Ist das Kunst oder kann man das lesen?

Teresa Präauer - Johnny und Jean   Cover: WallsteinMit Johnny und Jean hat die österreichische Autorin Teresa Präauer einen Roman vorgelegt, der die Bezeichnung ‚Kunstwerk‘ im wahrsten Sinne des Wortes verdient hat. Für den Preis der Leipziger Buchmesse hat es jedoch nicht gereicht – vielleicht auch, weil man sich über Kunst bekanntlich streiten kann?

von PIA ALEITHE

Johnny und Jean erzählt die Geschichte von Jean, einem erfolgreichen, weil exzentrischen Kunststudenten und seinem Pendant Johnny, dem introvertierten Ich-Erzähler dieser coming-of-age story. Johnny folgt Jean aus dem gemeinsamen Heimatdorf in die große Stadt und versucht sich ebenfalls an einem Kunststudium. Die Kunst und das Künstlerdasein bilden den thematischen Rahmen der Handlung und auch auf erzählerischer und stilistischer Ebene durchzieht der Kunstdiskurs den Roman.

Im Dialog mit der Kunst

In Johnnys Erzählerbericht über seine Studienzeit und seine Entwicklung vom unsicheren Studenten zum Maler mischen sich mit Fortschreiten des Romans immer häufiger erst kürzere und später längere Episoden, in denen er imaginierte Zwiegespräche mit seinen Künstleridolen führt, die das Themenfeld Kunst aus thematischer, ästhetischer und interpretatorischer Perspektive aufrollen. Neben der Anrufung alter Meister der (modernen) Malerei wie Manet, Duchamp und Dalí kommen in Johnnys Kopf unter anderem auch Mondrian, Beuys, Hockney, Balthus (dem Johnny im Malstil ähnelt), Alex Katz und Charlie Chaplin als Dialogpartner zu Wort. Einen Mangel an Variation und Vermischung von Tradition und Pop-Art kann man dem Ensemble dieser inneren Mono-Dialoge wirklich nicht vorwerfen. Charme gewinnen die Episoden besonders durch ihre Leichtigkeit und Komik; Dalí droht Johnny, der mit großer Leidenschaft ausschließlich Fische zeichnet, in einem ihrer Gespräche mit dem Schmelzen seiner Wanduhr, sollte seine Malerei nicht bald besser werden. Im Gespräch mit Duchamp lernt er, „dass man für die Kunst manchmal auch den Zweifel braucht. Und die Einsamkeit und das Nachdenken. Oder irgendsowas.“

Sprachkunst

Zum Ende des Romans vermischen sich immer häufiger die imaginierten Kunst-Dialoge mit solchen, die Johnny mit realen Gesprächspartnern, wie seiner Freundin Valerie, führt. Dieser Effekt wird durch die Gestaltung direkter Rede verdichtet, in der auf Anführungszeichen verzichtet wird und der Sprecherwechsel nur durch Zeilenumbrüche gekennzeichnet wird. Was zu Beginn des Romans noch als angenehm erfrischender Erzählstil daherkommt, spitzt sich derart zu, dass ein Eindruck von Fragmentierung entsteht. Zusätzlich zergliedert die stakkatohafte Aneinanderreihung kurzer Hauptsätze den Roman. Diese Bruchstückhaftigkeit lässt den Leser zwischen dem Eindringen in ein faszinierendes sprachliches Wirrwarr und einem anstrengenden Leseerlebnis taumeln. Zeitliche und inhaltliche Sprünge finden ihren Ausdruck in Kapitelunterteilungen, die wiederum durch unterschiedlich gestaltete Farbkleckse oder Tupfen kenntlich gemacht werden und damit natürlich ihrerseits das Klecksen des Künstlers aufgreifen. Diese Verdichtung zeichnet den Roman aus und suggeriert auf einer Metaebene, dass das Leben, die Welt, die Kunst, ja einfach alles, miteinander verbunden ist.

L’art pour quoi?

So kunstvoll die Satz- und Dialogfragmente auch erscheinen mögen, sinnvoll für den Fortgang der Handlung sind viele dieser Fragmente nicht, und selbst die kritische Begutachtung der Standesdünkel des (post)modernen Kunstbetriebs täuscht nicht darüber hinweg, dass Johnny und Jean auch Teil dieses Gefüges ist. Angesichts dieses Romans mit seiner betont fragmentarischen Gestaltung stellt sich die Gretchenfrage der modernistischen und modernen Kunst: L’art pour l’art oder l’art pour l’objectif? Das Œuvre und der damit einhergehende Erfolg Jeans suggerieren, der Sinn der Kunst liege in ihrer Sinnlosigkeit. Jean, der kein größeres Ziel hat, als selbst zum Kunstwerk und zur Legende zu werden, erscheint hier als Personifikation der typischen Attitüde der künstlerischen Moderne. Letztendlich bleibt diese Frage aber, wie vieles andere im Roman, unbeantwortet.

Zudem ist die Kunst hier leider wirklich überall. Die zahlreichen Anspielungen und Insiderwitze zum Kunstdiskurs überfüllen den Roman, lassen ihn überlaufen. Für einen kunsthistorisch nicht allzu bewanderten Leser gehen die Andeutungen im schlimmsten Falle vielleicht sogar komplett unter oder verursachen zumindest Irritationen. Was soll der geneigte Kunstlaie von einer Aussage wie „wenn du als Maler wirklich weit bist, sagt Jean, bist du sowieso eine Zitrone“ schon halten? Mit wachsender Verwischung der Sprecher in den kryptisch visualisierten Dialogen führen sich die Anspielungen gar ad absurdum. Die Eingangsfrage danach, inwiefern sich Präauers Roman ‚lesen lässt‘ oder sich als abstrakte Kunst ausgibt, lässt daher nur eine Antwort zu: Johnny und Jean ist beides, Kunst und lesbar. Ja, man kann den Roman lesen – wie ein sich entwickelndes Gemälde, ein sich bewegendes Bild. In bester l’art pour l’art Manier kann man ihn als Kunstwerk verstehen. Natürlich bilden die Dialog- und Satzfragmente ein absurdes Theater, das den einen anstrengt und verwirrt, aber den anderen eben auch durch seine Cleverness erfreut. Und ja, Johnny und Jean hat Potenzial für jeden Leser, ob zur Kurzweil für kunstinteressierte Nerds oder als irritierend-schönes Leseerlebnis für Kunstbanausen.

Teresa Präauer: Johnny und Jean
Wallstein Verlag, 208 Seiten
Preis: 19,90 Euro
ISBN: 978-3-8353-1556-3
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