Eine Sumpf-und-Stroboskop-Sinfonie

"Segen der Erde" am Schauspiel Köln   Foto: Tommy HetzelDas Schauspiel Köln zeigt als letzte Premiere der Spielzeit 2014/15 eine Bühnenfassung von Knut Hamsuns vieldeutigem Roman Segen der Erde. Robert Borgmanns Inszenierung changiert zwischen abstoßenden Orgien und kunstvollen Effekten, beklemmender Langeweile und schauspielerischer Größe.

von HELGE KREISKÖTHER

1920 erhielt Hamsun (1859-1952) für Segen der Erde den Literaturnobelpreis. Dies sollte aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass sein Monumentalwerk die Leserschaft (bis) heute spaltet; im Dritten Reich begeistert aufgenommen, später von Schriftstellern wie Hesse, Henry Miller oder Hemingway bewundert, macht es den Rezipienten unserer Zeit bisweilen stutzig. Ist der Mensch nun triebhaftes Tier oder überlegener Zivilisationsherold? Wird das Umbringen von Säuglingen mit Gendefekt gerechtfertigt oder bloß beschrieben? Ist der einsame Landbewohner dem verdorbenen Städter menschlich vorzuziehen?

Isak (Marek Harloff) ist der Erste in diesem platschernden Ödland, das später auf den Namen Sellanraa getauft wird. Er macht sich sein eigenes Stück Land „bewohnbar“, trifft Inger (Julia Riedler), zeugt rasch zwei Söhne mit ihr, kauft zahlreiches Vieh, baut weiter, pflügt den Acker… Wenn die menschlichen Verstrickungen nicht wären! Das dritte Kind, ein Mädchen, hat wie Inger eine Hasenscharte, weshalb es von seiner Mutter kurzerhand umgebracht wird. Quälend wortkarge, redundante Dialoge sind – im Roman wie in der Inszenierung – der einzige Ausdruck dieser eingleisig vor sich hin lebenden Existenzen. „Ist’s diesmal nichts geworden?“, fragt Isak beim Anblick der Leiche seiner Tochter. In der Stadt soll seine Frau sich zur Strafe bessern – als sie wiederkehrt, scheint sie jedoch ein anderer Mensch geworden zu sein, längst gewöhnt an die Vorzüge, die das Landleben nicht zu geben weiß. Ferner sitzt der Lensmann Geißler der Familie im Nacken und macht deutlich, dass sich mit Sellanraa ordentliches Geld verdienen ließe. So wird nicht nur eine Telegrafenlinie gegründet, sondern auch Kupfervorräte im naheliegenden Gebirge ausfindig gemacht, stellvertretend für aufkeimende Raffgier und den Kapitalismus des frühen 20. Jahrhunderts.
Nach einigen Ehebrüchen, Verleumdungen und neurotischen Krisen aller Figuren, die das Umland von Sellanraa bewohnen, ist es Isak und Inger schließlich vergönnt, einen friedvollen Lebensabend auf ihrem Landgut zu verbringen. Sohn Eleseus (Janis Kuhnt) geht dagegen exemplarisch an seiner Weltfremdheit zugrunde. „Wir sind alle nicht, wie wir sein sollten.“

Im Dunkeln ist gut munkeln

Die „Bühne“ in der Halle Kalk (Rocco Peuker) besteht an diesem Abend aus einer Flüssigkeit, die sich wie Wasser anhört und wie Erdöl aussieht. Die Ausstattung ist spärlich, besticht aber durch ihren abstrakten Reiz: ein hölzernes Fischerboot, eine herabhängende Kupferplatte, ein Gerüst im Stile eines Telegrafenmastes. Nach dem Einlass spielt sich die erste Viertelstunde der Inszenierung komplett im Dunkeln ab, unterbrochen von Stroboskop-Sequenzen, welche Isak und darauf Inger effektvoll erscheinen lassen (Licht: Michael Frank). Es folgen lautstarke Beischlafszenen, unterlegt mit elektronischer Musik. Die übrigen Figuren gehen – unter interessanten Beleuchtungseinstellungen von der Seite – auf und ab, suhlen sich im „Sumpf“, verkriechen sich im Boot, hacken Holz, gehen schreiend ab. So ist es im Grunde den ganzen Abend. Eine strapazierende Spielweise, welche die Triebhaftigkeit der Figuren unterstreicht und den Darstellern körperlich so einiges abverlangt. Marek Harloff alias Isak bleibt als kühner Pionier, als selbsternannter Herr über Grund und Boden, der er doch sein sollte, allerdings zu blass. Julia Riedler (als Käthchen von Heilbronn wesentlich authentischer) hält ihn mit ihrer physischen wie stimmlichen Gewalt viel zu offensichtlich im Zaum. Davon abgesehen passen beide von ihrer Statur kaum zu den Charakteren, die sie spielen. Die besten Leistungen aus dem Ensemble finden sich in Nebenrollen: Lou Streger überzeugt als einfältig-hinterhältige Oline, Miguel Abrantes Ostrowski glänzt als zerrissener Lensmann Geißler.

"Segen der Erde" am Schauspiel Köln   Foto: Tommy HetzelEin Hauch von Strawinsky und Lars von Trier

Borgmanns Segen der Erde weckt eine Menge Assoziationen. Die kontinuierliche Verwendung von Musik (atmosphärisch anschwellende Klänge des Duos Webermichelson), das ewige Geplätscher und die merkwürdig „mannhaft“ bis schrullig gezeichneten Charaktere erinnern, wenn man so will, an Wagners Ring; die sexuellen wie gewalttätigen Exzesse dagegen an Strawinskys Frühlingsopfer. Bilder aus dem heidnischen Norwegen könnte tatsächlich der Untertiel dieser Kölner Hamsun-Deutung lauten, wären da nicht die emphatischen Berufungen auf Jesus Christus. Die Szenerie, die Einsilbigkeit vieler Figuren, innere Zerstörtheit und Triebhaftigkeit lassen des Weiteren den Vergleich zu Lars-von-Trier-Filmen aufkommen. Immerhin geht auch in dessen Antichrist ein Ehepaar in den Wald – obgleich aus anderen Gründen – und zerfleischt sich selbst – obgleich ohne Happy End.

Alles in allem ist der Abend zweifellos eindringlich, schauspielerisch stellenweise grandios. Auch die Transformation des knapp 400 Seiten starken Romans in eine schlüssige Theaterfassung verdient Respekt. Bei aller Intensität zerrt das unentwegte Wassertropfen und inflationäre Stroboskoplicht jedoch schon vor der Pause an den Nerven. Für 3 ¾ Stunden gibt der Roman vielleicht auch einfach nicht genügend „Handlung“ im dramaturgischen Sinne her. Wer viel Zeit und Muße hat, möge den Selbstversuch starten.

Informationen zum Stück
Nächste Vorstellungen:
Donnerstag, der 4. Juni
Sonntag, der 7. Juni
Dienstag, der 9. Juni
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