen Möglichkeiten zurück. Einen Lichtblick gibt es in dieser Hinsicht nur etwa in der Mitte des Stücks, wenn einige der im Hip Hop beheimateten Künstler in kurzen Soli eine leider viel zu kurze Kostprobe ihres eigentlichen Könnens geben dürfen und den Zuschauern vor Augen führen, was tänzerisch hätte gezeigt werden können.

Nach dieser kurzen erfreulichen Intervention geht das Stück im gleichen langatmigen und wenig spannungsreichen Rhythmus weiter seinem „Happy End“ entgegen: Mit mäßiger Begabung, aber der Bereitschaft, „sich nackig zu machen“, gelangt ein neues B-Sternchen zu Ruhm. Für den Erfolgsfall wäre damit auch gleich der Grundstein für eine etwaige Fortsetzung, „Ruhm 2“, gelegt. Talentfrei, aber mit viel nackter Haut, wäre Çeliks Diva die perfekte Dschungel-Camp-Kandidatin.

 

Informationen zum Stück
 
Nächste Vorstellungen:
Mittwoch, der 11. Februar
Sonntag, der 22. Februar
Mittwoch, der 25. Februar
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