Re-Lektüre der Sehnsucht

Andrzej Stasiuk - Der Stich im Herzen   Cover: SuhrkampReisen heißt leben“, schrieb Andrzej Stasiuk in Fado. „Jedenfalls doppelt, dreifach, mehrfach leben.“ Dieses Leben verbindet er stets mit dem Schreiben. „Wir wandern durch die Welt, um von ihr zu erzählen. Und keineswegs, um sie zu erobern, zu verändern, zu erkennen und zu verstehen, sondern lediglich, um ihre Schönheit zu beschreiben“, heißt es in seinem neuen Werk Der Stich im Herzen. Und so durchmisst Stasiuk wieder die Welt, diesmal den Osten Eurasiens, und aktualisiert damit, in einer leuchtend klaren Sprache, seine Reiseliteratur.

von JONAS PODLECKI

Leben ist für Stasiuk „Begegnung der Identität mit der Wirklichkeit. Kurzum – Erfahrung.“ Und diese Erfahrung ist durchaus buchstäblich zu verstehen. Stasiuk steigt ins Auto und er-fährt (sich) die Welt. Er berührt sie mit seinen Sinnen, Gedanken, Erinnerungen und bewahrt ihr singuläres Bild in der Schrift. Schreibend rettet Stasiuk den Augenblick vor dem Vergessen.

Diesem Imperativ folgend, beschreibt er unablässig seine Umwelt: die Landschaft, ihr Klima und alles, was dahinter liegt und „unwiderstehlich die Phantasie anregt“. So sind die in Der Stich im Herzen (Suhrkamp Verlag) versammelten Texte mehr als bloße Momentaufnahmen einer flüchtigen Wirklichkeit. In ihnen kontempliert Stasiuk die „gemäßigte Zone“ (Ostmitteleuropa), reflektiert über die Überflussgesellschaft und porträtiert Künstler, bekannte wie marginalisierte. Vor allem aber erinnert er sich. Indem er schreibt, macht er „lichtempfindliche Abzüge des Vergangenen.“

In der „Materie der Welt“ liegt die „Tiefe der Zeit“

Etwa seit der Jahrtausendwende konzentriert Stasiuks Werk, in alter polnischer Tradition, zusehends Reiseberichte und Essays. Dabei zieht es den Autor an die Ränder Europas und darüber hinaus. In Unterwegs nach Babadag, Fado und Tagebuch, danach geschrieben (alle Suhrkamp Verlag) waren es noch Südosteuropa und die Balkanländer. Nun ist es (außerdem) der ferne Osten. Insbesondere öde Landstriche wie die sibirische Steppe, die Wüste Gobi und Altan Els haben es dem Reisenden angetan. Wie ein postmoderner Nomade fährt er „in die Tiefe der Landschaft und zugleich in die Tiefe der Zeit. Denn hier ist fast alles, wie es früher war. Kaum etwas hat sich verändert.“

Der Urtümlichkeit der Natur stellt Stasiuk den Überfluss der westlichen Kultur gegenüber. Die Welt der freien Wahl verdrängt (in Polen) allmählich das Alte, Lokale und Autochthone. Der Markt, wo früher unersetzliche Produkte für den landwirtschaftlichen Gebrauch verkauft wurden, ist nun ein Ort, an dem billiger Synthetikkram aus China angeboten wird. Und das Grau des einstmals kommunistischen Polens wird ersetzt durch eine Farbexplosion, „als hätte ein Affe sich mit dem Pinsel ausgetobt.“ Diese zwei Welten bilden, wie in seinen vorherigen Werken auch, den Kosmos dieser Texte. Das Neue trifft auf das Alte, das Postmoderne auf das Archaische. Tiefreligiöse Großmütter gehen mit ihren Enkelinnen in die Kirche, denn die eigenen Kinder verdienen ihr Geld im Ausland, um es daheim für nutzlosen Ramsch auszugeben oder an Urlaubsorten zu verkonsumieren. In dieser „Materie der Welt“ ist Stasiuk stets auf der Suche nach dem Urtümlichen, das parallel weiter existiert, mit seinen „Zeichen aus der Tiefe der Zeit, aus der fernsten Steppe.“ Denn das Alte sei überall gleich.

Das Reale des Grenzübergangs

Sein literarisches Debüt beginnt mit den Worten: „Von Wand zu Wand. Von Wand zu Wand. Vom Fenster zur Tür. Von der Tür zum Fenster.“ (Die Mauern von Hebron, Suhrkamp Verlag) Während er darin den geschlossenen Innenraum eines Gefängnisses durchschreitet, durchwandert und durchfährt Stasiuk mittlerweile (mehr oder weniger) offene Außenräume. Auf Fotografien zeigt er Häftlingen „die Grenzenlosigkeit der Steppe, die Unendlichkeit des Altai“, damit „ihre Seelen eine Art Läuterung, etwas wie Sehnsucht erfahren und für diesen kurzen Augenblick den engen, heißen und muffigen Saal verlassen.“ Auch wenn seine aktuelle Werkphase scheinbar weit entfernt ist von seinen literarischen Anfängen, so durchleuchten altbekannte Topoi auch die neuen Texte. Żmigród, Dukla (Galizische Geschichten, Die Welt hinter Dukla, beide Suhrkamp Verlag), lichtdurchflutete Provinznester und apokalyptische Stadtlandschaften erheben sich immer wieder vor dem Auge, um beschrieben, bezeichnet und bestimmt zu werden.

