Hier und Dort: Angst und Schrecken

"Wir sind die Guten" am Schauspiel Essen   Foto: Martin KaufholdWir sind die Guten. Unter diesem Titel präsentierte der Regisseur Hermann Schmidt-Rahmer seine Inszenierung von Mark Ravenhills Shoot / Get Treasure / Repeat am Schauspiel Essen. ‚Wir‘, das sind gutsituierte Familien mit pseudo-hochbegabten Kindern, das sind Politiker, Nachrichtensprecher, Militärs. ‚Wir‘ sind alles in Abgrenzung zum ‚Anderen‘. Wir sind ‚gut‘, denn wir sind vor allem ‚normal‘. Oder?!

von SILVANA MAMMONE

Wer braucht schon Therapie, wenn er Diätshakes haben kann? Das Problem liegt sicher nicht im Kopf, sondern im Magen. Kein Wunder, bei all dem Kaffee, den wir trinken. Dann doch lieber einen Gurken-Avocado-Shake mit einem Schuss Buttermilch, und schon ist die Welt wieder im Lot. Schmidt-Rahmer hält uns im ersten Teil seiner Inszenierung einen Spiegel vor und bedeckt diesen mit einem dichten Schleier des Zynismus. Die Figuren wirken zwar verzerrt, doch verkörpern sie als Karikaturen zugleich eine pointierte Wahrheit unseres Denkens und Handelns. „Sicherheit ist das Wichtigste in diesem Leben.“ Sicherheit vor dem, was draußen ist: bärtige Terroristen, fanatische Islamisten. Verbarrikadieren wir uns in unseren Häusern, sperren unsere Gedanken in kleine Holzkirchen, solange diese nur in dem kleinen Dorf, das unser Hirn ist, bleiben. Fragen, Mitgefühl, Toleranz – das sind alles Risikofaktoren. Dabei schützt uns niemand vor dem Ursprung unserer Angst, den Medien, die uns Schreckensnachrichten bescheren und dabei nie vorbehaltlos den Schrecken der ‚Anderen‘ präsentieren. Unreflektiert lassen wir uns beeinflussen und verbreiten auf reaktionäre Weise eine ausufernde, irrationale Panik. Über der Bühne (Adrian Ganea) hängt eine alles überragende, omnipräsente Leinwand.

Burka aus Deutschlandflaggen

Eine dreiköpfige Familie lebt zu Anfang des Stücks in einer Holzkirche in der Größe eines Gartenhäuschens. Aber wie kam der Sohn (Johann David Talinski), in Gottes Namen, hinter all der Abschottung an eine Lego-Moschee? Der insgeheim rassistische, homophobe Vater, überragend gespielt von Daniel Christensen, sieht aus wie Aladdin (Kostüme: Michael Sieberock-Serafimowitsch), rastet aus wie Rumpelstilzchen und zerdeppert seinem Sohn das Spielzeug. Aber er ist nicht rassistisch, er ist ‚normal‘. „Eine Gemeinschaft gibt es nicht“, genauso wenig wie „Integration im Islam“. Während der dichte und nicht minder brisante Text des Stückes klare Abgrenzungen schafft – zwischen gut und böse, uns und anderen –, wird inszenatorisch durcheinander gewürfelt, was geht. Heraus kommt eine chaotische, doch nichtsdestotrotz durchdachte Collage aus kulturellen Symbolen und gesellschaftspolitischen Floskeln ohne Handlungsstrang. Bis schließlich der Vater mit Turban auf dem Kopf einen Terroranschlag auf das kleine Lego-Modellbaustädtchen verübt. Die Inszenierung macht deutlich, dass Angst nicht nur zu irrationalem, engstirnigem Denken führt, sondern in der Weiterführung zu Raserei und Aggression. Naiv und TV-verblödet fragen wir uns, warum ‚sie‘ uns das antun. Wir sind doch ‚gut‘. Offensichtlich stellen wir nicht die richtigen und konstruktiven Fragen. Stattdessen verbarrikadieren wir uns geistig und körperlich lieber weiter, um ‚Sicherheit‘ zu schaffen. Dabei wissen wir gar nicht, wovor wir uns schützen müssen – und vor allem, wer eigentlich am meisten Schutz vor uns benötigt.

"Wir sind die Guten" am Schauspiel Essen   Foto: Martin KaufholdKommunikationsprobleme und Kriegskritik

Während „hier“, wie der erste Teil der Inszenierung benannt ist, die Hölle auf unseren Bildschirmen und in unseren Köpfen losbricht, wird „dort“ alles dem Erdboden gleich gemacht. Vorerst veranschaulicht die Inszenierung plakativ die Kommunikationsprobleme, oder besser das Unverständnis der guten ‚Wir‘-Partei. Die Darsteller stehen entrüstet und perplex vor der übergroßen Leinwand und versuchen, sich per Skype mit einem potentiellem Terroristen – also einem arabisch-stämmigen Menschen – zu verständigen. Schlussendlich bleibt ihm nur eins zu sagen: „Zeig deinen Kindern, was in Afghanistan passiert!“ Daraufhin wird ein YouTube-Video eingeblendet, welches amerikanische Bombenangriffe auf IS-Soldaten zeigt. Intelligent wird gegen die Kriegstreiberei westlicher Medien gewettert, mal auf schockierend direkte Weise, mal mit der Nachrichtensprecherin von Fox News, die mit schauriger Überzeugung erklärt: „We have to kill them!“ Dabei gilt die Kritik, gemessen am reißerischen Charakter beider Aufzeichnungen, vor allem der radikalen Darstellung eines komplexen Sachverhaltes. Scharfsinnig thematisiert der erste Teil besonders eins: dass unsere Gesellschaft gar nicht weiß, wer ‚die‘ sind und was ‚dort‘ eigentlich passiert. Was in der allgegenwärtigen Intoleranz vor allem übergangen wird, ist der zu Anfang auf der Leinwand erscheinende Satz: „Jeder von uns ist ein Individuum.“

