Schiffbruch mit Shakespeare

Der Sturm   Foto: © Sebastian Hoppe

Der Sturm Foto: © Sebastian Hoppe

Volker Hesse inszeniert am Schauspielhaus Düsseldorf William Shakespeares Der Sturm: Urs Peter Halter und Karin Pfammatter brillieren als stummer Ariel und „Untier“ Caliban – der Rest ist Bühne.

von NADINE HEMGESBERG

Die Unkontrollierbarkeit der Natur und die zivilisatorische Zähmung, sei es durch Kultur oder technischem Fortschritt, ist seit je her ein vielseitig ausgestaltetes Dispositiv in künstlerischer Deutung und Rezeption. Katastrophen machen diese Unkontrollierbarkeit immer wieder deutlich: Der Untergang der RMS Titanic zählt zu den größten Katastrophen der modernen Seefahrt und eines der symbolisch weit verbreiteten Bilder dieses Unglücks ist das der zu Helden gewordenen Musiker der Bordkapelle. Dem ausbrechenden Chaos und all der Panik an Bord zum Trotz spielen die acht Musiker bis zum bitteren Ende, dem Technikdebakel des unsinkbaren Schiffes und der nicht zu beherrschenden Natur – der See, des Eises – die kulturelle Praxis, die Musik, entgegensetzend. Keiner dieser acht Männer hat die Katastrophe überlebt.

Auf der Bühne des Großen Hauses am Schauspielhaus Düsseldorf taucht das Musikermotiv, das in zeitgenössischen Bearbeitungen – diversen Verfilmungen des Untergangs der Titanic und der narrativen Zuspitzung Erik Fosnes Hansens mit Choral am Ende der Reise (1999) – Eingang fand, wieder auf. Ein Quartett aus Streichern und Klarinettisten eröffnet so den Theaterabend. Das Publikum findet noch zu seinen Plätzen, da spielen Andreas Helgi Schmid, Lutz Wessel, Hannes Hellmann und Moritz von Treuenfels schon fleißig auf. „Mayday“ schallt es aus den noch offenen Theatertüren, Matrosen in orangefarbenen Warnwesten geben Alarm und machen die Theaterschotten dicht. Es rauscht, es donnert und grollt, die Scheinwerfer blenden auf ins Publikum, nunmehr eingeschlossen im sinkenden Schiffsrumpf. Die Gesellschaft sitzt im gleichen Boot des zivilisatorischen Untergangs. Das Quartett reißt es hinab, in der Mitte der Bühne bleibt ein klaffender Abgrund.

Lasst die magischen Spiele beginnen

In diesen Abgrund blickt das Mädchen mit der Lockenpracht und dem leichten Sommerkleid: Miranda (immer das naive Inselkind, Klara Deutschmann). Ihr Vater Prospero (Ernst Stötzner) erklärt ihr, was geschehen ist: Einen Sturm hat er beschworen, um die Feinde aus der Heimat kentern zu lassen und an die Insel zu spülen. Er selbst sei einst der Herzog von Mailand gewesen, ehe er vom eigenen Bruder Antonio entmachtet und mit der Tochter der See überlassen wurde. Die Insel war die Rettung, die Kreaturen des Eilands hat der zaubernde Ex-Herzog sich untertan gemacht.

Der Sturm - Karin Pfammatter als Caliban   Foto: © Sebastian Hoppe

Der Sturm – Karin Pfammatter als Caliban © Sebastian Hoppe

Der Luftgeist Ariel (Urs Peter Halter) umspringt Prospero mal wie ein toller Welpe, mal ist er selbst der diabolisch böse Clown, der die Puppen tanzen lässt. Nicht nur Prospero, der gleichzeitig Befreier von Ariel aus den Klauen einer Hexe und Herrscher über den Luftgeist und den an Gollum aus Herr der Ringe erinnernden Caliban (Karin Pfammatter) ist, strebt nach Macht, sondern auch eben jene Geschöpfe. Und ebenso die gestrandeten Feinde: Sebastian und Antonio versuchen, Alonso, den mitgereisten König Neapels, zu töten und die Matrosen Stephano (Heisam Abbas) und Trinculo (Andreas Helgi Schmid) machen gemeinsame Sache mit Caliban.

