Kühle Abhandlung menschlicher Abgründe

"Verbrennungen" am Theater Essen   Foto: Birgit HupfeldMartin Schulz inszeniert Verbrennungen von Wajdi Mouawad am Schauspiel Essen. Das Stück, welches bereits vielzählig an deutschen Theatern gespielt und dessen Verfilmung zudem 2011 für einen Oscar nominiert wurde, feierte am 28. Februar Premiere. Eine Geschichte gleich einer Zeitreise durch den libanesischen Bürgerkrieg, der auch nach seinem Ende noch tiefe Wunden zuzufügen vermag. Ist es auch eine beeindruckende Stückvorlage, wird die Komplexität der Materie von Martin Schulz doch allzu sehr in Form gepresst. Eine Inszenierung, die der Wirkungskraft der Erzählung im Wege steht.

von SILVANA MAMMONE

Es ist die Geschichte einer vielfach zerrütteten Familie. Ebenso ist es eine Geschichte über ein zerrüttetes Land, den Libanon. Jeder, der sich ansatzweise mit den Konflikten im Nahen Osten auseinanderzusetzten versucht, weiß, dass diese wie ein überdimensionales Puzzle erscheinen, dessen Einzelteile bereits so deformiert sind, dass man sie nicht mehr zusammenzuführen vermag. Was ist das Herz des Konflikts? Ebendiese Frage stellt sich Jeanne (Marieke Kregel) über ihre eigene Familie. Nachdem ihre Mutter Nawal (Stephanie Schönfeld) verstorben ist, erhalten sie und ihr Zwillingsbruder Simon (Thomas Meczele) ein Testament, das ihren letzten Willen enthält: Findet den Vater und euren verschollenen Bruder. Während Simon weiterhin versucht zu verdrängen, begibt sich Jeanne auf die Reise in die Vergangenheit ihrer Mutter und zu den über die Jahrzehnte des Bürgerkrieges geschaffenen Trümmern im Libanon.

Alles auf Anfang, Mitte, Ende

Nach und nach gelingt es Jeanne, die Geschichte der Mutter zu enthüllen, was auf der Bühne durch Rückblenden eins zu eins nacherzählt wird: Nawal lebt in einem kleinen libanesischen Dorf, als sie ihr uneheliches Kind gebärt. Ihre Familie zwingt sie, es in ein Waisenhaus zu geben, und so begibt sie sich nach einigen Jahren auf die Suche nach ihrem verschollenen Sohn. Ihrer Großmutter verspricht sie zuvor, lesen, schreiben, denken zu lernen. Befreien soll sie sich so vom „Zorn der Frauen“, die bereits über Jahrzehnte in Unterdrückung leben und ihren Frust, ihren ‚Geist der Ohnmacht‘ von Generation zu Generation weitergeben. Eines Tages wird sie ins Dorf zurückkehren und den Namen ihrer Großmutter in deren Grabstein meißeln. Nawal hält ihr Versprechen. Doch auf den Spuren ihres Sohnes gerät sie immer tiefer in die Unruhen des Bürgerkrieges und die Gewalt und Ungerechtigkeit der herrschenden Milizenführer.

Die Brillanz der Geschichte blendet

Das Stück wechselt alternierend die Zeitebene, erzählt also die Geschichte der Mutter aus zwei verschiedenen Perspektiven. Folglich wird auch die Zeit des Bürgerkriegs zusätzlich aus der Perspektive von Augenzeugen und Jeannes eigener Sicht geschildert. Es ist eines der Hauptmerkmale des Stückes, dass es den Krieg aus einer Vielzahl von zeitlichen und individuellen Perspektiven beleuchtet und dadurch die Verstrickungen und Komplexität des Konfliktes verdeutlicht. So gelingt es dem Autor Mouawad innerhalb des Dramentexts, über die Erzählung einer Familie die Geschichte eines ganzen Volks zu reflektieren. Schulz reagiert auf die Reichhaltigkeit der Vorlage mit einer kühlen und überstrukturierten Inszenierung – mehr als kreative Darstellung des Stückinhalts ist sie eine Abhandlung und Aneinanderreihung der Texte. Der Regisseur nimmt den Begriff „Sprechtheater“ dermaßen ernst, dass Handlung nicht gespielt, sondern bloß erzählt wird. Entsprechend erscheinen szenische Ideen eher gewollt als der Inszenierung dienlich. So werden der verstorbenen Mutter inmitten des weißen Büromobiliars drei Eimer Wasser über den Körper geschüttet. Die triefende Darstellerin geht daraufhin von der Bühne, um wenige Sekunden später wieder trocken Text zu rezitieren.

