Un-Wort des Jahres

Michel Houellebecq - Unterwerfung   Cover: DumontDass ein Buch noch für Skandale sorgen kann: Michel Houellebecqs neuer Roman Unterwerfung polarisierte schon vor seinem Erscheinen Feuilletonredakteure, Politiker und mehr oder minder sachkundige Experten aller Fachgebiete. Was übrig bleibt, wenn man ihn mal nicht ideologisch und stattdessen literaturwissenschaftlich betrachtet, ist überraschend unspektakulär.

von KARIN BÜRGENER

Visionär sei dieser Roman, rassistisch, angstschürend, meisterhaft, islamophob – selten gab sich die Kritik so uneinig. Das Internet vergisst nichts, und so erinnerte man sich an die vielzitierte und inzwischen revidierte Aussage Houellebecqs, der Islam sei die dümmste Religion. Zunächst einmal: An keiner Stelle des Buches finden sich Belege, die eine speziell islamkritische Lesart des Textes rechtfertigen könnten. Unterwerfung ist ein zutiefst atheistisches Buch, das die Sinnentleertheit einer wie auch immer gearteten Religion persifliert, die statt Glauben Anpassung verlangt und dafür vor allem Sicherheit und Stabilität gewährleistet. So betrachtet, haben moderate religiöse Ausformungen erstaunlich viel miteinander gemein – man muss sich nur einmal die Frage stellen, für welche explizit christlichen Werte die CDU heute steht.

Versteckte Bezüge zum Islam finden sich, wenn man einen Blick in den Paratext und auf den Aufbau wirft. So starrt einem vom Cover der deutschen Ausgabe eine Taube entgegen, Begleiterin des Propheten Mohammed und, nicht zu vergessen, Symbol des Friedens. Und wer den Umschlag abstreift, wird von einem Einband in leuchtendem Grün geblendet, der Farbe des Propheten. Die Gliederung in fünf Kapitel und deren thematische Schwerpunkte erinnern verdächtig an die fünf Säulen des Islam. So unternimmt der Protagonist eine Pilgerreise, muss eine sexuelle Fastenzeit überstehen, wird von den Glaubensbekenntnissen vieler Bekannter überrascht und nimmt die Großzügigkeit des neuen Staatssystems zur Kenntnis. Nur dem fünfmal täglichen Pflichtgebet zeigt er sich wenig zugeneigt und ersetzt es durch ebenso häufigen Alkoholkonsum.

All diese Verweise sind jedoch eher schmückendes Beiwerk – tatsächlich geht es nur oberflächlich um die Unterwerfung einer Religion durch eine andere.

Wenn es nicht um den Islam geht – worum dann?

Bei Zukunftsromanen – der Text spielt im Jahr 2022 – lauten die zentralen Fragen, ob sich Welt, Gesellschaft, Verfügbarkeit von Konsumgütern und Benzinpreise im Vergleich zu heute verbessert oder verschlechtert haben. Je nachdem, wie die Antwort ausfällt, sortiert man den Roman in die Sparte Utopie oder Dystopie. In Unterwerfung erinnert nicht nur das Ergebnis – eine gewaltfreie Gesellschaft, die existenzielle Probleme wie Arbeitslosigkeit und Bevölkerungsschwund besiegt hat – sondern auch die Erzählweise an ersteres. Im Stile klassischer Utopien wie denen von Thomas Morus, Tommaso Campanella oder Francis Bacon wird ein Unbeteiligter mit den Gepflogenheiten in Utopia, der Sonnenstadt oder Nova Atlantis vertraut gemacht. Ähnlich unbedarft wird der vollkommen unpolitische Protagonist François mit dem schönen neuen Frankreich konfrontiert. Der auf Joris-Karl Huysmans spezialisierte Literaturprofessor hatte sich einige Zeit in ein Kloster zurückgezogen und kehrt nun nach Paris zurück, wo sich die politischen Unruhen nach der Wahl des charismatischen Mohamed Ben Abbes überraschend schnell gelegt haben. Während sich einige Dozenten der Sorbonne – vor allem die weiblichen – aus dem Dienst verabschiedet haben, haben sich andere gern den Annehmlichkeiten der neuen Regierung gefügt, und auch François, der die vielfach höhere Besoldung, den trotz Alkoholverbots reichhaltigen Spirituosenvorrat und vor allem die Kochkünste der einen und die Jugend der anderen Ehefrau eines Kollegen bestaunt, ist geneigt, sich ebenfalls zu fügen, sich zu „unterwerfen“. Vor allem die Promiskuität, ein von Houellebecq immer wieder gern angeführtes und ausgeschmücktes Thema, spiegelt sich in den erfüllten Phantasien der zumeist männlichen Protagonisten. François bekommt das vor die Nase gesetzt, was für Bruno in Elementarteilchen einen nie endenden Kampf bedeutet hat: die ständig verfügbare erotische Erfüllung, erreichbar durch die sexuelle Unterwerfung der Frau. Für die männliche Hälfte der Menschheit scheint es sich tatsächlich um die beste aller Welten zu handeln, für die andere erscheint dies ziemlich fraglich – auch, wenn der Erzähler feststellt, dass das patriarchalische Gesellschaftssystem es mit seinem Mündigkeitsabspruch den Frauen ermöglicht, ein Leben lang im Paradies der Kindheit zu verbleiben.

