Teacher, leave us kids alone…

"Die Welle" am Schauspielhaus Bochum   Foto: Diana KüsterDie Welle in den Bochumer Kammerspielen zeigt eindrucksvoll, wie sich für das Projekt „Schulen in Bewegung“ 50 bunt gemischte jugendliche Laiendarsteller zusammenraufen und einen dynamischen, im Ganzen stimmigen Theaterabend auf die Beine stellen können. So mancher dramaturgische Fehlgriff oder nervositätsbedingte Patzer muss dabei zwar hingenommen werden, die Botschaft bleibt aber erkennbar.

von HELGE KREISKÖTHER

Der Stoff der Welle ist den meisten Theatergängern hierzulande sicherlich durch die Verfilmung aus dem Jahr 2008 (mit Jürgen Vogel in der Hauptrolle) geläufig. Ursprünglich war The Wave jedoch ein US-amerikanischer Roman aus den 1980er Jahren, der die Frage aufwirft, warum die Deutschen nichts gegen den Holocaust unternahmen. Die Inszenierung im Rahmen von „Schulen in Bewegung“ lässt Anklänge an Film und Buch verlauten, schafft aber auch eine eigene, rhythmische, bisweilen zu abgehetzte Version der brisanten Geschichte.

Der Geschichtslehrer Ben Ross (gespielt von Lukas Vogelsang) behandelt im San Francisco der 1960er Jahre mit seinen Schülern den Holocaust. Film- und Textmaterial scheinen für dieses Thema aber nicht auszureichen. So startet er auf die Frage hin, warum die Deutschen, von denen die Mehrheit ja angeblich gar keine Nazis waren, nichts gegen die Judenvernichtung unternommen haben, ein waghalsiges Experiment. Zunächst soll seine Klasse bloß Disziplin lernen, ordentlich stramm sitzen, stets im Stehen antworten; danach führt er schrittweise den speziellen „Wellen“-Gruß sowie den Wahlspruch „Stärke durch Disziplin – Stärke durch Gemeinschaft“ ein. Alle sind begeistert: Endlich kein Konkurrenzdenken mehr, keine Bervorzugung, alle ziehen an einem Strang, fühlen sich gebraucht, gefordert. Doch wie weit darf das Experiment gehen? Nur Laurie (Laetitia Radwan) scheint zu zweifeln und sich als einzige ihre Eigenständigkeit bewahren zu wollen. Ross selbst findet zu viel Gefallen an seiner „Führerrolle“, sieht ein, dass seine „Bewegung“ gestoppt werden muss, bevor sie unkontrollierbare Dimensionen annimmt. In letzter Minute wird das Experiment also abgebrochen. Der Film zeigt an dieser finalen Stelle, wie sich ein Schüler in den Mund schießt, weil sein Leben ohne die „Welle“ schlichtweg keinen Sinn mehr hat. So drastisch wird es in der Inszenierung nicht – ein wütender Pink-Floyd-Chor zieht hier den Schlussstrich.

Bunt und laut

Der ansonsten so grelle 75-minütige Abend beginnt mit drei Glockenspieltönen. Von den Seiten des Zuschauerraums kommen schrittweise junge Menschen mit Mikrophonen und Instrumenten, die in die Situation einführen und immer wieder erzählerartige Kommentare von sich geben. Dies mag einerseits hilfreich sein, andererseits reißt es aber oft aus dem brenzligen Setting heraus. Viel Gesang – der Chor nach Pink Floyds Another brick in the wall erscheint geradezu leitmotivisch –, eine Menge Perkussion und choreographische Einlagen lassen bisweilen Musical-Assoziationen aufkommen. Bis die Einspieler aus dem Dritten Reich und des Geschichtslehrers mahnende Worte die Ernsthaftigkeit zurückbringen. Lukas Vogelsang ist, schauspielerisch betrachtet, mit Abstand das Beste an der Inszenierung: Überzeugend gibt er den engagierten Geschichtslehrer, der sich im Laufe des Abends vom hawaiihemdtragenden Hippie zur energischen Führerpersönlichkeit und schließlich wieder zum reuigen Pädagogen entwickelt. Auch einige Rollen aus der Schülertruppe (im doppelten Sinne) stechen durch erstaunliche Glaubwürdigkeit hervor – die fünf Monate Probenarbeit scheinen Früchte getragen zu haben. Bunte Sitzwürfel und Klamotten machen in puncto Requisiten den Kontrast zur schleichenden Ideologisierung noch deutlicher (Bühne: Amelie Neblich; Kostüme: Leonie Cordes). Szenisch gibt es sogar vereinzelte Gänsehaut-Momente, z. B. das erste gemeinschaftliche Stampfen unter Verwendung des neuen Slogans (50 Schüler haben eben kein geringes energetisches Potential) oder Lauries albtraumhaftes Versinken in den herankriechenden „Welle“-Mitgliedern. Lob also an Martina van Boxen (Künstlerische Gesamtleitung), die Intendatin des Jungen Schauspielhauses. Permanentes Cheerleader- und Coole-Jungs-Gefasel hätte man allerdings, Schulprojekt hin oder her, getrost kürzen können – es nimmt dem Stoff seine Glaubwürdigkeit.

"Die Welle" am Schauspielhaus Bochum   Foto: Diana KüsterDie zeitlose Botschaft

Fest steht, dass der Nationalsozialismus und seine Gesellschaftsstrukturen bis heute eines der meist durchgekauten Unterrichtsthemen darstellen. Fest steht auch, dass so manchem Geschichtslehrer die Experimentierfreudigkeit eines Ben Ross gut täte. Die Motivation seines Selbstversuchs erscheint in unserer Zeit jedoch vielen abwegig – „so etwas würde heute doch nun wirklich nicht mehr passieren!“ Gerade das Gegenteil dieser landläufigen Annahme will Die Welle – ob Roman, Film oder Stück – aber zeigen. Wie lang würde es tatsächlich dauern, bis in einer Gesellschaft allgemeiner Schein-Toleranz und grenzenlosen Duckmäusertums der Fanatismus Wurzeln schlüge?
„Ich kann nicht verstehen, dass es immer noch Leute gibt, die nicht in der Welle sind“, heißt es an einer Stelle. So weit sollte es in den Köpfen gar nicht erst kommen. Die Grenzen zwischen Gemeinschaft und Zwang, zwischen Solidarität und Faschismus sind leider fließend.

 

Informationen zum Stück

 

Nächste Vorstellungen:
Freitag, der 22. Mai
Donnerstag, der 28. Mai
Freitag, der 29. Mai
Freitag, der 12. Juni
(Die letzten drei Vorstellungen sind allerdings bereits ausverkauft.)

 

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Ein Gedanke zu „Teacher, leave us kids alone…

  1. Das „coole Jungs“-Gefasel ist aber notwendig, wenn man bedenkt, dass es Anknüpfungspunkte zum Publikum (das Stück ist ja von Schülern für Schüler) braucht. Der große Twist, die Selbsterkenntnis funktioniert nur dann, wenn man sich mit den Charakteren auf der Bühne identifiziert – und das geht eben in einem solchen Stück besonders schnell dadurch, dass man dort Dinge und Handlungen sieht, mit denen sich die Schüler im Publikum verbunden fühlen. Gleiches gilt für die Cheerleader, die zudem noch als sympathischer comic relief wirkten.

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