„Sie können jetzt klatschen“

Andreas Grothgar und Pia Händler im "Baumeister Solness"   Foto: Sebastian Hoppe

Andreas Grothgar und Pia Händler im „Baumeister Solness“ Foto: Sebastian Hoppe

Andreas Grothgar schreit, poltert und rauft sich das nicht vorhandene Haar. Er gibt den autodidaktischen Star-Baumeister Solness in der Inszenierung von Henrik Ibsens Stück unter Regie von Stephan Müller am Schauspielhaus Düsseldorf. Wird die Hybris dem Baumeister am Ende zum Verhängnis?

von NADINE HEMGESBERG

Des Baumeisters Haus, es erstrahlt in tadellosem Weiß. Es ist ein runder, moderner Bau, der hier auf der Drehbühne seine Kreise zieht – unverkennbar die Ähnlichkeit der Architektenbehausung mit dem Spielort selbst, dem Düsseldorfer Schauspielhaus (Bühne: Siegfried E. Mayer). Die Vorderseite ein schick geschwungenes Büro mit großem Ausblick in die Welt und für den Zuschauer Guckkasten in den Mikrokosmos des Erfolgs und des Niedergangs. Es sind gegenwärtige, wenn nicht gar zeitlose Befindlichkeiten, die im Baumeister Solness gären und durchgespielt werden: Der große Solness, er hat Angst, von der Jugend eingeholt, überholt und am Ende gar abgeschafft und somit obsolet zu werden. (Eine rheinische Zeitung wollte gar die Interpretation stark machen, in Grothgar könne man den äußerst berühmten Architekten Jacques Herzog ausmachen, der mit seinem Büro für die Elbphilharmonie verantwortlich zeichnet.) Er hört sie an seine Türe klopfen, diese Jugend, und die Hybris des Genialischen sitzt ihm im Kiefer wie ein faulender Zahn. Und dann rüttelt auch noch die Vergangenheit in Gestalt eines jungen und aufmüpfigen Fräuleins, Hilde Wangel (Pia Händler), an eben jener Tür. Vor zehn Jahren hat ihr Solness ein eigenes Königreich „Apfelsinien“ versprochen – und sie genommen, nach hinten gebogen, geküsst, mehrfach geküsst. 12 oder 13 Jahre war sie da gerade mal alt, nun ist die Prinzessin in spe gekommen, um sich zu holen, was ihr gehört – und das ist bei Weitem nicht alles.

Aber nicht nur dem großen Architekten sitzt die Vergangenheit im Nacken: Seine Frau Aline (spitzzüngig: Claudia Hübbecker) flüchtet sich in aufopferungsvolles Pflichtbewusstsein, um die Bürde tragen zu können, mit dem eigenen Körper (und der durch einen Infekt vergifteten Muttermilch) ihre beiden Kinder umgebracht zu haben, und um den Verlust ihres Elternhauses durch einen Brand ertragen zu können. Der aufstrebende und ebenso begabte Zeichner Ragnar Brovik (Jonas Anders) leidet daran, dass schon sein Vater von Solness ausgebootet wurde und auch er nicht den Zuspruch erhält, der ihm eigentlich für sein Talent gebührt.

Andreas Grothgar und Pia Händler im "Baumeister Solness"   Foto: Sebastian Hoppe

Andreas Grothgar und Pia Händler im „Baumeister Solness“ Foto: Sebastian Hoppe

Paraderolle für Grothgar

Der Solness ist eine Paraderolle für Andreas Grothgar: Er fläzt sich jovial und breitbeinig, wo er nur kann, verführt die arme Frau Fosli (mit Witz: Anna Kubin), die Langzeitverlobte Broviks und seine Buchhalterin, mit Blicken, plaudert in diesem überheblichen „Papperlapapp“-Ton, der ihm alles Bedeutungslose zum Untertan macht oder es grob von der Tischplatte fegt. Das ist stark, das hat eine Bühnenpräsenz, Chapeau. Warum der Funke bei der Betrachterin dennoch nicht überspringen wollte, ist bisweilen ein Rätsel, denn so richtig mitgerissen von dem gespielten Psychogramm eines an sich und seinen Ansprüchen scheiternden Mannes war sie nicht. Vor allem im Zusammenspiel mit Solnessʼ Nemesis, der gleichzeitig kindlich, leicht spielerisch und wie eine Aufziehpuppe eckig tanzenden Fräulein Wangel, changiert Grothgars Spiel zwischen einem albern entrückten und Midlife-gekriselten Mann. Manchmal ist das sehr glaubhaft, manchmal aber eben auch ein Quäntchen zu viel – stampfend wie die animalischen Wikinger berserkern Solness und das Fräulein durch den unbeackerten Boden des weiten Gartens. Manchmal verkommt es zu allzu verkitschten Bildern, manchmal einfach zu kindischem Irrsinn.

Wir wollen Luftschlösser bauen

Die Hundehütten lässt Solness die anderen bauen, auch das ewige Ausgestalten von luxuriösen Familienhäusern auf dem geerbten und parzellierten Grundstück der Familie soll nun ein Ende haben. Solness will wieder etwas Großes, Bedeutendes schaffen, vielleicht aber auch nur Luftschlösser mit Fräulein Wangel bauen. Es ist nicht ganz auszumachen, ob es nun Verzweiflung, Ausweglosigkeit, Größenwahn oder die pure Lust am Exzess ist, die den Baumeister letztendlich in den Tod stürzen lässt. Angestachelt vom Fräulein Wangel und dem eigenen Selbstbewusstsein steigt er, trotz Höhenangst und drohendem Schwindel, beim Richtfest seines neuen Hauses auf die Spitze des Daches, um den Richtkranz höchstpersönlich anzubringen.

In einer Zeitlupe, das Ensemble blickt in den Zuschauerraum, die Bühne ist grell ausgeleuchtet, spiegelt sich der Fall des Solness in der Mimik und Gestik der Spielenden – das blanke Entsetzen. Grothgar muss nicht aus luftigen Höhen stürzen, das Licht geht aus. Ibsens Drama endet ebenfalls mit dem Tod des Baumeisters. Ob die Inszenierung eine andere Erwartung geschürt hat, einen blutigen Fleck auf dem Bühnengrund, ein „Wie geht es weiter?“ der Familie? Fällt es einem schwer, den Tod zu beklatschen? Es bedurfte jedenfalls der Aufforderung eines Herrn in der ersten Reihe, „Sie können jetzt klatschen!“, um das Publikum aus seiner Starre zu holen.

Vielleicht muss man diesen Abend, auch die Langsamkeit, mit der Stephan Müller dieses Stück inszeniert, und das Atmosphärische der Szenen (Licht: Wolfgang Wächter) ein paar Tage auf sich wirken lassen, um das Zynische in der unerwartet entschleunigten Inszenierung, auch das Soaphafte darin zu erkennen.

Informationen zum Stück
Nächste Vorstellungen:
Dienstag, der 19. Mai
Samstag, der 23. Mai
Donnerstag, der 28. Mai
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