Der Rest ist Bühne

Die Welt ist eine Bühne und die Bühne ist die Welt im Kleinen, so heißt es landläufig im Shakespearschen Sinne. Die Bühne von Stephan Mannteuffel (ebenfalls Kostüme) ist neben den beiden brillant mit ihrem Spiel herausstehenden Schauspielern Halter und Pfammatter, die den zahm zaubernden Prospero als Nebendarsteller in einer Rahmenhandlung erscheinen lassen, eine weitere Mitspielerin.

Mannteuffel verlangt der Bühnentechnik alles ab, die Transformationen sind unzählige: der klaffende Abgrund, das nebelgefüllte Meer, steile, sich wandelnde Treppenformen als zu erklimmende Gebirgsformationen, für jede Ausgestaltung mutiert der Boden unter den Spielenden aufs Neue. Sichtbar dabei nur die mechanischen Vorgänge, schwarz das Ganze, lediglich von oben hängt eine eingezogene Decke herab, die den Raum mal größer mal kleiner macht und das Licht reflektiert. In diesem Übermaß an technischem Bühneneinsatz spiegelt sich gewiss einer der wenigen Aktualisierungsbezüge von Hesses Inszenierung: Handelte es sich bei Shakespeares Zeiten um Zeiten des Umbruchs, der Erkundung neuer Kontinente und der wissenschaftlichen Vermessung der Welt und des Planetensystems, so handelt es sich gegenwärtig um eine Zeit der Maschinenhörigkeit des Menschen, in der man von der Angst spricht, von eben jenen erschaffenen Maschinen und deren künstlicher Intelligenz in nicht allzu ferner Zukunft abgeschafft zu werden. Die Mechanik, Technik, Maschinerie sind Fortschritt und Geißel zugleich, Utopia und Verdammnis – so auch die Insel des Magiers Prospero.

Vergeben und verziehen

Der Sturm, Stötzner und Halter als Prospero und Ariel   Foto: © Sebastian Hoppe

Der Sturm, Stötzner und Halter als Prospero und Ariel Foto: © Sebastian Hoppe

Es ist ein Genuss, dem stummen Spiel von Halter beizuwohnen, der nicht ein einziges Wort spricht, aber mit solch einer Präsenz die Bühne einnimmt, und dessen Minenspiel und Gestenreichtum das ganze Spektrum dieser Figur zu verkörpern weiß. Und ebenso Pfammatter, die als Caliban ätzt und greint, mit spastischen Armen und Füßen, mit Verrenkungen, unterwürfigen Gebärden und halb verrückt den Boden und Stiefel ableckt.

Wenn es Regisseur Hesse darum ging, genau diese beiden Figuren in den Mittelpunkt seiner Interpretation und Inszenierung zu rücken – und es wäre bei Weitem nicht das erste Mal, dass Regisseure gerade auf den Sklaven Caliban und die Kolonialisierungs- und Unterwerfungsmechanismen von Prospero setzen –, so ist es ihm freilich gelungen. Sollte dies jedoch nicht der Fall gewesen sein … nun denn. Stötzner spielt beiläufig, ist nicht präsent genug, um ein Konterpart für all die starken Auftritte seiner Mitspieler zu sein. So hangelt sich das Stück vom beginnenden Paukenschlag des Untergangs und dem aufgemachten Spannungsbogen etwas schlingernd bis zum Ende. Wären nicht die amüsanten Zwischenspiele mit Stephano und Trinculo und das begnadete Spiel von Halter und Pfammatter, so hätte die Inszenierung nicht annähernd diesen Esprit.

Am Ende sind übrigens alle wieder versöhnt, keiner ist ertrunken – ganz im Gegensatz zur Titanic und ganz im Sinne des Spiels bei Shakespeare – Miranda heiratet gar Prinz Ferdinand, Prospero soll sein Herzogtum zurückbekommen. Das ganze, wenn auch 12 Jahre lange Zwischenspiel auf der Insel, zum belanglosen Machtkampf verkommen, die eigentliche Ordnung wieder hergestellt. So zerbricht Prospero schließlich seinen Zauberstab, die Illusion ist vorbei.

Informatonen zum Stück
Nächste Vorstellungen:
Dienstag, 28. April
Mittwoch, 06. Mai
Sonntag, 17. Mai

Fotos: © Sebastian Hoppe

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