Was kann das Kino noch außer Biopics und Comic-Sequels?

Eddie Redmayne im Stephen Hawking Biopic Die Entdeckung der UnendlichkeitWenn man sich die diesjährigen Nominierungen der Academy of Motion Picture Arts and Sciences für die nunmehr 87. Oscar-Verleihung in der Kategorie „Bester Film“ ansieht, wird man nur mit Mühe die nicht biografischen oder autobiografisch inspirierten Filme ausmachen können. Kann Hollywood nur noch Biopics und Comic-Sequels?

von NADINE HEMGESBERG

Was täte Hollywood nur ohne das stetig neu auszuschöpfende Genre der Filmbiografie? Es lässt sich immer noch eine spannende Sieger- oder Verliererstory aus dem Sport ausgraben oder die Geschichte eines heroischen Soldaten irgendeines Krieges, eines Programmiernerds (Jesse Eisenberg als Mark Zuckerberg in The Social Network, 2010), das Leben eines Präsidenten (Daniel Day Lewis als Abraham Lincoln in Steven Spielbergs Lincoln, 2012) sowie eines Musikers, der sich viel zu früh den goldenen Schuss gesetzt hat (oder vor einer anstehenden Gerichtsverhandlung: Sid & Nancy, 1986). Gleiches gilt im Übrigen für das Genre der Comicverfilmungen und der Sequels und noch nicht auserzählter Storylines des „Davor“ oder „Vergessenen“ in sogenannten Prequels. Tobias Kniebe forderte aus diesem Grund angesichts der Bekanntgabe der Planungen der großen Filmstudios bis 2020 in der Süddeutschen Zeitung eine neue Weltsicht im gegenwärtigen und noch kommenden Kino: ein Plädoyer für originäre Drehbücher und mutige Weltenerfinder. Mit Biografischem lassen sich nämlich nur schlecht die Grenzen des Vorstellbaren sprengen, Grenzen die immer und immer wieder überschritten werden müssen, auch und gerade vom Film.

Ein Blick auf die Nominierten

In der Kategorie „Bester Film“ schlägt sich die Lust am Biografischen und vermeintlich Authentischem jedenfalls eindrucksvoll nieder – in diesem Jahr wurden von bis zu zehn möglichen Filmen acht nominiert. Und diese Auswahl besteht zu zwei Dritteln aus Filmbiografien oder aus biografisch bzw. autobiografisch in kleinerer oder größerer Art beeinflussten cineastischen Werken: Clint Eastwoods American Sniper beruht auf der Lebensgeschichte des US-amerikanischen Scharfschützen Chris Kyle. Richard Linklaters Boyhood ist die zwar fiktionale, allerdings durch den Entstehungscharakter und das Filmkonzept nur allzu biografische Auseinandersetzung mit dem Thema Kindheit und Jugend. James Marshs Die Entdeckung der Unendlichkeit ist das Biopic zum Leben und Lieben von Stephen Hawking. The Imitation Game von Morten Tyldum erzählt wiederum Alan Turings Leben als Mathematiker, britischem Agenten und Homosexuellen. Dann wäre da noch die Verfilmung von Martin Luther Kings Biografie in Ava DuVernays Selma und, wenn auch nicht als originäres Biopic ausgegeben, so doch aus der Lebensgeschichte des Regisseurs geschöpft: das Schlagzeugerdrama Whiplash von Damien Chazelle. Einzig Alejandro González Iñárritus Birdman oder Die unverhoffte Macht der Ahnungslosigkeit und Wes Andersons Grand Budapest Hotel fallen aus diesem Schema „B“ in fast erfrischender Weise heraus.

Und auch in anderen Kategorien ist die Lebensverwurstung mehr oder minder berühmter Menschen zu hollywoodträchtigem Filmstoff nicht weit: Bennett Miller mit dem Ringerdrama Foxcatcher, Jean-Marc Vallée mit dem Comebackversuch von Reese Witherspoon als tapfere Wandersfrau in Der große Trip – Wild, Mike Leigh mit dem verfilmten Leben von Maler William Turner in Mr. Turner – Meister des Lichts und Angelina Jolies Kriegsdrama Unbroken über das Leben des US-amerikanischen Olympioniken und Soldaten im Zweiten Weltkrieg Louis Zamperini.

Faszination echtes Leben

Dabei ist die Faszination für das „echte Leben“ auf der Leinwand und die berühmten ProtagonistInnen der früheren Vergangenheit und lang vergangene Geschichte bei ZuschauerInnen sowie ProduzentInnen und RegisseurInnen bei weitem nichts Neues – und ebenso wenig in ihrer Häufung eine Besonderheit. Vielmehr war es dem Kino schon immer inhärent, Geschichten vom „wahren“ Leben zu erzählen, die Lebensgeschichten von berühmten Menschen auf Zelluloid zu bannen und damit nicht nur Kinogeschichte, sondern auch medial Geschichte zu schreiben und zu vermitteln. In den 1990ern konstatiert der Filmwissenschaftler George F. Custenin in seinem Standardwerk zur Biopicforschung Bio/Pics – How Hollywood Constructed Public History:

