Die Büchse der (un)begrenzten Möglichkeiten

Pandora 88   Foto: Aurora NovaIn dieser Woche präsentieren zwei renommierte Tänzer der Off-Szene und Mitbegründer der fabrik in Potsdam, Wolfgang Hoffmann und Sven Till, das Physical Theatre Stück Pandora 88 bei den Ruhrfestspielen. Seit nunmehr zwölf Jahren – Uraufführung war im Jahr 2003 – begeistern sie mit ihrer außergewöhnlichen Performance auf engstem Raum, die im Zuge des Fringe Festivals bei den Ruhrfestspielen gezeigt wird.

von SILVANA MAMMONE

Dass Tanz immer auch die Aneignung oder schlicht Nutzung von Raum bedeutet, scheint grundsätzlich eine simple Erkenntnis. Doch was geschieht mit dem tanzenden Subjekt, wenn ihm Raum genommen wird? Hört es auf zu tanzen und spricht stattdessen? Kauert es in der Ecke? In Pandora 88 ist diese Fragestellung noch weiter gefasst, indem die Tänzer zu zweit dieser Einschränkung ausgesetzt sind. In der Mitte der Bühne befindet sich eine Box ungefähr in der Größe einer Telefonzelle. Der spielerische Duktus der Performance wird direkt zu Anfang deutlich, wenn sich die zwei Tänzer an das gemeinsame Versteckspielen in der Kindheit erinnern und währenddessen mit neugierigen Blicken den Bühnenraum durchqueren. Spielerische Elemente erhellen immer wieder die Performance. Freiheit und Neugierde der kindlichen Unschuld werden von den Tänzern stets neu aufgegriffen und tänzerisch übersetzt. Somit wirken die Restriktionen der Box oftmals nicht einmal beklemmend, sondern ganz einfach wie die Umstände, aus denen die kindliche Welt entsteht, um im nächsten Moment wieder unterzugehen. Dadurch entstehen vor allem auch komische Momente, welche die Zuschauer zum Lachen anregen. Die Formen der Selbstbeschäftigung sind dabei immer experimentell, während die Box als Tanz-Raum vieles kontextuell so verändert, dass es von außen betrachtet sinnlos erscheint. Die Tänzer spielen Verstecken in der Box oder verkörpern pantomimisch Popcorn und aufeinander folgende Einbahnstraßenschilder. Letztendlich wird ihr Spiel zur Beschäftigung und Ablenkung für sie selbst und reflektiert dabei gleichzeitig den Zuschauer, der zwischendrin unterhalten wird, wenn die Box gerade nichts hergibt und die Tänzer bloß neugierig umherblicken.

Die zwei Tänzer befreien sich zunehmend von den Zwängen des Raumes, indem sie ihn imaginär auf verschiedenste Weisen erweitern, um ihn dann tänzerisch auszuloten. Die Einschränkungen, die ihren Körpern auferlegt werden, werden folglich in die absolute Ausnutzung des kleinen Raumes übertragen. Beginnen sie zuerst nur ihren Oberkörper zu bewegen, finden sie schnell neuartige Wege des Tanzens auf engstem Raum. Da wird die Wand zum Boden, wenn sie an der hinteren Wand einschlafen, als befänden sie sich im gemeinsamen Bettchen. Dann wird die Schwerkraft gedanklich aufgehoben, was zu fließenden Bewegungen und ausufernden Impulssetzungen führt. Auch die Beziehung der Tänzer zueinander reicht vom kindlichen, gemeinsamen Spielen bis hin zu Streit und tröstender Zuneigung. So wirkt die Performance gleichzeitig wie die Verbildlichung des Verlaufes einer Freundschaft, was tänzerisch durch verschiedenste Duo-Sequenzen zum Vorschein kommt. Die Eingrenzung führt eben vor allem auch zueinander.

Pandora 88   Foto: Aurora NovaFrei sein in der Unfreiheit

Irgendwann ist der innere Druck durch das zunehmende Gefühl der Beklemmung so groß, dass einer nur noch gegen die Wand rennt und das gemeinsame Tanzen zum Kampf mutiert. Indes gibt es nur noch die eine Bewegungsrichtung, nämlich raus. Es folgt Erschöpfung, ausgedrückt durch anhaltendes Im-Kreis-gehen. Dies führt gleichfalls zu einem der schönsten tänzerischen Momente, wenn sich Letzteres in einen langsamen Paartanz verwandelt. Während zuvor treibende Elektrobeats liefen, sind gegen Ende des Stücks ruhige Klaviertöne zu vernehmen. Auch lichttechnisch wird das Konzept der Box vielschichtig ausgeschöpft. Mal erscheinen die Tänzer als bloße Schatten, dann verschwinden sie bis auf ihre Hände, um in seichtem, warmem Licht wieder aufzutauchen und Spiele zu spielen.

Pandora 88 ist für den neugierigen, durch Tanz zu berauschenden Geist überaus empfehlenswert. Die Symbolik der Box beflügelt die Fantasie und lässt sich auf unzählige Emotionen, Gedanken und Situationen übertragen. Der Gedanke, dass zu viele Möglichkeiten unfrei machen, ist in unserer Zeit und folglich auch in der Kunst vielfach vertreten. Wolfgang Hoffmann und Sven Till drehen die Erkenntnis um und füllen auf verblüffende Weise einen ganzen Tanzabend damit. Am Ende inspiriert vor allem eine Tatsache und ihre wortwörtliche, tänzerische Verkörperung: dass Einschränkung Körper und Imagination auf eigentümliche Weise frei machen und Körper vielförmig zueinander führen kann.

Informationen zum Stück
Vorstellungen:
Freitag, der 15. Mai
Samstag, der 16. Mai
Sonntag, der 17. Mai
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