So auch intakte und verwaiste Grenzübergänge. Im Pamir Gebirge betrachtet Stasiuk einen Grenzzaun, einen „Teil der längsten von menschlicher Hand geschaffenen Konstruktion der Welt. In ihrer Blütezeit zog sie sich ohne Lücke von der Ostsee bis zum Pazifik.“ Heute rostet und zerfällt dieses Konstrukt, weist Löcher auf und ist längst nicht so vollkommen wie damals. Die Grenzen sind brüchig, so auch die der „belagerten Festung“ Europa. Vor deren Stacheldrahtmauern sterben Menschen in Erwartung des Einlasses. „Wenn wir etwas öffnen, müssen wir gleichzeitig etwas schließen, von etwas müssen wir uns abgrenzen.“ Die Furcht vor Flüchtlingswellen und Völkerwanderung wächst. Gerade in dieser Angst zeigt sich das Reale des Grenzübergangs, auch innerhalb der Europäischen Union. Die symbolische Bedeutung der verwaisten Grenzposten weckt Misstrauen vor der Zukunft, sie könne es sich einfach anders überlegen und umkehren. Was tragisch wäre, denn „[w]enn man die Welt von oben betrachtet, von einem Bergrücken, einem Pass aus, verlieren die Grenzen ihre Bedeutung.“

Die Landschaft der Erinnerung

Das Bild ist für Stasiuk ein Fenster zur Welt, und „[g]ibt es deutlichere Bilder als die, an die wir uns aus der Kindheit erinnern?“ Daher begleitet ihn die Erinnerung wie ein treuer Gefährte auf seinen Reisen. Einmal ergänzt sie das Betrachtete, ein andermal erfüllt sie die Betrachtung. Und immer wieder ist es die Kindheit im Nordosten Polens, die Heimat seiner Vorfahren, die er evoziert: Podlasie, wo Stasiuk als Kind seine Sommerferien verbrachte. Doch hat sich die Landschaft, im Vergleich zu seinen vorherigen Werken, verändert. Das Landleben wird zunehmend verschlungen vom Urbanen. Wo früher eine volkstümliche Idylle herrschte, prügelt sich nun die Dorfjugend und im Gras liegt Drogenmüll. Stasiuk betreibt eine Re-Lektüre der Sehnsucht, das heißt, der eigenen Schriften und des eigenen Lebens, kurz: seines Lebenswerkes, das er aktualisiert und neu erschafft, um dem Zerfall einen Sinn zu geben. „Die Gegend stirbt Haus für Haus ab, und es ist, als würde mein eigenes Leben weniger. Denn was wird mit uns geschehen, wenn alle Orte untergehen, an denen wir unsere Zeit verbracht haben? Wir werden sie neu erfinden müssen, und auch unser früheres Leben wird sich in eine Erfindung verwandeln. Es wird eine Spielerei des Gedächtnisses sein, mehr nicht.“

Der Stich im Herzen ist ein Konvolut aus Prosaminiaturen und Feuilletonartikeln, die Stasiuk (teils regelmäßig) für verschiedene Publikationsorgane verfasst hat. Zum Beispiel den Tygodnik Powszechny (Polen), L’Espresso (Italien) und die Neue Zürcher Zeitung (Schweiz). Das erklärt ihre Kürze und gelegentliche Rudimentarität. Trotzdem: Zu den bedeutendsten und schönsten Texten dieser Sammlung (und seines gesamten Schaffens) zählen eine Meditation über Herta Müller und ihre rumänische Heimat (Herta Müller), eine einfühlsame Reflexion über die europäischen Roma (Zigeuner) und eine programmatische Schrift über die eigene Poetik (Aus der Ferne). Alles in allem entführt Stasiuk mit dieser luziden, stampfigen Prosa den Leser jenseits der Landschaft, jenseits der Geschichte, jenseits der Erinnerung in eine mystische Welt – in die Welt der Literatur. „Ich blickte durch die Zeit, ich blickte durch die Ereignisse hindurch, quer durch all das Vergangene. Wie durch eine Fensterscheibe starrte ich durch mein Leben und sah eine unbekannte Landschaft.“

Andrzej Stasiuk: Der Stich im Herzen
Aus dem Polnischen von Renate Schmidgall
Suhrkamp Verlag, 207 Seiten
Preis: 10 Euro
ISBN: 978-3-518-46577-6
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