Willst du eine krasse Geschichte hören?

"Kurze Interviews mit fiesen Männern" am Schauspielhaus Bochum   Foto: Diana KüsterKurze Interviews mit fiesen Männern liest sich wie das Tagebuch eines Psychologen, in dem die intimsten, gemeinsten und niederträchtigsten Geschichten festgehalten sind, die Patienten jemals erzählt haben: Geschichten voller Verzweiflung, Selbsthass und Selbstbeschiss, aber auch voll von ehrlichem Streben nach Anerkennung, Liebe und Mitgefühl. Geschichten, in denen der Mensch sein wahres Gesicht zeigt – und sich im Spiegel zulacht. Seit beinahe zwei Jahren läuft das von Monika Glies adaptierte Stück schon am Schauspielhaus Bochum – höchste Zeit also, es all denen zu empfehlen, die bisher versäumt haben, es anzusehen.

von STEFANIE KÄHNE

Man sitzt im Publikum und fragt sich, ob das Stück eigentlich schon angefangen hat. Die vier Schauspieler haben den Raum bereits betreten und sich nacheinander am Rande der Bühne niedergelassen. Sie beobachten sich gegenseitig, zupfen nervös an ihrer Kleidung, lächeln einander zu und unterhalten sich, obwohl der Einlass noch nicht beendet ist und die erwartungsvolle Stille des Publikums immer wieder von Neuankömmlingen durchbrochen wird. Kurz darauf beginnen sie sogar, eigenhändig das Bühnenbild zusammenzubauen. Der Moment, in dem die Vorstellung offiziell begonnen hat, ist offenbar vorbeigeglitten, ohne dass ihn jemand bemerkt hätte.

Grenzwertige Geschichten

Das Schauspiel, das uns so unversehens umgibt, basiert auf einer Sammlung von Stories, die David Foster Wallace 1999 unter dem Titel Kurze Interviews mit fiesen Männern veröffentlichte. Seine Protagonisten sind – wie üblich – verquere und verkopfte Menschen, die en détail und ohne Scheu über ihre intimsten Fantasien, erschreckendsten Gedanken und monströsesten Macken sprechen, als handle es sich dabei um das Banalste und Selbstverständlichste auf der Welt.

Einer von ihnen heißt Ein-Arm-Johnny (Dimitrij Schaad), den Namen hat er sich aus offensichtlichen Gründen selbst gegeben. Schmierig grinsend erzählt er von seinem missgebildeten Arm, der dunkel, flossig und immer feucht sei und den er zu einer „Geheimwaffe“ umfunktioniert habe, um Weiber aufzureißen.

Ein anderer Mann (Henrik Schubert) beschreibt voller Enthusiasmus die Arbeitswelt seines Vaters: die Herrentoilette in einem Nobelhotel. Mit anschaulichen Bildern und klangvollen Umschreibungen fängt er die Gerüche und Geräusche dieses vermeintlich stillen Ortes ein und zwingt uns zu riechen, was sein Vater täglich riecht, und zu hören, was in dessen Ohren nachhallt: „Defäkation, Egestion, Extrusion, Dejektion, Purgation, Entleerung“.

Als Drittes meldet sich eine junge Frau (Therese Dörr) zu Wort, die von der Angst verfolgt wird, beim Oralsex mit ihrem Mann zu versagen und dadurch ihre Ehe zu zerstören. Sichtlich um Fassung ringend schildert sie, wie sie an sich selbst arbeitet, wie sie in der Adult World einkauft, nächtelang Pornos studiert und an einem Dildo ihre „Technik“ schult – alles, ohne den geringsten Erfolg bei ihrem Gatten zu haben.

Was sind das für Menschen, die sich nicht davor scheuen, solche Geschichten einem Publikum gegenüber preiszugeben? Und was sind das wiederum für Menschen, die sich solche Geschichten mit Vergnügen anhören? Die Monologe sind nicht gerade kurz, die Themen ziemlich befremdlich, abstoßend oder ekelerregend, und trotzdem ist es unmöglich wegzuhören. Ja, ganz im Gegenteil: Je detaillierter und intimer die Schilderungen daherkommen, desto aufmerksamer lauscht das Publikum. Das mag sowohl an den gut geschriebenen und überaus witzigen Texten selbst liegen, als auch an der authentischen Darstellung der Schauspieler. Darüber hinaus ist es jedoch ebenso gut möglich, dass die Zuschauer schlichtweg ihre eigene voyeuristische Seite ausleben und sich, geschützt von der Dunkelheit, an den Bekenntnissen ergötzen.

Die Spannung und Dramatik, die sich in den einzelnen Monologen aufbaut, wird jedoch immer wieder von kürzeren interaktiven Szenen durchbrochen, in denen die vier Protagonisten gemeinsam singen, tanzen, lachen, feiern und flirten und mit allen Mitteln um die Aufmerksamkeit der anderen buhlen. Insbesondere Therese Dörr brilliert in diesen Szenen, indem sie sich – als einzige Frau in diesem Stück – ihrer weiblichen Reize bedient, um die drei Männer bei der Stange zu halten: Mal gibt sie sich stark und intelligent, mal schüchtern und naiv; mal ergibt sie sich den Annäherungen ihrer Kollegen und mal entzieht sie sich ihnen – doch am Ende liegen sie ihr trotzdem alle zu Füßen.

"Kurze Interviews mit fiesen Männern" am Schauspielhaus Bochum   Foto: Diana KüsterKeine Luft zum Atmen

Dieser ganze Zirkus ist aber auch gerade darum so amüsant und absurd, weil die Bühne, auf der er sich abspielt, die Darsteller auf engstem Raum zusammenpfercht und es ihnen unmöglich macht, sich von den anderen abzusetzen oder den Körperkontakt mit ihnen zu vermeiden. Das Bühnenbild besteht im Ganzen lediglich aus vier winzigen Plexiglasquadern, die gerade groß genug sind, um einen Menschen zu fassen, und die je nach Szene als Fahrstuhl, Klokabine, Büro, Partykeller oder als Schlupfloch und Zuhause dienen. Sie können beliebig umgebaut werden, lassen sich drehen und zusammenklappen, aber sie bieten keinerlei Privatsphäre und keinen Schutz vor den durchdringenden Blicken der Zuschauer. Nichts bleibt im Verborgenen, jeder Gedanke, jeder Einfall, jeder Plan, sei er schockierend oder banal, wird ausgesprochen – ob wir ihn hören wollen oder nicht.

Damit sind wir bei dem vierten Monolog angekommen, der sich von den drei vorhergehenden unterscheidet und aus diesem Grund bisher außenvorgelassen wurde. Anders als seine Vorgänger spricht der Interviewte (Marco Massafra) nun nicht mehr über banale Alltagspsychosen, sondern über bleibende psychische Schäden, wie sie z. B. durch eine Vergewaltigung hervorgerufen werden. Was geht im Inneren eines Menschen vor, der eine solche Erfahrung durchlebt? Was zerbricht in ihm und was bleibt von ihm übrig, wenn man seine Würde mit Gewalt zerstört? Die Antwort auf diese heikle Frage ist genial und geisteskrank, erhebend und niederschmetternd zugleich – eine Antwort, die man im Theater Unten mit eigenen Ohren anhören sollte.

 

Informationen zum Stück
 
Nächste Vorstellungen:
Donnerstag, der 16. April
Donnerstag, der 23. April

 

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