"Verbrennungen" am Theater Essen   Foto: Birgit HupfeldAAAAJA!

Aus Angst, die Zuschauer könnten den Überblick verlieren, werden die Namen der einzelnen Figuren fortwährend an eine riesige Leinwand projiziert. Auf- und Abgänge der Schauspieler-Innen gibt es keine (mit Ausnahme der triefenden, toten Mutter) und dennoch fehlt es der Inszenierung an Dynamik, an Höhen und Tiefen. Denn das Aufgebot an Darstellern auf der Bühne wird nicht genutzt; die Spieler-Innen stehen und sitzen während der Szenen, in denen sie nicht vorkommen, stumm und unbeweglich herum. Entsprechend ist der einzige Spannungsbogen das kleine Sätzchen der Auflösung am Ende: „Der Sohn ist der Vater des Bruders der Schwester.“ „Aaaaja!“, würde Loriot nun sagen. Leider fiel erst nach dem Stück auf, wie über die Maßen schockierend diese Tatsache ist. Der inszenatorische Minimalismus von Schulz bahnt sich im Laufe der Vorstellung seinen Weg und baut eine Mauer zwischen Zuschauer und Geschichte. Es bleibt nur, dem Text zu lauschen und mit der eigenen Fantasie Abhilfe zu schaffen. Das gibt dem Text vielleicht Raum, steht der Gesamtheit der Erzählkomposition jedoch im Weg, sperrt sie gleichsam ein. Ebenso können sich die Figuren nicht entfalten, denn sie sind, in graue Anzüge gekleidet, meist nur statisch auf der Bühne platziert. Alles, was den Schauspielern dabei bleibt, ist Qual und Leidenschaft in die Stimme zu legen, was besonders Stefanie Rösner als Sawda – eine junge Frau, die sich Nawal auf ihrer Reise anschließt – bemerkenswert gelingt.

Schlachtfeld Bühne

Zusammenfassend bleibt die Frage: Wie kann Theater von Krieg erzählen? Wie die Wunden, die ein zerrissenes Land seinen Bürgern zufügt, inszenieren? Als Regisseur steht man unwiderruflich vor der Frage, ob man als Geschichtenerzähler oder abstrakt veranlagter Puppenspieler auftritt. Als Mensch, der Krieg nicht erfahren hat, ist es nicht nur eine künstlerische Entscheidung, denn selbst der Zuschauer reflektiert im besten Fall sein Urteil  und seine Impressionen dieses abgründigen Zustands. Können oder wollen wir uns die Qualen unter einer scheinbar ewig währenden Gewaltspirale vor Augen  führen und selbst näherbringen? Die Vorstellung vom Tod, der überall ist; die Würde und die eigenen Überzeugungen, die fortwährend auf die Probe gestellt werden. Es erfordert sicherlich Mut, von Krieg, gleich in welcher inszenatorischen Form, zu erzählen. Doch in Mouawads Vorlage ist so viel Bemerkenswertes und Erleuchtendes angelegt, dass der Regisseur mehr Mut hätte haben sollen, interessante Wege der Vermittlung und Darstellung zu finden. Martin Schulzʼ Inszenierung nagt nicht am Zuschauer. Es gelingt ihr nicht, in den Köpfen nachzuhallen. Ein Indiz, dass Verbrennungen seine Wirkungskraft auf der Essener Bühne nicht entfalten konnte.

Informationen zum Stück

 

Weitere Vorstellungen:
Donnerstag, der 19. März
Freitag, der 20. März
Mittwoch, der 01. April

 

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