Who the Fuck is Harald Rutzen…

Harald Rutzen - Es gibt immer mal wieder Leute...   Cover: Laputa Verlag…mögen Sie jetzt fragen. Eins steht fest: Harald Rutzen ist ein Menschenkenner. In seiner „Groteske in 61 Fragmenten“ Es gibt immer mal wieder Leute … nimmt er so ziemlich jede Befindlichkeit von jedermann auf die Schippe. Das ist vorrangig amüsant, mitunter entlarvend bis verstörend, in jedem Fall aber ein kurzweiliges Lesevergnügen.

von ANNA KREWERTH

Probleme hat ja jeder irgendwie: Mal sind die schwerwiegend (Depression, Magersucht, Arbeitslosigkeit), mal eher nicht (Langeweile, Egozentrik, Katerstimmung). In Rutzens Prosaschnipseln versammelt sich ein kurioses Personeninventar, um gemeinsam das Bild einer Gesellschaft zu zeichnen, die erst im eigenen Spiegelbild erkennt, wie albern sie, wir und alles überhaupt ist.

Helden wie wir

Der arbeitslose Mann Anfang 30, der sich auf dem Arbeitsamt entkleidet, um nachzuweisen, dass er „wirklich, wirklich kein Geld“ hat, und dann in der Psychiatrie landet. Der verbummelte Student, der angesichts seines Promotionsthemas verzweifelt den Plan fasst, Marx’ Gesammelte Werke abzuschreiben, da die eh kein Schwein mehr kennt. Der Tellerwäscher, der ungeduldig auf die Millionen wartet. Eine Frau, die allergisch auf menschliche Nähe reagiert und sich ständig übergeben muss, was sie dann versucht künstlerisch nutzbar zu machen – all diese Leute führen uns den ganz alltäglichen Wahnsinn vor Augen: Man macht „irgendwas mit Medien, Scheiße“; man tauscht den Mann um, den man nicht mehr liebt; man sieht die Zukunft zerplatzen wie eine Seifenblase; man platziert seinen fetten Arsch im Bus und steht für niemanden mehr auf; die einzige Nachricht, die man kriegt, ist das Angebot für einen neuen Handyvertrag, und wenn man ein unauffälliges Äußeres besitzt, arbeitet man als Hintergrundfigur für Touristenfotos.

Gelacht wird, bis der Henker kommt

Neben dem Amüsement, das die Lektüre des Buches zweifelsohne bietet, sollte man jedoch auch den kritischen, satirischen Charakter der Texte nicht außer Acht lassen. Eine Portion Galgenhumor muss man schon mitbringen und an mancher Stelle bleibt das Lachen durchaus im Halse stecken. Das ist auch gut so, denn sonst wäre die Sammlung wohl ein wenig substanzlos geraten. Den genauen Beobachtungen Rutzens entgehen auch die kleinen Banalitäten des Alltags nicht, und mitunter stellt man, leicht frappiert, fest, dass man sich tatsächlich selbst erkennt, z. B. in der eskalierenden Gereiztheit angesichts von Leuten, die sich an der Kasse vordrängeln. Am Ende steht somit vermutlich auch die Frage: Was soll’s?

Neues von Herrn R.?

Der 1980 in Bukarest geborene Rutzen, der vormals unter dem Pseudonym Herr R. in seinem Blog Warum läuft Herr R. Amok?! publizierte, eröffnet Verweise zum gleichnamigen Film von 1970, der sich ebenfalls der Monotonie und Trivialität des Lebens widmet, sowie zu den Parabeln Bertolt Brechts über Herrn K. Seine Texte wurden nun in Berlin vom Laputa Verlag herausgegeben: Es ist die zweite Publikation des seit 2013 bestehenden Verlags, auf dessen weiteres Programm man durchaus gespannt sein kann. Die geringfügigen Mängel in Formatierung und Design werden dann bestimmt auch bald aus dem Weg geräumt sein. Die vorliegende Prosasammlung jedenfalls macht Lust auf mehr.

 

Harald Rutzen: Es gibt immer mal wieder Leute …
Laputa Verlag, 109 Seiten
Preis: 7,00 Euro
ISBN: 978-3-00-040913-4

 

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