„The prey for the winner, for the victim fucking malnutrition“

Den armen Bürgern unter totalitären, radikal-islamistischen Regimen muss geholfen werden, ist ja klar, wegen „Menschenrechten etc.“. Demokratie muss her. Und wenn diese nicht von alleine und schnell genug kommt, dann eben mit Waffengewalt. Und dann: Demokratie in der Wüste. Schmidt-Rahmer deckt die Heuchelei der militärischen Politik auf, ebenso wie die Gewalt, die auch noch nach dem Krieg herrscht, wenn die Bürger mit den Trümmern weitestgehend alleine gelassen werden. Eine Gewalt, die gleichsam eine des ewigen Aufzwängens unserer Werte und des Verweigerns unseres Wohlstands ist. Letzteres bildet die Grundlage für eine der am stärksten inszenierten Allegorien des Stücks, wenn eine hungernde Frau (Silvia Weiskopf) am Käsebrötchen des Sektor-Bürokraten (Thomas Büchel) zugrunde geht und dieser daraufhin fluchend und gewaltsam versucht, sie wiederzubeleben. Ärgerlich, wie sich die Leichen buchstäblich anhäufen, unsere bürokratische Organisation keine wirkliche Abhilfe schaffen kann und das Paradox einer gewaltsamen ‚Rettung‘ immer deutlicher zum Vorschein kommt.

„Moralische Geiselhaft“

Wenn deutlich wird, dass die Rettung vielmehr Zerstörung war, und Politiker auf der Bühne beginnen, sich scheinheilig rauszureden, wird Platz gemacht für die großen Schuldgefühle derer, die den Krieg gar nicht begonnen haben. Dennoch leben ‚wir‘ von den wirtschaftlichen Profiten der herrschenden globalen Machstrukturen. ‚Wir‘ telefonieren mit unseren „Schuldhandys“ und setzen unsere Hinterteile tagein tagaus auf die Holzleichen des Regenwaldes. Eine Publikumsabstimmung unter der Frage „Sollen wir nach Syrien?“ verwandelt ‚unsere‘ indirekte Zustimmung, entstanden durch Vorurteile und kollektive Volksverdummung, in eine direkte Entscheidungsmacht. Eine Antwort gibt es nicht wirklich von den Zuschauern, was immerhin ein Anfang ist. Schmidt-Rahmer macht das Publikum zu Patrioten, wenn er Deutschlandflaggen verteilt, sowie zu Anteilnehmern, wenn die Zuschauer über die überspitzten, doch nicht minder pointierten Sachverhalte lachen oder in bestürztes Schweigen verfallen. Die Inszenierung weckt auf und lädt dazu ein, stets den Blickwinkel zu wechseln, um niemals in einer Ansicht zu verharren. Selbst Schuldgefühle, wenn unzureichend reflektiert, verklären die Sicht, was durch das gut gemeinte „Goetheinstitut für Damaskus“ zynisch auf den Punkt gebracht wird.

Mission accomplished“

Dass Kunst keine Kriegsopfer heilen kann, jedoch aufwecken und bilden kann, zeigt am Ende Wir sind die Guten. Schmidt-Rahmers Inszenierung ist eine Flutwelle an Eindrücken sowie mal mehr, mal weniger subtile Kritik an uns selbst und unsere Zeit. Ein wahres Kunststück ist, dass es ihm in aller Aggressivität der Darstellung nie an Verständnis zu mangeln scheint. Das liegt zum einen daran, dass er sich keine Stringenz oder absolute Urteilsmacht anmaßt. Zum anderen gründet es in dem dicken Schleier des Zynismus, der die gesamte Darstellung überdeckt und immer auch als Schutzpolster dient. Schmidt-Rahmer zieht dem Publikum sinnbildlich den Stock aus dem Arsch, die Schleier von den Augen und versteht es dabei auf brillante Weise, die Zuschauer zum Lachen zu bringen. Das Hirn durchflutet, ist es Zeit für sinnvollere Fragen und Erkenntnisse. ‚Wir‘ sind nicht wir. Wir sind nicht ‚gut‘. Doch wer sind ‚wir‘, wenn wir nicht ‚gut‘ sind? Wer sind ‚die‘, wenn sie nicht schlicht und einfach böse sind? Wie können wir uns in diesem Chaos noch verständigen und versuchen zu verstehen? Als Erstes sollten wir von unseren Diätshakes aufschauen.

 

Informationen zum Stück

 

Mittwoch, der 06. Mai
Donnerstag, der 14. Mai
Freitag, der 22. Mai

 

 

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