Released with increasing regularity from the earliest days of the cinema to the end of the studio era, the biopic played a powerful part in creating and sustaining public history. In lieu of written materials, or first-hand exposure to events and persons, the biopic provided many viewers with the version of a life that they held to be the truth. The biopic reached its peak – at least numerically – in the 1950s during the dying days of the studio mode of production. From its cultural high-water mark in the William Dieterle/Paul Muni greatman cycle at Warners in the 1930s (the lives of Zola, Pasteur, and Juarez), the biopic seems, since the 1960s, to have faded away to a minor form.“

In einer Periode von 1927–1960 seien annähernd 300 Biopics von den großen Filmstudios produziert worden. Nicht nur sei damit der „Hollywood view of history“ produziert und reproduziert worden, konkreter: „The biographical film (the ‚biopic‘) routinely integrates disparate historical episodes of selected individual lives into a nearly monochromatic ‚Hollywood view of history‘.[…] The Hollywood biographical film created and still creates [1992] public history by declaring, through production and distribution, which lives are acceptable subjects.“

Biopic als Oscargarantie

Dieses Filmjahr scheint ein ausgezeichnetes Beispiel dafür zu sein, dass die Jurymitglieder der Academy in ihrer Bewertung vor allem dem Kino, das nach wahren Begebenheiten erzählt, eine ästhetisch – und mit Sicherheit auch inhaltlich anrührende – herausragende Leistung attestiert. Aber wahrscheinlich ist man eh auf dem Holzweg, wenn es allein um ästhetische, narrative und cinematografische Kriterien ginge, der Oscar hat wie jede Pokalaustragung im Sport bekanntlich seine ganz eigenen Regeln. Zu beobachten ist in jedem Fall, dass ein ordentliches Biopic ein Aushängeschild für SchauspielerInnen sein kann, das der Karriere einen Durchbruch oder Boost (vielleicht gar eine Wiederbelebung nach gefühlt fast 20-jähriger Leinwandabstinenz) verleiht oder gar zur Prämierung mit einem Oscar führt.

War ein Strick im Goodiebag?

Michael Keaton in BirdmanNun, die großen Abräumer muss man nun, nach der Verleihung, konstatieren, das waren dann doch in der Tat die nicht biografischen oder biografisch angehauchten Stoffe, wobei man bei Birdman die nahezu tragische biografische Ebene von Michael Keaton fast gezwungenermaßen mitdenken muss. Denn ohne seinen biografischen Hintergrund als Batman und das mit Birdman real gefeierte Comeback hätte auch diese selbstreferentielle Hollywood-Satire nicht den gleichen Schuss Selbstironie und Dramatik – ohne diese würde der Film autark nur halb so gut funktionieren. Alejandro González Iñárritus Birdman und The Grand Budapest Hotel von Wes Anderson konnten jeweils vier Oscars gewinnen, wobei Birdman den Preis in der Kategorie „Bester Film“ bekam. Dass es für Michael Keaton nicht reichte und Eddie Redmayne für seine Darstellung von Stephen Hawking den Oscar mit nach Hause nahm, ist auf zum Film passende Weise amüsant, hoffentlich war kein Strick im Goodiebag der Loser.

[Eine kleine Übersicht mit 100 Biopics und dazugehörigen Trailern findet sich beim Wall Street Journal]

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Ein Gedanke zu „Was kann das Kino noch außer Biopics und Comic-Sequels?

  1. Boyhood in eine Ecke mit American Sniper, Die Entdeckung der Unendlichkeit und Selma zu stellen, ist nicht gerechtfertigt. Das Konzept ist nicht nur innovativ, sondern kein Biopic und setzt sich von den anderen deutlich ab. Was man von dem Film außer seinem Alleinstellungsmerkmal der Entstehungsgeschichte hält, ist eine andere Frage, aber in die Liste gehört er nicht. Er überrascht nicht für Linklater und eine Coming of Age-Story, aber er bietet Fiktionalität (wenn auch etwas eingeschränkt, aber auch das ist kein Biopic-Konzept) und – noch wichtiger – Mut, den du sonst anscheinend vermisst.

    Das Kino hat keine Krise. Der durchschnittliche Kinobesucher will nur nichts anderes sehen als X-Men 59, also geht dafür mehr Budget, mehr Werbung und mehr Aufmerksamkeit drauf. Zu einer anderen Zeit waren es eben Historiendramen. Manchen waren besser, manche waren schlechter… wer das Genre nicht mag, langweilt sich bei allen. Die Acadamy hingegen nominiert inzwischen jedes Jahr den gleichen Mix aus patriotisch-historisch-mutig, gefühlsselig, gesellschaftskritisch (aber nicht zu mutig) und reinem Kitsch und stellte sich damit selbst ein Bein, wenn man davon ausgehen würde, dass sie gute Filme nominieren wollen würde. Will sie aber gar nicht so sehr, wichtiger ist eine Balance zwischen Erfolg und irgendetwas, was man wenigstens gutes Handwerk nennen kann. Filme, die viele mögen und für die Hollywood sich nicht schämen muss. Eine Auszeichnung des (teilweise) gehobenen Mainstreams, kombiniert mit einem nicht zu unterschätzendem Lobby-Einfluss und somit eher Kaufempfehlung als Auszeichnung. Aber damit eben Spiegel für die Bedürfnisse der Massen, nicht für den Zustand des Kinos, das wesentlich mehr zu bieten hat. Die Beantwortung der Ausgangsfrage bleibt der Artikel leider schuldig. Das ist eben deswegen schade, weil das Kino (und sogar Hollywood) mehr kann als Biopics und Sequels.

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