Mut zur Ungemütlichkeit

Berliner FestspieleStefan Wipplinger und Alexander Manuiloff eröffnen den Stückemarkt des Theatertreffens 2015 mit Hose, Fahrrad, Frau und Der Staat (The State) und zeigen, wie wenig das Theater braucht, um zu überzeugen.

von ALINE PRIGGE

Aus 277 Einsendungen hat die fünfköpfige Jury des Stückemarkts 2015, bestehend aus Tim Etchells (Forced Entertainment), Helgard Haug (Rimini Protokoll), Lutz Hübner, Milo Rau (International Institute of Political Murder) und Yvonne Büdenhölzer (Leiterin des Theatertreffens), die fünf vielversprechendsten Zeugnisse neuer Autorenschaft ausgewählt. Diese werden in szenischen Lesungen, Gastspielen und Performances vom 03. bis zum 06. Mai im Haus der Berliner Festspiele präsentiert.

Die Ökonomie des Tausches

Was haben Tom (Elias Arens), Michaela (Lisa Hrdina), Alf (Christoph Franken) und Janne (Kathleen Morgeneyer) gemeinsam, außer diesem Penner (Wolfgang Michael), der ihnen das Leben schwer macht? Sie wollen etwas: Tom und Janne die Wohnung tauschen, Michaela ein Kind und dass Alf eine Hose spendet, Alf will seine weiße Socke und wahrscheinlich, dass Michaela aufhört, ihn wegen der Hose zu nerven. Auch der Penner will etwas, eine neue Hose, aber nur, wenn der ehemalige Hosenbesitzer dafür sein Buch nimmt – und wenn das nicht geht? Was, wenn man nicht bekommen kann, was man will? Vielleicht sollte man sich dann auf etwas anderes konzentrieren, schlägt der Obdachlose Michaela vor. Auf etwas anderes hat auch der Bruder (Aleksandar Radencović) versucht sich zu fokussieren, der in die Stadt gekommen ist, um seine Schwester (Almut Zilcher)  zu finden. Aber geschafft hat er es nicht, deswegen ist er hier, ohne Geld und einen Plan, nur mit dem Dritten (Ernest Allan Hausmann).

Sie alle sitzen am Rand der Bühne, auf einem Sofa, einer Bank, verstecken sich hinter dem Klavier, an dem Anton Berman sein musikalisches Talent beweist, oder verschwinden in der Dunkelheit des Theaters. Im Gegensatz zum Konsumdenken der Figuren ist die Bühne während der szenischen Lesung beinahe leer. Doch ebenso wie die Textzettel in den Händen der Schauspieler, scheinen auch weitere Requisiten überflüssig. Stefan Wipplinger zeigt in seinem Stück ein Händchen für wunderbare Unerträglichkeit. Immer wieder wirft er seine Charaktere in unangenehme Situationen, die schnell in plumpen Slapstick oder echtes Fremdschämen abdriften könnten, wären da nicht die klar gezeichneten Figuren und die Schauspieler, die sie verkörpern. Sie schaffen Momente des Unbehagens, etwa wenn der Ehemann (Felix Römer) dem Dritten seine Töchter anbietet, nur um ihn schließlich selbst anzumachen, oder wenn man Janne und Alf beim mehr oder weniger unfreiwilligen Balztanz zuschaut. Sie kreieren aber auch Augenblicke von zerbrechlicher Privatheit und Sehnsucht, zum Beispiel wenn sich Tom und Janne zwischendurch tief in die Augen schauen oder der Penner dem Dritten im Schlaf Mut zuspricht. Am Ende hat jeder etwas bekommen – oder getauscht, und sei es nur die Aussprache eines Wunsches gegen die Erkenntnis, sich auf etwas anderes zu konzentrieren.

Wer hat gesagt, dass die Aufführung noch nicht angefangen hat?

Nach diesem humorvollen, klassischen Sprechtheater stellt Der Staat (The State) von Alexander Manuiloff das Publikum als Co-Autoren in den Mittelpunkt der Performance. Unter anderem basierend auf der Selbstverbrennung des bulgarischen Aktivisten Plamen Goranov im Februar 2013, befinden sich 63 kurze Statements in schmucklosen weißen Umschlägen auf einem schwarzen Tisch unter einem von der Decke herabhängenden Mikrofon. Es erinnert an eine Szene aus einem Film, in dem gleich die nächsten Boxkämpfer angekündigt werden.

„Die Aufführung beginnt in fünf Minuten“, liest schließlich einer der Zuschauer aus einem Brief auf dem Tisch vor. Ein Lachen geht durch das Publikum, das in einem Kreis um den Tisch angeordnet ist. Die Minuten vergehen, ohne dass etwas passiert. Schließlich traut sich eine Frau, den nächsten Briefumschlag zu öffnen und daraus vorzulesen. Es entspinnt sich eine spontane Asymmetrie von langgezogenen Sekunden des Wartens auf den nächsten Leser, dem schnellen Wechsel von Sätzen, um der Frau in der ersten Reihe, die ständig laut ihren Senf dazu gibt, das Wort abzuschneiden, bis hin zum Überlappen der einzelnen Vorleser. Der Staat räumt all diesen Beiträgen einen Platz ein, er lässt Raum für den Zuschauer, der aus einem Brief ein Boot baut, für die Frau, die Umschläge weitergibt, und für den Mann, der schließlich die Frau aus der ersten Reihe auffordert, ihre „Profilneurosen“ woanders auszuleben. Das Publikum bestimmt, ob es die Umschläge entsorgen, behalten oder verschenken will, welches Statement als nächstes vorgelesen wird, ob es gehört wird oder nicht. Mal allein, mal in einer Gruppe stehen die Zuschauer um Tisch und Mikrofon, räumen auf oder bringen durcheinander. Viel zu selten jedoch wird die Stille, das unangenehme Warten oder die Ruhe, einen Beitrag nachklingen zu lassen, ausgehalten. Statements, die dem Aktivisten Planem Goranov Selbstzweifel oder Gesellschaftskritik zuschreiben, werden eingerahmt von der Ungeduld eines neuen Beitrags oder dem Drang, etwas passieren zu lassen. Und so ist bereits nach 45 Minuten der letzte Umschlag geöffnet. Ein Zuschauer fragt verwirrt: „War das jetzt der letzte?“

Als Nächstes dürfen wir auf eine Besprechung der Premiere von die unverheiratete von Ewald Palmetshofer, einer Produktion des Burgtheaters Wien unter der Regie von Robert Borgmann, im Haus der Berliner Festspiele gespannt sein.

 

Aline Prigge studiert Theaterwissenschaft und Komparatistik an der Ruhr-Universität Bochum und macht zurzeit ein Praktikum in der Presseabteilung der Berliner Festspiele.
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