Das Luxusproblem der Langeweile

Unterwerfung hat noch mehr mit den klassischen Utopien gemeinsam, und zwar deren literarische Schwachstellen. Diese liegen vor allem in der statischen Erzählweise: Einem Außenstehenden wird berichtet, was diese Welt zur besten aller Welten macht. Sonst passiert wenig – was gäbe es in einer perfekten Welt auch schon für Konflikte, wer würde etwas verändern wollen? Der passive, lethargische Held trägt kaum dazu bei, die äußere Handlungsarmut durch innere Konflikte auszugleichen. Dafür hat er zu viel mit den Figuren seines Lieblingsautors Joris-Karl Huysmans gemeinsam: Wie Des Esseintes in Gegen den Strich sucht er Erfüllung in dekadenten Genüssen, wie Held Durtal in Der Oblate widmet er sich zumindest für ein paar Wochen der spirituellen Sinnsuche. Houellebecq versucht auf unterschiedliche Weise, dieser Statik entgegenzuwirken. So beschreibt der Anfang des Romans das vorislamische Frankreich; der Umsturz zum Gottesstaat vollzieht sich in mehreren Schritten, was der Handlung ein dynamisches Gerüst verleiht. Monologartige, politisch-theoretische Reflexionen gewinnen jedoch immer mehr Raum und lassen auf kombinatorischen, vielleicht gar visonären Scharfblick des Autors schließen, dienen aber nicht dazu, dem Text die nötige spannungssteigernde Dramaturgie zu verleihen, welche die früheren Romane Houellebecqs auszeichnet. Geschickt platzierte Cliffhanger in Form bissiger Bemerkungen über den Universitätsbetrieb oder expliziter erotischer Szenen im provokantem Gewand – so sucht sich François jedes Semester eine neue studentische Liebhaberin, bis die Polygamie mit Minderjährigen eine annehmbare Alternative darstellt – sorgen aber dafür, dass das Interesse nicht vollständig erlischt. Insgesamt bleibt von der Presse unterstellte Radikalität hinter der Erwartung zurück und ist nur in Ansätzen vorhanden. Eine Spur mehr Rebellion seitens der Hauptfigur vor der letztendlichen Kapitulation hätte den Roman nicht nur spannender gemacht, die Unterwerfung wäre  auch eine kompromisslosere gewesen.

 

Michel Houellebecq: Unterwerfung
Aus dem Französischen von Norma Cassau und Bernd Wilczek
Dumont Verlag, 272 Seiten
Preis: 22,99 €
ISBN: 978-3-8321-9795-7

 

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3 Gedanken zu „Un-Wort des Jahres

  1. Pingback: Was erlauben BILD. Houellebecq wie Flasche leer? Ich habe fertig. | brasch & buch

  2. Insgesamt bleibt von der Presse unterstellte Radikalität hinter der Erwartung zurück und ist nur in Ansätzen vorhanden.
    Das kann aber nicht dem Autor angelastet werden, wenn die Erwartungen, die Dritte schüren, sich nicht erfüllen. Romane keine „Wunschkonzerte“ und nur weil Houellebecq als Skandalautor gesehen wird bzw. sich als solcher generiert, muss seine Prosa nicht zwangsläufig skandalös sein.

    Die Spannung, die sich einstellen soll, besteht am Ende in der Ungeheuerlichkeit, mit welcher Nonchalance ein pluralistischer und sich selbst laizistisch definierender Staat einer religiös konnotierten Ordnung unterwirft. Vielleicht ist dieser Vorgang für französische Leser skandalöser als für deutsche.

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